Äthiopien ![]()
Rekonstruktion einer Reise im Jahr 1982
Vorgeschichte und Anreise
Äthiopien, der älteste unabhängige Staat und das älteste Kulturland Afrikas mit mehr als 25 Jahrhunderten dokumentierter Geschichte war Anfang 1982 Ziel der ungewöhnlichsten und abenteuerlichsten Reise, die ich bisher unternommen habe. Zu dieser Zeit wurde Äthiopien von einer sozialistischen Militär- Junta (Derg) unter General Mengistu Haile Mariam, dem "Schlächter von Addis", regiert und war trotz seiner Schönheit touristisch ein fast weißer Fleck auf der Weltkarte. Es gab keine Reiseführer, lediglich einen Kunst- Reiseführer von DuMont.
Der Negus Negesti, Kaiser Haile Selassie, war erst 1974 gestürzt worden und die wenigen vermögenden Familien hatten Ihre Söhne und Töchter in die USA und nach Europa geschickt. So sollten sie vor der Willkür der neuen Machthaber geschützt werden und auf ausländischen Universitäten studieren können. Diesem Umstand verdankte ich die Möglichkeit, das Land zu besuchen. Zu meinem Freundeskreis gehörten damals Äthiopier, die in Deutschland studierten. Die Erlangung eines Visums für eine Individualreise nach Äthiopien war 1982 nur möglich, wenn der Bewerber die schriftliche Einladung eines äthiopischen Staatsbürgers, der dort seinen Wohnsitz hatte, vorweisen konnte. Diese Einladung erhielt ich mit meiner damaligen Freundin von der Familie eines äthiopischen Freundes, der aus der Hauptstadt Addis Abeba stammte. Mein Freund selbst konnte damals nicht sein Land besuchen, da er sonst Gefahr gelaufen wäre, wegen "Republikflucht" o.ä. verhaftet zu werden, zumindest aber nicht mehr ausreisen zu können. Insofern konnte ich praktischerweise auch als Bote für den Austausch von familiären Neuigkeiten fungieren.
Ich ließ mich im Tropeninstitut
gegen Gelbfieber und Hepatitis A impfen und begann mit der Malariaprophylaxe. Dann ging es um die Organisation eines
Fluges. Die Lufthansa flog Addis Abeba einmal wöchentlich via Rom
an, aber der Preis von ca. DM 6.000,-- für den 8-Std.-Flug war
damals für uns unbezahlbar, so entschieden wir uns für die
sowjetische Aeroflot. Eine Freundin, die im Reisebüro arbeitete, hat uns dabei geholfen. Die Aeroflot bot den Flug für etwas über
DM 1.000,-- (!) an, allerdings auf "Umwegen"... Endlich bekamen wir
das erforderliche Visum von der Äthiopischen Botschaft, wohlgemeinte
Warnungen schlugen wir in den Wind. Unser Flug ging von Frankfurt/ Main
über Berlin- Schönefeld (damalige DDR) und Warschau zunächst
nach Moskau. Dort wurden uns erst einmal die Pässe abgenommen.
Ich habe mich niemals im Ausland so ausgeliefert gefühlt wie damals
im kommunistischen Moskau ohne Pass (auch auf der Rückreise). Wir
wurden von Zöllnern und Militärs bis in die Kragenspitzen
gemustert und befragt - Was wollen Westdeutsche im sozialistischen Bruderland
Äthiopien? - und dann auf den Flugsteig für den Anschlußflug
nach Addis Abeba weitergeleitet; die Pässe zurückerhalten. Endlich
wieder im Flieger: die Passagiere an Bord eine Mischung aus Arbeitern
auf den Erdölfeldern, verschlossen dreinblickenden Gestalten, und
Geschäftsleute - keine Touristen außer uns beiden. Von Moskau ging
der Flug zunächst nach Odessa am Schwarzen Meer, wo die meisten
Arbeiter die Maschine verliessen. Während des Fluges gab es eine
sehr bescheidene Bordverpflegung, die Stewardessen fuhren mit einer
Drahtkarre, wie man sie als Einkaufswagen aus dem Supermarkt kennt,
durch die Gangway und verteilten wahlweise Wasser oder Bier in Weißblechdosen.
Von Odessa ging es nach Kairo und von dort nach Addis Abeba.
Während des Fluges hörte ich
auf meinem Walkman Bob Marley, Raggae- Musik aus Jamaika, deren Texte
oft sehnsuchtsvoll den Regenten Ras Tafari Makonnen, der unter dem Namen
"Haile Selassie" als letzter Kaiser Äthiopiens gekrönt wurde,
verherrlichen. Die Bezeichnung "Ras" bedeutet im Äthiopischen übrigens Fürst.
Leider sind meine Fotos von der damaligen Reise verloren gegangen, weshalb ich auf Fotos in WIKIMEDIA COMMONS zurückgegriffen habe.
Der Anflug auf die Hauptstadt über das von der Sonne ausgebrannte Hochplateau: atemberaubend. Es war Hochsommer am "Horn von Afrika". Wir verließen erleichtert den Flieger, der uns nach gut 24 Stunden endlich ans Ziel unserer Reise gebracht hatte. Die Abfertigung und Zollkontrolle ging erstaunlich zügig - wohl, weil unser Gastgeber mit etwas "Handgeld" nachgeholfen hatte.
In Addis Abeba, Äthiopien
Unser Gastgeber, den wir bis dahin
nicht kannten, war der Bruder unseres Freundes aus Deutschland. Er
holte uns mit einem großen alten Peugeot am Flughafen ab. Auf dieser Fahrt
bekamen wir einen ersten Eindruck von der Hauptstadt, die nur im Zentrum
einige asphaltierte Straßen (mit tiefen Schlaglöchern) kannte.
Wir fuhren durch - für europäische Maßstäbe - sehr
ärmliche Straßen: Häuser (chickas) aus Schlamm
und Stroh, Ziegelhäuser mit Wellblechdächern, Menschen in
Baumwolltücher gehüllt. Bilder, die mir in Erinnerung blieben:
Metzger, die das Fleisch an der Veranda ihres Geschäftes aushingen, dem Straßenstaub und den Fliegen ausgesetzt, alte Frauen, die riesige Reisigbündel
und Eukalyptuszweige zum Heizen auf dem gebeugten Rücken schleppten.
Dann erreichten wir das Anwesen unseres Gastgebers. Unser erster Eindruck: eine Laubenkolonie. Jedoch wurde das eingeschossige Haus von einer Mauer eingefriedet - an deren Einfahrt ein Eisentor, bewacht von einem Wächter, der das Tor auf ein Hupsignal öffnete. Der Wächter, ein alter Mann, wohnte in einem 1-Raum-Häuschen an der Mauer. Er wurde uns als bewährter Kämpfer gegen die Italiener im 2. Weltkrieg und als Mitglied der Familie vorgestellt. Dann zeigte uns ein Hausmädchen unser Zimmer, es war später Nachmittag. Schon an diesem ersten Tag wurde uns bewußt, in einer Mehrklassen- Gesellschaft gelandet zu sein. Uns wurde der gutgemeinte Rat gegeben, die Höhenlage Addis Abebas (2.400 m) nicht zu unterschätzen: die dünne Luft in Verbindung mit den stark sinkenden Nachttemperaturen hätte schon vielen Europäer eine empfindliche und nachhaltige Erkältung beschert. Also zogen wir uns wärmer an. Der Abend gehörte dem Kennenlernen und der Übermittlung von Neuigkeiten aus Deutschland. Obwohl unser Englisch sehr holprig war, gab es fast keine Verständigungsprobleme mit unserer Gastgeberfamilie. Die politischen Verhältnisse vor Ort waren nie Gegenstand unserer Gespräche.
Wir wußten nicht, was wir in Äthiopien zu sehen bekommen sollten.
In
den nächsten Tagen machten wir mit einem weiteren Bruder unseres
Gastgebers eine Stadtrundfahrt durch Addis Abeba. Wir sahen erstmals
größere Gebäude, den Regierungspalast des alten und
der neuen Machthaber (weiträumig vom Militär abgesperrt),
das Gebäude der Nationalbank, die Africa Hall der UN mit den berühmten
Glasfenstern des einheimischen Künstlers Afewerk Tekle und das Hilton (noch aus Haile Selassies
Zeit), in dem einmal im Monat ein bei Ausländern sehr beliebter
"bayerischer Abend" stattfinden sollte, so sagte man uns. Die Lufthansa
würde dazu jeweils frisches Weizenbier und Weißwürstchen
einfliegen, so unser "Stadtführer". Wir empfanden diese Vorstellung
als dekadent und deplaziert angesichts der überwiegenden Armut
im Land. An einem der folgenden Tage aßen wir dennoch auf Einladung
unserer Gastgeber im Hilton zu Mittag.
Wir schlenderten über den Markt von Addis Abeba, einem der größten
Afrikas. Hier hatten sich einige wenige Geschäfte auch auf den
Verkauf von landestypischen Souvenirs spezialisiert. Dazu muss
man wissen, daß die wenigen Ausländer zu dieser Zeit im wesentlichen
aus den sozialistischen "Bruderländern" kamen. Wir wurden beim
Tee von den Händlern nach unserer Herkunft gefragt: "Germany"!.Die Antwort auf die immer gestellte stereotype Gegenfrage: "East or
West?" löste kleine Begeisterungsstürme aus.
Die Ostdeutschen,
die damals vor allem als Entwicklungs-helfer und Militärberater
vor Ort waren, wurden uns beschrieben als Plastiktüten- bewaffnete
Feilscher, die möglichst weniger als den Einstandspreis für
begehrte Waren zahlen wollten. Den Trugschluß der Händler,
von uns Westdeutschen im Gegensatz dazu jeden Preis fordern zu können,
verhinderte unser einheimischer Freund.Dennoch zahlten wir für
die von uns erstandenen Waren einen
Preis, von dem wir meinten, daß
er beiden Seiten gerecht würde. So erstanden wir z.B. ein kunstvoll
besticktes Baumwollhemd, auf Kuhhaut gemalte äthiopische Musikanten- darstellungen
sowie die auf Leinen gemalte Geschichte der Königin von Saba. Aus
deren intimer Begegnung mit König Salomon von Juda entstammt nach
dem Nationalepos der Begründer der Äthiopischen Herrscher-
Dynastie, Menelik I.
Am nächsten Tag hatte sich meine Freundin in den Kopf gesetzt, sich in einem nahen einheimischen Laden (einer Mischung aus Kiosk, Moped-Tankstelle und Frisörbetrieb in Nachbarschaftshilfe) eine Flechtfrisur, sogenannte cornrows, machen zu lassen. Ich war davon nicht sehr angetan, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass helle Haut und blondes Haar mit einer "Rastafrisur" eine ideale Kombination bildeten - außer bei Bo Derek. Ich sollte Recht behalten. Nach der mehrstündigen Prozedur, bei der ihr die Haare mit Perlen in dünne Zöpfe geflochten wurden, sah sie aus wie Michael Jackson nach seiner Hautaufhellung. Sie fand´s gut, ich hingegen ...
Dann sollten wir eine Äthiopische
Kirche kennenlernen, einen Sakralbau der ältesten orthodoxen christlichen
Kirche der Welt. Wir besuchten eine am Stadtrand gelegene klassische
"Rundkirche", so genannt, weil der Kirchenbau mit einem kreisförmigen
Außengang um den eigentlichen, heiligen Innenraum angelegt ist.
Vor dem Betreten wurden wir aufgefordert, unsere Schuhe auszuziehen
- wie bei den Moslems; meiner Freundin wurde das Betreten des Innenraums
von einem alten Priester untersagt, dies sei ein Privileg der Männer.
Ich sah dort Darstellungen der Erzengel und des Jüngsten Gerichts
Unser Gastgeber lud uns zum Mittagesen
in ein einheimischen Restaurant ein. Auf einem niedrigen Tisch wurde
eine große Platte mit injera (Teff- Fladen) und verschiedenen, wat genannten, scharfen Saucen angerichtet! Teff ist eine Grashirse-
Art, die nur hier wächst, und die als Teig auf heißen Steinen
zu großen Sauerteig- Fladen von schwammiger Konsistenz gebacken
wird. Die Fladen reißt man in Stücke und tunkt sie mit den
Händen in diverse scharfe Saucen (mit verschiedenen Zutaten wie
Gemüse, Huhn, Rind- und Schaffleisch). Besteck wird nicht benutzt.
Dazu gab es das Nationalgetränk t´ej, eine Art Honigwein
und/oder t´ella, das einheimische Bier. Dieses Essen hat
uns sehr gut geschmeckt.
Der Schwiegervater unseres Freundes, ein wohlhabender Zahnarzt, hatte uns ebenfalls zu einem Besuch eingeladen. Wir wurden herzlich willkommen geheißen und bewirtet. Seine ehemalige Praxis war nun eine volkseigene Dental Clinic. Wir besichtigten seinen Behandlungsraum. Die Geräte (Bohrer) sahen aus, als stammten sie aus den 50er Jahren. Nur gut, daß wir während unseres Aufenthaltes dort keine Zahnschmerzen bekamen... Natürlich äußerten wir unsere tatsächliche Einschätzung nicht.
An einem weiteren Tag besuchten wir ein
Löwen- Gehege in der Hauptstadt. Der Löwe als König der
Tiere war traditionell das Symbol der Äthiopischen Herrscher. Anfang
der 80er wurde die National- Flagge noch anstelle des jetzigen Sternsymbols
einem Löwen geziert, der einen Speer hielt. Zu Haile Selassis ("Löwe
von Juda") Zeiten trug dieser Löwe zudem noch eine goldene Krone
und ein Kreuz (anstelle des damaligen Speers). Die Äthiopischen
Herrscher hielten Löwen in den historischen Hauptstädten Axum,
Gondar und Addis Abeba in Gehegen als Zeichen ihrer Macht, früher
auch als Vollstrecker von Todesurteilen. Das Löwengehege von Addis
Abeba war bei unserem Besuch eine stark renovierungsbedürftige
Anlage, in der die wenigen Tiere in baufälligen Käfigen und
Freianlagen gehalten wurden. Ein Wärter nahm uns - wohl auf Vermittlung
unseres Freundes - mit in einen abgeschirmten Bereich. Dort präsentierte
er uns voller Stolz mehrere Löwen- Babys, die wir sogar auf den
Arm nehmen durften. Das wäre in Deutschland wohl unmöglich
gewesen.
Die Seen im Süden
Unser Gastgeber lud uns zu einem Wochenend-
Ausflug in den Süden zu den wunderschönen Seen zwischen Nazret
und Awasa ein. Bei der Fahrt aus der Hauptstadt wurden wir von Soldaten
an einer Straßensperre angehalten. Die Burschen machten einen
agressiven und stark angetrunkenen Eindruck und fuchtelten beängstigend
mit ihren Maschinen-pistolen herum. Pässe! Gutes Zureden und
etwas mehr von unserem Gastgeber ermöglichte uns die unbehelligte
Weiterfahrt.
Krieg, Bürgerkrieg, Partisanen, Soldateska, Terroristen, Anarchie waren uns damals durch eigenes Erleben nicht bekannt, nur aus den Medien hatten wir davon gehört und gelesen. Schließlich kamen wir aus dem "friedlichen Europa". Glücklicherweise war es die einzige Begegnung dieser Art während unseres vierwöchigen Aufenthaltes.
Wie Glasperlen an einer Schnur reiht sich hinter dem Ort Nazret See
an See. An den Ufern und Inseln nisten einige der schönsten unter
den über 800 Vogelarten, die Äthiopien zu einem Vogelparadies
machen, der Zwai-See mit seiner Flußpferdebucht und seinen Seeadlern,
der
Langano- See, in dessen braunem Wasser man schwimmen oder
sich auf dem schwarzen oder gelben vulkanischen Sand in der Sonne bräunen
kann. Wir haben nicht darin gebadet; wir wußten nicht, was sich in den trüben
Fluten verbirgt. Im seichten und salzigen Abiata- See sind Tausende rosa
Flamingos und Reiher zu Hause, aber auch viele andere Wasservogelarten.
Wir wohnten in einem Resort, das damals
wohl zu den besseren im Lande gehörte. Der Zustand der Gäste-
Bungalows ließ uns jedoch erschaudern: Zwei Pritschenbetten mit
schmuddeligen Decken, der Raum nur schwach von einer Glühbirne
erleuchtet, von den Wänden und Decken bröckelte der Putz,
auch die Beschaffenheit des Bodens war undefinierbar. Wir hatten den
Eindruck, jeden Moment mit anderen - mehrfüssigen - Bewohnern Bekanntschaft
zu machen, was auch geschah. Aus der Dusche tröpfelte eine braune
Brühe. Es wurde eine unvergeßliche Nacht ohne viel Schlaf,
aber wir wollten unseren Gastgeber nicht brüskieren. Meine Freundin
fing sich hier eine starke Durchfall- Erkrankung ein. Die Anlage wurde
uns später als sehr beliebt beschrieben. Wir waren froh, sie verlassen
zu können.
Dann ging es weiter, zurück nach Norden, Richtung Awash. Hier wurden 1974 die Gebeine von "Lucy" gefunden, eines der ältesten erhaltenen Skelette der Gattung Mensch (3- 4 Mio. Jahre alt!), was - neben anderen Funden - der Überlieferung Recht geben soll, wonach Äthiopien die "Wiege der Menschheit" ist.
Am Awash River, direkt neben der Straße, sahen wir Fluß-
Krokodile, die am Ufer lagen bzw. im Wasser dösten. Afrika live!
In der Nähe von Awash dann ein Quartier, das uns wieder besser
stimmte. Diese Hotelanlage mitten in einer üppigen Blumen- und
Pflanzenwelt (so viel Grün haben wir nirgends sonst in Äthiopien
gesehen) soll angeblich eine bevorzugte Sommerresidenz von Mitgliedern
der alten Herrscher- Familie gewesen sein. Sicher war sie damals noch
besser gepflegt, aber nach unserem vorherigen Erlebnis waren wir mehr
als zufrieden! Die Anlage wurde überragt von Wassertanks auf Stelzen
und riesigen Papaya- Pflanzen, deren Frucht übrigens eine besondere
Köstlichkeit ist und die es mittlerweile ja auch hier zu kaufen
gibt. Wir hatten die Gelegenheit, mit Einheimischen eine kleine Bananen-
Plantage und die heißen Quellen in der Nähe zu besichtigen:
ein wirkliches Erlebnis. Bananen kannten wir nur vom Obststand im Supermarkt.
Jetzt suchten wir unseren Weg durch einen wahren Urwald von Bananenstauden,
die bis zu 3 m hoch wuchsen. In den heißen Quellen badeten einige
Äthiopier, andere wuschen ihre Wäsche dort. Am Abend hatte
ich die Gelegenheit, mich ausgiebig mit einem älteren Wächter
des Hotels zu unterhalten. Er erzählte mir in gebrochenem Englisch
voller Stolz von seinem Kampf gegen die Italiener. 1936 eroberten die
Italiener mit Giftgaseinsatz das Land und wurden 1941 wieder vertrieben.
Dieser Zeitabschnitt wurde für die Älteren ein regelrechtes
Trauma.
Zurück in Addis Abeba sollte ein weiteres Highlight unseres Aufenthaltes beginnen. Unser Gastgeber war für die nächsten Tage verhindert. Bei einer der an einer Hand abzuzählenden Reiseagenturen vor Ort buchten wir mit seiner Hilfe eine kombinierte Flug-/Bus- Rundreise in den Norden. Die heilige Stadt Aksum und die Felsenkirchen von Lalibela sollten uns leider wegen des Eritrea- Konfliktes (oder besser: "-Krieges") verschlossen bleiben. Jedem Besucher des Landes ist ein Besuch dieser Stätten auf der "Historischen Route" sehr zu empfehlen!
Die äthiopische Währung ist
übrigens der Birr. Ein- und Ausfuhr der äthiopischen Währung
ist nicht gestattet. Es empfiehlt sich auch heute, US$ als Bargeld mitzunehmen,
da dessen Akzeptanz am größten ist. Kreditkarten sind nicht
verbreitet. Amtssprache ist Amharisch mit dem auf das Äthiopische
zurückgehenden Alphabet, daneben vielfältige regionale Dialekte.
Mit Englisch kann man sich als Ausländer allerdings ganz gut verständigen.
Tana- See, Gondar und das Semyen- Gebirge
Wir flogen mit einer größeren, 2- motorigen Propellermaschine
der Ethiopian Airlines nach Bahar Dahr, ein Erlebnis ganz besonderer
Art: Das Flugzeug, eine Fokker 50, "fiel" in jedes Tal des gebirgigen Hochplateaus, unsere
Mägen zeitverzögert ebenfalls: Mir wurde kotzübel. Nur
Achterbahn- Fahren ist schöner! Dann die Landung: eine Graspiste,
auf der bis zuletzt noch Schafe grasten.
Die Hirten würden die
Tiere erst von der Piste treiben, wenn sie Motorengeräusche am
Himmel hörten, sagte man uns. Dabei käme es ab und an zu Fehleinschätzungen
...
Wir verliessen die Maschine über eine Leiter, der "Airport" bestand nur aus einer von Soldaten bewachten Wellblech- Hütte, hinter der unser Bus, ein klappriges Gefährt mit einem draufgängerischen Fahrer (sollten wir später noch erleben) hielt. Die Reisegesellschaft bestand außer uns beiden aus einer kleinen Gruppe Belgier, über die ich bis heute rätsele, was sie eigentlich dorthin verschlagen hatte. Wir wurden von Miryam begrüßt, einer Geschichtsstudentin, die sich ihren Lebensunterhalt mit gelegentlichen Reiseführungen für die wenigen Touristen im Lande verdiente.
Die
Rundreise begann mit einer Fahrt zu den 30 km entfernten Tis- Isat-
Fällen ("Das Wasser, das raucht"), wo sich die Fluten des im Tanasee
entspringenden Blauen Nils auf 500 m Breite tosend in die Tiefe
stürzen - einer der schönsten Wasserfälle der Erde. Der
Eindruck war unbeschreiblich. Livingston, der große Afrika- Entdecker,
muss sich damals in Kenia ähnlich gefühlt haben wie wir
hier..
Auf
dieser Rundreise hatten wir sehr oft Kontakt mit der einfachen einheimischen
Bevölkerung. Hier an den Fällen trafen wir auf Hirten, die
mit ihrem Vieh an einer Wasserstelle lagerten, Bilder wie aus biblischen
Zeiten! Amharen, Falaschen, Gallas, Dankali und viele weitere Stämme
oder Volksgruppen bilden die Bevölkerung Äthiopiens, das früher
einmal Abessinien ("Vökergemisch") genannt wurde. Die meisten
Äthiopier sind großgewachsene, dunkelhäutige Menschen
mit sehr feinen, ebenmäßigen Gesichtszügen. Daneben
gibt es Menschen mit negroiden Zügen, die oftmals aus dem Sudan
stammen.
Ich habe viele Frauen und Mädchen gesehen, die ich als "bildhübsch" bezeichnen würde. Einige dunkelhäutige Top- Models unserer Zeit kommen aus Äthiopien oder Somalia. Zur Vermeidung von Mißverständnissen: meine Freundin bestätigte mir aus der Sicht einer Frau: Auch viele äthiopische Männer entsprechen offensichtlich dem Schönheitsideal!
Fast 90 % der Bevölkerung arbeiten
auf dem Land. In den heißeren Zonen werden Kaffee, Zuckerrohr
und Baumwolle, in den mittleren Klimazonen Mais, Weizen, Gerste, Teff,
Tabak, Kartoffeln und Ölsamen angebaut.
Wir übernachteten in Bahar Dahr am Tana- See, dem größten Inlandssee, genannt "das magische
Auge Äthiopiens", auf dessen Inseln viele Mönchsorden ihre
Klöster und Kirchen errichtet haben. Die Inseln waren nur mit schmalen
Papyrusbooten erreichbar, für Touristen heute auch mit Motorbooten.
Der Tana-See, der zu den höchstgelegenen stehenden großen
Gewässern gehört, liegt auf etwa 1.800 m ü. M. im äthiopischen
Hochplateau. Von seinem südlichen Ende strömt der mächtige
Abbai oder Blaue Nil in Kehren und Windungen über tausend Kilometer
weit bis zur Grenze des Sudan, um sich dann in Khartum mit dem Weißen
Nil zu vereinen. Es waren die Wasser des Tana-Sees,
die schon die altägyptische Kultur nährten und wachsen sahen. Im Hotel gab es Fisch: Tilapia, Nilbarsch,
Seewolf, gekocht und gebraten.
Dann ging es Richtung Gondar, der alten
Hauptstadt des Reichs (nach Kairo einmal die zweitgrößte
Stadt Afrikas).
Wir besuchten in einem Vorort zunächst einen lokalen
Markt, wo ein spärliches Angebot heimischer Lebensmittel und Tiere
feilgeboten wurden: Getreide, Gewürze, wenige Früchte und
abgemagert wirkende Tiere. Wir hatten den Eindruck, hier nicht sonderlich
willkommen zu sein. Kinder und Jugendliche gaben uns dies mit unmißverständlichen
Gesten zu verstehen, eine Reaktion, die wohl durch das Verhalten der
Belgier provoziert wurde. Wie selbstverständlich und ohne den gebotenen
Respekt fotografierten und filmten sie die arme, aber stolze Bevölkerung.
Auf dem Weg nach Gondar fuhren wir vorbei an einem Stadium des damals vermeintlich "real existierenden Sozialismus", einer Sportstätte, die vornehmlich als Aufmarschplatz der Massen zur Huldigung der neuen Machthaber diente, geschmückt mit überlebensgroßen Darstellungen von Marx, Engels und Lenin.
Im
krassen Gegensatz dazu: Gondar, die alte Königsstadt mit
ihren Schlössern und Burgen. Hervorzuheben ist insbesondere der
Gemp, das Schloß Fasilidas, des Gründers der alten Hauptstadt,
der in unglaublicher Pracht residiert haben soll. Der in arabisch- indischem
Stil errichtete Palastbezirk mit seinen Löwenkäfigen und der
Sängerhalle (Debbal Gemp) war ein Jahrhundert lang Residenz
der äthiopischen Könige. Warum König Fasilidas im 17.
Jhd. in dieser abgelegenen Gegend die Landeshauptstadt gegründet
hat, darüber stellen Historiker heute noch Mutmassungen an. Desgleichen
haben Kunsthistoriker bis heute das Rätsel nicht zu lösen
vermocht, wo der Ursprung des eigenartigen Baustils der kaiserlichen
Schlösser zu finden ist. Sie liegen in einer weiten, von Mauern
umschlossenen Parkanlage. Geht man durch die leeren Empfangshallen,
über Zinnen und Innenhöfe, glaubt man mitunter das dumpfe
Grollen von Löwen in Käfigen oder die klagenden Töne
einer Maenko, der einsaitigen äthiopischen Geige, zu hören.
Gondar hat uns sehr beeindruckt.
Ca.
3 km nordwestlich von Gondar liegt das sogenannte "Bad Fasilidas",
eine Wasserburg, die sich Fasilidas in einem großen Wasserbecken
anlegen ließ und das noch heute Hauptort des Timkat- Festes
ist, der "großen Segnung des geweihten Wassers zur Erinnerung
an die Taufe Jesu Christi im Jordan", ein Kirchenfest, das alljährlich
die Gläubigen mit den in farbenprächtige Umhängen, mit
Kirchenkronen und Sonnenschirmen aus Brokat geschmückten Priestern
der ortohodoxen Kirche begehen. Bei unserem Besuch war das Bad Fasilidas
trockengefallen.
Ein weiteres Juwel bekamen wir zu sehen:
die Basilika Debre Berhan Selassie, die "Dreieinigkeits- Kirche
auf dem Berge des Lichts", das schönste und bedeutendste sakrale
Gebäude Äthiopiens, dessen Wand- und Deckenbemalung oft kopiert
wurde. Die Kirche wird von einer hohen Mauer eingegrenzt und von Mönchen
bewacht. Die Decke ist mit einer Vielzahl geflügelter Engelsköpfe
ausgemalt. Die Wandmalereien aus dem Jahre 1694 kann man als vollständigste äthiopische
Ikonographie bezeichnen, Sie zeigen Szenen aus dem Alten und Neuen Testament sowie
dem Leben der Heiligen. Charakteristisch sind die großen schwarzen
Augen der volkstümlich gemalten Gesichter. Das Dach der Kirche
soll früher einmal vergoldet gewesen sein. Diese Kirche hat mich
damals wirklich sehr beeindruckt.
Dann ging die Reise mit dem Bus in das wild zerklüftete Semien- Gebirge, das "Dach Afrikas". Die hohen Tafelberge beherbergen eine Vielfalt seltener wilder Tiere. Der Walia-Ibex scheint der Schwerkraft zu trotzen, wenn er an fast senkrechten Felsklippen emporklettert.

Der Gelada Pavian mit seiner zerzausten Mähne
und dem buschigen Schwanzende verdient ![]()
wohl seinen Zunamen "Löwen-affe".
Der Semien-Fuchs oder "Abessinien-Wolf" gehört zu den seltensten
Tieren der Welt. Er kommt nur in Äthiopien vor. Und über Kuppen
und Gipfel hinweg fliegen in der reinen Höhenluft Vögel mit
berühmten Namen: die Weisskragentaube zum Beispiel. Oder auch der
Lämmergeier, der sich bis in Höhen von 8.000 m erhebt und
nachgewiesenermaßen Fluggeschwindigkeiten bis zu 130 km/h erreicht.
Auch unser Busfahrer wollte offensichtlich die Superlativen vervollständigen. In halsbrecherischem Tempo manövrierte er sein Gefährt über die ungesicherten Serpentinen. An einigen Stellen hielt er an, ließ uns in den Abgrund schauen, wo er uns auf ein tief unten zerschelltes Fahrzeug aufmerksam machte, dessen Fahrer die "Kurve nicht geschafft" hatte. Damit wollte er wohl weniger die Angst seiner Passagiere verstärken, als seine eigenen fahrerischen Qualitäten hervorheben. Wir haben uns dabei nicht sonderlich wohlgefühlt. Unterwegs begegneten uns auf der schmalen Pass- Straße wiederholt militärische Fahrzeugkolonnen, die wohl aus den damaligen Provinzen Tigray und Eritrea zurückkehrten, in denen der Bürgerkrieg tobte. Wir fuhren bis zur Grenze des Sperrbezirks kurz hinter Debark, in Sichtweite des Mt. Ras Dejen (4.550 m), und mussten dann umkehren.
Wie gerne hätten wir Aksum, die Heilige Stadt, und die Felsenkirchen von Lalibela besucht...
Auf der Rückfahrt machten wir Halt an einer spartanischen Raststätte, wo es einen einheimischen Imbiß gab: Kotcho, einen beliebten Pfannkuchen aus Stamm und Wurzel der ensete (falsche Banane). Für die Kinder der Umgebung waren wir weißhäutigen Touristen eine exotische Sensation. Kleine Mädchen wollten unbedingt die blonden Haare meiner Freundin berühren. Ein etwa 10-jähriger Junge führte uns fakirartige Kunststücke vor, wobei er auf eine Belohnung spekulierte. Die sollte er natürlich bekommen.
Später hielt unser Fahrer an einer
der armseligen kegelförmigen
Bambushütten am Straßenrand,
die man tukul nennt. Ein Bauer und seine Kinder trieben auf einem
Dreschplatz einen Esel über das trockene Getreide. Die Frau des
Bauern war mit hohem körperlichen Einsatz damit beschäftigt,
die Spreu vom Korn zu trennen indem sie das Getreide in die Luft warf.
Der Wind erledigte den Rest. Die häuslichen Aufgaben der Geschlechter
waren hier noch nach mittelalterlichen Maßstäben verteilt.
Auf uns Europäer wirkte die Szene wie aus einer anderen Welt. Die
Belgier hielten wieder gnadenlos ihre Fotolinsen ´drauf.
Von Bahar Dahr ging es mit der Propeller- Maschine zurück nach Addis Abeba, wo wir noch einige Tage verbrachten. Während unserer Reise haben wir die Äthiopier als stolze, bescheidene und gastfreundliche Menschen kennen- und liebengelernt.
Der Rückflug nach Deutschland mit der Aeroflot sollte den Hinflug noch toppen: Ein Zubringerflug brachte uns zunächst nach Aden im kommunistischen Süd- Jemen. Wir mussten im stickig heißen Flughafengebäude ca. 2 Stunden warten. Dann ging es weiter via Odessa nach Moskau, wo wir am späten Abend ankamen. Ein Weiterflug nach Deutschland war am gleichen Tag nicht mehr möglich. Man "beraubte" uns erneut unserer Pässe und brachte uns mit einem Flughafenbus in ein Transit- Hotel auf dem Airport- Gelände. Es war so gegen 22:30 Uhr Ortszeit. Wir hatten in den letzten Stunden an Bord nichts mehr gegessen und getrunken und demzufolge ziemlichen Hunger und Durst. Aber es gab nichts mehr im Hotel! Nicht mal einen Drink konnten wir nehmen: Alles schon geschlossen. Unser "Abendmahl" bestand aus einem Schluck aus dem Wasserkran im Hotelzimmer.
Etwa 2 Jahre nach unserem Besuch wurde Äthiopien von einer schrecklichen Hungerkatastrophe heimgesucht. Die über die Medien verbreiteten Bilder werden vielen noch in Erinnerung sein. Ich habe damals sehr gelitten unter der Vorstellung, daß ein klimatisch so begünstigtes Land in ein solches Elend verfallen war. Äthiopien ist sicher kein industrialisiertes Land nach westlichen Standards, Hunger wäre aber niemals ein Thema, würden die natürlichen Ressourcen ökonomisch genutzt und die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Nachbarstaaten beigelegt - eine Herausforderung der künftigen politischen Entwicklung. Karlheinz Böhm, der Schauspieler, der zum Entwicklungshelfer wurde, und den ich für sein Engagement sehr bewundere, hat damals mit seinem Projekt "Menschen für Menschen" Meilensteine der Mitmenschlichkeit gesetzt. 2014 verstarb der Menschenfreund in seiner Heimat Österreich.
Anfang der 90er Jahre wurde das Mengistu- Regime gestürzt und demokratische Strukturen im Land etabliert. Eritrea ist inzwischen ein autonomer Staat. Der Konflikt zwischen der äthiopischen Regierung von Abiy Ahmed, dem Friedensnobelpreisträger, und den Befreiungskämpfern der Provinz Tigray im Norden des Landes ist 2020 erneut militärisch eskaliert. Äthiopien kommt nicht zur Ruhe.
Dank an meine Äthiopischen Freunde
Ich danke allen Äthiopischen Freunden,
die mir diese Reise ermöglicht haben, von Herzen! Leider habe ich
seit vielen Jahren den Kontakt zu ihnen verloren. Vielleicht sind sie inzwischen
in ihr wunderschönes Land zurückgekehrt und wirken mit am
Aufbau und der Festigung demokratischer Verhältnisse. Ich wünsche ihnen
weise Entscheidungen und eine glückliche Hand. Sollte einer von
Ihnen durch Zufall auf diese Seite stoßen, würde ich mich
über eine Kontaktaufnahme sehr freuen! Den Familien in Addis
Abeba gilt mein besonderer Dank für ihre warme Gastfreundschaft.
Auskünfte und Botschaften
Ethiopian Airlines
Am Hauptbahnhof 6
60329 Frankfurt
Telefon: 069 / 27 40 07-0
Fax: 069 / 27 40 07-30
Reiseveranstalter in Äthiopien:
Ethiopian Tourism Commission (ETC)
National Tourist Organisation (NTO)
PO Box 2183
PO Box 5709
Addis Abeba
Addis Abeba
Telefon: 00251 / 1 / 51 74 70
Telefon: 00251 / 1 / 51 29 55
Fax: 00251 / 4 / 51 38 99
Fax: 00251 / 4 / 51 76 88
Botschaften:
Äthiopische Botschaft
Botschaft von Deutschland
Brentanostr. 1
Khabana
53113 Bonn
PO Box 660
Telefon: 0228 /23 30 41
Addis Abeba
Fax: 0228 / 23 30 45
Telefon: 00251 / 1 / 55 04 33
Fax: 00251 / 1 / 55 13 11
*Maps courtesy
of www.theodora.com/maps used with permission.
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Reiseführer-
Tipp:
"Äthiopien", Hildemann u. Fitzenreiter, Reise Know-How-Verlag
(Leider stand mir dieser sehr gute Reiseführer
damals nicht zur Verfügung,
die 1. Auflage stammt aus 1999)
