Unsere Rundreise neigt
sich dem Ende zu. Es geht Richtung Pinar del Rio. Unterwegs fällt
die Servo- Lenkung des Busses aus. Günni ist besorgt, die Lenkung
setzt aber wieder ein. Günni wendet auf der Autobahn über
den bepflanzten Mittelstreifen(!). Er hält auf dem Seitenstreifen
an einer alten Scheune, einem Tabak- Trockenschuppen. Brian steigt
aus und fragt den kleinen Tabakbauern, ob er uns den Zutritt erlaube.
Der hat nichts dagegen, überreicht uns
Zigarren
zum Probieren und lädt uns zur Besichtigung ein. Zu dieser Jahreszeit
sind die Tabakpflanzen bereits abgeerntet. Auf den Feldern
steht
jetzt Mais. Diese Fruchtfolge soll optimal sein. Der Bauer präsentiert
uns seinen Trockenschuppen. Familienangehörige entblättern
hier die geernteten Tabakpflanzen, bündeln die Blätter und
hängen sie für 4- 12 Wochen über die Trockengestelle.
Danach werden sie in Garben weitere Wochen zu einer ersten Fermentation
gelagert bevor sie - gebündelt in großen Würfeln -
an die Zigarrenfabriken weitergeliefert werden. Wir bedanken uns bei
dem Bauern für seine Gastfreundschaft, hinterlassen ein paar
Dollars und fahren weiter.
In Pinar del Rio besichtigen wir eine Zigarrenfabrik,
die Fabrica de Tabacos Francisco Donation. Im Saal der Zigarrendreher,
der Torcadores, sitzen die Arbeiter, Schwarze, Weiße
und Mulatten, Männer und (überwiegend) Frauen. Die Arbeiter/innen
haben ein Tagessoll von 100 Zigarren zu rollen. Überschreiten
sie dieses, werden sie für die Mehrarbeit höher entlohnt,
zum Teil in US-$. Die Torcadores gehören zu den bestbezahlten
Arbeitern Cubas. Viele Arbeiter bieten uns Touris dennoch illegal
Zigarren zu niedrigeren Preisen an. Auch sie machen durch Zischlaute
auf sich aufmerksam. Angeblich ist das für sie ein riskantes
Unternehmen. Werden sie erwischt, fliegen sie! Das Eingehen dieses
Risikos läßt Rückschlüsse auf die wirtschaftliche
Situation der anderen Beschäftigten zu... Zigarren werden in
Cuba grundsätzlich in Handarbeit hergestellt. Als man Maschinen
einführen
wollte,
ist es fast zum Volksaufstand gekommen.
Im Anschluß an die Produktion erfolgt eine erste Vorsortierung, in der schlechte Ergebnisse rausgefischt werden. Dann folgt die Farbsortierung. Jedes Deckblatt hat naturbedingt einen leicht unterschiedlichen Farbton. Der anspruchsvolle Zigarrenraucher möchte die teuren Produkte jedoch in einer Kiste in möglichst gleichem Ton vorfinden. Abschließend erfolgt die Anbringung der Banderolen und die Verpackung in Zedernholz- Kisten.
Ich kaufe mir ein Paket Cohiba Minis, Cigarillos, denn mit Zigarrren habe ich auch in Cuba nicht Freundschaft geschlossen. Die bekanntesten Zigarren- Marken aus Cuba sind Cohiba, Romeo e Juliet und Montecristo. Die Cohiba ist für viele Raucher die beste (und auch teuerste) aller Havanas. Sie wurde von Che Guevara als Nonplusultra konzipiert. In allen Stadien der Herstellung - von der Saat bis zur Verpackung - wird bei der Cohiba auf höchste Qualität geachtet. Jede Zigarre dieser Marke geht durch bis zu 180 Hände, bevor sie in den Handel kommt. Nur die besten Zigarrenmacher Cubas dürfen die Cohibas rollen. Erst seit 1982 ist sie im Handel erhältlich, zuvor war sie nur Staatsgästen, die Cuba besuchten, vorbehalten. Es gibt insgesamt 11 verschiedene Formate. Die Jahresproduktion beträgt etwa 3,4 Millionen Stück.

Weiter geht es zu der Rumfabrik Bebidas Casa Casey, die den angelieferten Alkohol mit Guayabite- Früchten (ähnlich den Hagebutten) veredelt. Jeder Flasche werden 2 von den kleinen Früchten zugefügt. "Guayabita del Dinar" ist die Hausmarke, die es als duce oder seco zu kaufen gibt. Nach einer Verköstigung entscheide ich mich für 1 Fl. seco. Vom eigentlichen Produktionsprozeß bekommen wir nicht viel zu sehen - außer den Lagerfässern.
Wir fahren weiter nach Viñales, dem Ort, der dem gleichnamigen Tal seinen Namen gab. In einem "Touristen- Abfütterungslokal" nehmen wir ein gemeinsames Mittagessen ein, das für seinen guten Schweinebraten (ist wirklich gut...) bekannt ist. Natürlich spielt dazu eine obligatorische Son- Band die cubanischen Standard- Titel. Daß wir keine Alternative von Brian angeboten bekommen, gefällt nicht allen von uns.
Es
folgt der Hit des Tages - ein Besuch der nur von wenigen Touristen
frequentierten Gran Caverna de Santo Tomàs,
Cubas größtem Höhlensystem und mit 45 km erforschten
Gängen auf 5 Höhenniveaus dem zweitgrößten Lateinamerikas.
An der Besucherstation werden wir mit Helmen und Grubenlampen nebst
Akkus ausgerüstet. Wir sind an diesem Nachmittag die einzigen
Besucher. Es folgt ein ca. 1- stündiger Ausflug in die Unterwelt,
die in ihrem ursprünglichen Zustand belassen wurde. Keiner kneift!
Völlige Finsternis erwartet uns, keine ausgebauten Gänge,
Geländer oder Stufen. Ein Höhlen- Experte gibt uns während
der Exkursion fachkundige Informationen. Hier haben früher einmal
auch Ureinwohner Cubas gehaust, menschliche Knochenfunde lassen darauf
schließen. Die Luftfeuchtigkeit hier unten macht mir zu schaffen,
mir läuft der Schweiß nur so herunter. Ich bin froh, als
wir wieder Tageslicht sehen und - nach Abgabe der Ausrüstung
- den klimatisierten Bus betreten können.
Noch ist das Programm nicht beendet. Günni bringt uns zurück nach Viñales, wo wir den Garten einer sammelwütigen Frau besuchen, sie hat hier einen wild wachsenden Garten angelegt und bietet stolz den Besuchern Kostproben von Früchten und Säften aus ihrem Garten an. Die Innenwände ihres Hauses sind über und über mit allem möglichen und unmöglichen tapeziert: Zigarettenschachteln, Banderolen, Papstbildern usw. usw. Puppen und Nippes schmücken alle Räume. Ich kann dem ganzen nichts abgewinnen. Es ist das Refugium einer verrückten Sammlerin.
Am frühen Abend
erreichen wir das rosa gestrichene
Hotel Los Jazmines auf einem Felsvorsprung
oberhalb des Viñales-Tals. Das Tal bzw. der Ort hat seinen
Namen von den Weinbauern, die hier vergeblich versucht haben, Weinreben
zu kultivieren. Am Abend können wir auf der Hotel- Terrasse bei
einem Cocktail den Anblick des lieblichen Tals von Viñales
mit seinen roten Böden genießen, der von cubanischen Bauern
mit ihren Ochsen bewirtschaftet wird. Das Hotel besitzt eine der schönsten
Aussichten Kubas. Von hier aus schweift der Blick über die "Mogotes",
die zwischen den Tabakfeldern gelegenen saftiggrün bewachsenen
Karstkegel. Letzte Forschungen deuten
darauf
hin, daß sie die früheren Pfeiler eingestürzter Höhlensysteme
sind. Dafür sprechen die an einigen Felswänden zu sehenden
Stalagtiten. Frühmorgens soll der aufsteigende Nebel die ganze
Szenerie in pastellfarbene Töne tauchen und damit für eine
vollendete Bildharmonie sorgen. Dieser Anblick bleibt uns allerdings
versagt. Die ersten Regenwolken der nahenden Regenzeit sind aufgetaucht.
Das Los Jazmines ist eine ausschließlich von Touristen genutzte
Unterkunft mit den üblichen Annehmlichkeiten bis hin zum großzügigen
Pool.
Der nächste Tag markiert das Ende unserer Rundreise. Einige von uns haben noch Verlängerungstage am Strand von Cayo Levisa u.a. oder in Havanna gebucht. Für Alex und mich geht es zurück nach Deutschland.
Ich habe viel von Cuba gesehen, aber längst nicht einen umfassenden Einblick in die Lebensumstände der Menschen hier gewonnen. Es blieb bei Ansätzen. "Cuba Real" ist bestimmt nicht der richtige Name für die Rundreise! Er ist nur manchmal, meist in den Begegnungen am Rande der Straße, gerechtfertigt. Von Cuba Real kann man wohl nur sprechen, wenn man viele Monate (oder Jahre?) hier lebt, den Alltag miterlebt, nicht aber als Tourist. Allerdings ist der Ansatz des Veranstalters AvenTOURa zu loben, "sozialverträglichen Tourismus" zu fördern, indem man Initiativen und Einrichtungen finanziell unterstützt, die zu einer Besserung der Lebensumstände in Cuba beitragen.
Cuba und den Cubanern wünsche ich viel Glück bei der Bewältigung der anstehenden Aufgaben. Darauf hebe ich mein Glas, gefüllt mit einem "bittersüßen Mojito"!
