Vor 30 Jahren änderte sich die Welt in Iran radikal. Damals brachte Ayatollah Khomeini die islamische Revolution ins Land und stürzte Mohammad Reza Schah Pahlavi vom Pfauenthron. Islamische Ideale prägten die Anfänge des Regimes, dessen Staatsform sowohl eine Theokratie, die unter der Herrschaft der Mullahs steht, als auch eine Demokratie ist. Die Abgeordneten in der Versammlung des Islamischen Rates und der Staatspräsident werden vom Volk gewählt, allerdings erst nach einer vorherigen Selektion der Kandidaten durch die ultrakonservativen Mullahs. Reformistische Kräfte nehmen kein Blatt vor den Mund, sie sprechen von einer Diktatur.

Die Islamische Republik Iran bemüht den Koran u.a. als Rechtfertigung, warum den Frauen des Landes vorgeschrieben wird, wie sie sich zu kleiden haben. Dazu zählt z.B. das Gebot, generell in der Öffentlichkeit ein Kopftuch zu tragen. Doch dazu später mehr. Für alle Bürger gibt es Einschränkungen der Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit.

George W. Bush hat Iran während seiner Amtszeit als "Schurkenstaat" bezeichnet und der von ihm so benannten "Achse des Bösen" zugerechnet. Die Mullahs hingegen bezeichneten die USA als den "großen Satan". Barack Obama, der neu gewählte amerikanische Präsident, hat Iran die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen vorgeschlagen und im April 2009 scheint es so, als würde Teheran die ausgestreckte Hand ergreifen. Diese Hoffnung soll jedoch durch das - vermutlich manipulierte - Ergebnis der Wahl des Staatspräsidenten im Juni des gleichen Jahres zerstört werden. Der Hardliner Ahmadinedschad wird mit angeblich 2/3 der Wählerstimmen für weitere vier Jahre im Amt bestätigt.

Angesichts der turbulenten Entwicklung der letzten Zeit könnte man glatt vergessen, dass diese Region bereits vor vielen hundert Jahren bedeutende Hochkulturen der Menschheit hervorgebracht hat, die Reiche der Meder und der Perser. Ich habe mir gerade deswegen Iran als Ziel einer einwöchigen Studienreise ausgesucht.

Iran ist kein klassisches Reiseland. Es hat wiederholt Anschläge gegeben, sie haben sich aber bisher nie gegen Touristen gerichtet. Als Veranstalter meiner Rundreise habe ich mich für Ikarus- Tours entschieden, mit denen ich bereits in Indochina gute Erfahrungen gemacht habe.

11.04.2009: Samstag

Ostersamstag. Am Nachmittag fliege ich mit Iran Air von Frankfurt nach Teheran. Iran Air ist auch als ‚Homa' bekannt, nach dem legendären Homa-Vogel der persischen Mythologie, der Glück und Freude schenkt, und als Emblem schmückt der Homa-Vogel die Jets der Fluglinie. Eine Statue dieses Fabelwesens steht seit 2500 Jahren inmitten der Ruinen von Persepolis.

Schon während des Hinfluges lerne ich eine Besonderheit der Fluglinie kennen - den Koranvers, der vor dem Start zum Lob Allahs über Bildschirm und Lautsprecher eingespielt wird.

Es gibt kein Bier auf Hawai, das ist bekannt, aber in Iran - und damit auch bereits an Bord des Jets - gibt es gar keinen Alkohol, für niemanden und nirgends. So heißt es jedenfalls offiziell. Man hört und liest aber davon, dass junge Leute in den Großstädten illegale Weekend- Partys mit Alkohol und anderen Drogen feiern. Der überwiegende Anteil der iranischen Bevölkerung wurde übrigens erst nach der Revolution und dem Iran- Irak- Krieg geboren - und die Jugend der Mittel- und Oberschicht sehnt sich nach einer Öffnung zum Westen und nach einer Lockerung der strengen Vorschriften und der Zensur.

Nach 4 1/2 Stunden Flug erreichen wir am Abend Teheran, die am Südhang des Elbursgebirges gelegenen Hauptstadt des Iran. Teheran liegt auf 1.200 m Höhe, etwa auf dem 36. nördlichen Breitengrad, so wie auch Rhodos, Malta oder Gibraltar. Bei der Passkontrolle zur Einreise gibt es erst einmal Verzögerungen. Im ausgestellten Visum ist der Name einiger Reisender - so auch bei mir - anders geschrieben als im Reisepass selbst. Das liegt daran, dass in Farsi, der iranischen Amtssprache, das Alphabet einige Buchstaben aus dem lateinischen Alphabet nicht kennt. Alle Frauen haben bereits beim Verlassen der Maschine die mitgebrachten Kopftücher umgebunden, denn das Kopftuchtragen ist hier auch für Ausländerinnen ebenso Pflicht wie das Bedecken der Arme und Beine - mit einem mindestens halblangen leichten Mantel oder einer langen Hose.

Die Mitglieder der Reisegruppe werden von Reiseleiter Reza begrüßt. Eigentlich heißt er anders, aber ich gebe ihm hier mal den Namen des von ihm "hochgeschätzten" ehemaligen Regenten seines Landes. Reza arbeitet für die staatliche Reiseagentur, ist 23 Jahre alt und Student. Seine Deutschkenntnisse sind nicht gerade perfekt, aber ausreichend. Seine Sicht der Dinge werden wir im Laufe der Woche noch näher kennenlernen. Zunächst ist er aber äußerst sparsam mit einführenden Erklärungen. Der Bus bringt uns vom 30 km vor der Stadt liegenden Imam Khomeini Airport ins Zentrum zum Parsian Esteghlal Hotel, wo wir um 0:30 Uhr eintreffen. Die Zeitverschiebung von 2 1/2 Stunden hat zu dieser späten Ankunftszeit beigetragen.

Das soll das ehemaligen Hilton sein? Wenn das der olle Conrad Hilton erlebt hätte... Noch bis kurz vor der islamischen Revolution hatten die großen internationalen Hotelkonzerne ihre Übernachtungstempel in der Hauptstadt hochgezogen. Diese (ver)fielen dann in iranische Hände. Die Zimmer im Esteghlal sind zwar sauber und groß, aber der fleckige Teppichboden, die nikotingelben Gardinen und das Badezimmer mit dem Charme einer 50er- Jahre Pension im Sauerland wollen so gar nicht zu einem ehemaligen Luxushotel passen. Die Außenfenster rappeln in den Rahmen wenn man auf leisen Sohlen durchs Zimmer geht und der kleine Kühlschrank auf dem Zimmer enthält nichts außer zwei kleinen Plastikflaschen Wasser. Sei´s drum, schlafe ich erstmal eine Nacht drüber. Aber auch das will bei den steinharten Kissen nicht so leicht gelingen.

12.04.2009: Sonntag

Ostersonntag in Iran - keine bunten Eier, kein Schmunzel- Osterhase. Stattdessen ein iranisches Frühstück. Dazu gehören immer Tomaten, Gurken und Oliven, Schafskäse, Fladenbrot und Tee. Für uns Ausländer ist das Buffet ergänzt um "dänisches" Brot, Butter, Marmelade sowie jeweils eine Sorte Wurst und Schnittkäse. Der Kaffee ist hervorragend - der Tag fängt gut an.

Um 9:00 Uhr gehts los mit dem ersten Besichtigungsprogramm. Unser Gepäck wird direkt im Bus verstaut, da wir schon heute nachmittag weiterfliegen nach Shiraz. Den Koffer muss man im ehemaligen Hilton heute selber runtertragen. Beim Verlassen des Hotels stellen wir fest, dass es am Nordrand Teherans liegt - die schneebeckten Berge des Elburs scheinen zum Greifen nahe. Noch vor 2 Wochen soll auch in der Stadt Schnee gelegen haben. Die unmittelbare Lage am Gebirge garantiert Teheran eine problemlose Wasserversorgung.

Zunächst fahren wir zum Nationalmuseum, das aus zwei Gebäuden besteht, einem für die vorislamische Zeit und einem für die islamische Geschichtsperiode. Letzteres ist allerdings wegen Renovierung seit vorletztem Jahr geschlossen. Reza, unser Guide, macht eine kurze Führung durch die Museumssäle, die er mit einem Ritual für die folgenden Tage abschließt: Er gibt uns "Freizeit", soll heißen, wir dürfen uns mit fester, kurzer Zeitvorgabe für ein Wiedertreffen selbständig außerhalb der Gruppe bewegen zum Fotografieren, Staunen oder sonstwas. Das nenne ich wirkliche Freiheit im Urlaub!

Es gibt viel zu sehen hier, z.B. das berühmte Schatzhausrelief aus Persepolis, das einen Empfang beim archäminidischen Großkönig darstellt. Oder wie wär´s mit dem iranischen Ötzi, hier "Salzmann" genannt, da seine Mumie völlig mumifiziert in einer Salzmine gefunden wurde.

Weiter geht es zum Keramik- und Glaskunstmuseum, das im ehemaligen Gebäude der Ägyptischen Botschaft untergebracht ist. Bei dieser Gelegenheit erwähnt Reza, dass die Frau des letzten Schah, Kaiserin Farah Diba, sich sehr für kulturelle Belange ihres Landes sowie die Emanzipation der Frauen eingesetzt habe. Für ihren Mann hingegen hat Reza nur die verächtliche Wertung übrig, er sei "der größte Versager aller Zeiten" gewesen. So macht er Mohammad Reza Schah Pahlavi u.a. den Vorwurf, dass er als Folge seiner Erziehung in einem Schweizer Internat zwar perfekt Französisch und Englisch gesprochen habe, die Sprache seines eigenen Volkes aber nicht beherrscht habe und Reden nur vom Papier ablesen konnte. Darüber habe man sich schon damals lustig gemacht. (Woher unser Reza das nur weiß?) Tatsächlich besuchte der Schah von seinem 12. bis zum 17. Lebensjahr ein Schweizer Internat, hielt sich ansonsten aber stets in seinem Heimatland auf.

Das Keramik- und Glaskunstmuseum selbst beherbergt in speziellen Vitrinen einige wunderschöne Stücke dieser Handwerkskunst.

In einem Hotelrestaurant nehmen wir einen Mittagsimbiss ein. Dann gehts zur Nationalbank, die direkt gegenüber der Deutschen Botschaft liegt. In den im Keller gelegenen Tresorräumen werden die ehemaligen Kronjuwelen verwahrt. Sie stellen einen unvorstellbaren Wert dar. Lange Schlangen von interessierten Besuchergruppen und Schulklassen sind hier an der Tagesordnung. Es gibt strenge Sicherheitskontrollen. Taschen, Kameras, Fotohandys und Camcorder müssen deponiert werden. Der Besuch lohnt sich aber auf jeden Fall. Aus tausenden Schmuckstücken stechen besonders hervor: ein aus 50.000 Edelsteinen angefertigter Globus, die Kronen des letzten Herrscherpaares, zwei mit Juwelen verzierte Thronsitze sowie der größte jemals geschliffene Diamant der Welt. Er hat ein Gewicht von 182 Karat !

Nach einem Blitzbesuch auf dem Basar starten wir durch zum Airport, wo die Maschine nach Shiraz auf uns wartet. Dort kommen wir am Abend bei leichtem Nieselregen an.

Shiraz ist aus historischer Zeit bekannt als die "Stadt der Rosen und der Nachtigallen" und hat auch heute trotz der Nähe zur Wüste ein ausgeglichenes Klima. Die Umgebung ist sehr fruchtbar. Getreide, Baumwolle, Melonen, Kirschen und Aprikosen gedeihen dank der geografischen Lage hervorragend. Heute soll die Stadt sich zudem durch eine besonders liberale Haltung gegenüber ihren Einwohnern empfehlen und unter rückkehrwilligen Exil- Iranern außerordentlich beliebt sein. Zudem, so Reza, finde man hier die hübschesten Mädchen des ganzen Landes. Mir persönlich ist der Name der Stadt von dem gleichnamigen Rotwein bekannt, den ich aus Südafrika kenne. Genau richtig! Die berühmte Rebsorte hat hier ihren Ursprung. Da der Weinanbau wegen des Alkoholverbotes seit Jahrzehnten aber unmöglich ist, wird die Shiraz- Traube, auch als Syrah bekannt, nun u.a. in Südafrika, Südamerika und den USA angebaut.

In Shiraz erwartet uns das Eram Hotel - mein Zimmer ist eine einzige Katastrophe: es ist winzig, gleiches gilt für den kombinierten Dusch- und WC- Raum. Dort läuft die WC- Spülung permanent nach. Die Zimmertür und das Fenster mit Ausblick auf einen Lichtschacht klappern beim leisesten Windzug. Der Raum ist völlig überheizt und die höllisch laute Klimaanlage produziert nur Umluft, keine Kühlung. Im Kühlschrank steht (seit wann?) ein Krug Leitungswasser.

Nehmen wir also erst mal unser Abendessen ein - im Hotel. Das Ambiente des Hotelrestaurants hat einen gewissen Jugendherbergs- Charme mit dröhnendem TV mitten im "Speisesaal". Es wird ein Fußballspiel zweier einheimischer Mannschaften übertragen, sehr zur Erbauung der anwesenden iranischen Gäste. Die Mahlzeit entspricht der für die gesamte Woche üblichen Speisefolge: Salatbuffet mit sauerer Joghurtsauce und Fladenbrot, dann Reis mit verschiedenen Kebabs (keine Sauce, kein Gemüse) und süße Nachspeisen der einfachen Art. Weiß Allah, keine kulinarische Offenbarung! Und dazu gibt es Wasser oder Softdrinks, alternativ Dugh, vergleichbar dem türkischen Ayran, nur viel wässriger und sauerer. Die Getränke kosten immer 10.000 Dinar - oder "1 Khomeini", wie man in Anlehnung an dessen Konterfei auf der Banknote sagt. Das entspricht etwa 1 Euro. Angesichts der inflationären Entwicklung der lokalen Währung gibt es keine Münzen, nur Noten. Wenn man hier mit einer größeren Note zahlt, wird immer größzügig zu Gunsten des Verkäufers aufgerundet, da dieser "leider nicht wechseln kann".

13.04.2009: Montag

Heute wartet der erste Höhepunkt der Rundreise auf uns, ein halbtägiger Ausflug nach Persepolis, der "Stadt der Perser", die zum UNESCO- Weltkulturerbe zählt. Mit "Salam !" oder "Soob be-kheir !" Guten Tag! / Guten Morgen! begrüßt uns Reza morgens auf Farsi. Wir verlassen Shiraz mit dem Bus, vorbei am Korantor, wo früher zum Schutz der Stadt ein Exemplar des heiligen Buches aufbewahrt wurde.

Auf der Strecke kommen wir durch Ortschaften, in denen der Mittelstreifen der Straße mit gemalten Bildnissen der "Märtyrer" geschmückt ist. Es handelt sich um Söhne der Stadt, die ihr Leben im Iran- Irak- Krieg gelassen haben und durch ihren "heldenhaften Tod" der Stolz ihrer Heimatstadt geworden sind. Rot ist die Farbe der Märtyrer. Eine rote Fahne weht auch auf jedem Mausoleum eines Märtyrers, der ein Nachfahre des Propheten Mohammed ist. Rote Stirnbänder schmücken die jungen Männer, die für ihr Volk und Allah in den Tod gehen und im Paradies von 72 Jungfrauen erwartet werden...

Nach 60 km Busfahrt erreichen wir Persa oder Persepolis, wie die Griechen später die Stadt nannten, "Stadt der Perser". Großkönig Darius I., Herrscher des Achämidenreiches, ließ eine Residenz bauen, die prächtiger sein sollte als alles, was man bis dahin kannte. Hier wurden die Baustile der unterworfenen Staaten - Griechenland, Mesopotanien und Ägypten - vereint. 10.000 Soldaten waren in Persepolis stationiert, die sogenannte "Unsterbliche Garde". Die Darstellung persischer und medischer Gardisten ist mir noch aus meinen Schulbüchern in Erinnerung geblieben. Schon damals haben sie mich fasziniert. Auf dem berühmten Relief bewachen sie den Thron des Herrschers, über diesem die geflügelte Sonnenscheibe, ein Symbol für Ahura Mazda, den Gott des zoroastrischen Glaubens.

Bereits kurz nach der Stadtgründung, nämlich im Jahr 332 v.Chr., verwandelte Alexander der Große Persepolis in ein Flammenmeer. Die Ruinen und die verbliebenen Reliefs vermitteln aber noch heute das Bild des Königshofes, der in Prunk und Luxus schwelgte.

Der letzte Schah wählte Persepolis übrigens 1971 als Kulisse der 2.500- Jahr- Feier Persiens, zu der viele ausländische Gäste eingeladen waren - aber nicht sein Volk, wie Reza anmerkt.

Wir besichtigen Persepolis bei prächtigem Wetter, Sonnenschein und leichtem Wind - also optimalen Verhältnissen. Nur wenige Besucher bevölkern heute die Ruinenstadt. Das soll noch vor 2, 3 Wochen ganz anders ausgesehen haben als zahlreiche Schulklassen die Anlage heimsuchten. Dagegen wirkt es heute geradezu ausgestorben. Reza beschränkt sich wie üblich auf rudimentäre Erläuterungen und überläßt uns dann unserem Selbstinformations- Schicksal. Er gibt uns noch die Empfehlung mit auf den Weg, zu den Felsengräbern am Hang des Kuh-e Rahmat hinaufzusteigen. Der Tipp ist gut, von dort hat man einen wunderbaren Ausblick über die terassenförmige Anlage von Persepolis.

Nach einem Erfrischungsgetränk am Kiosk geht unsere heutige Tagestour weiter zum nahe gelegenen Naqsh-e-Rostam, einer Anlage mit achämenidischen Felsengräbern und sasanidischen Felsenreliefs. Man kann die Felswand schon von weitem von der Straße aus erkennen. Eines der Gräber ist das von Darius dem Großen, die anderen drei werden Nachfolgern von ihm zugeordnet. Die Felsreliefs stellen Kampfszenen oder die Investitur der Herrscher dar.

Immer wieder treffen wir auf iranische Schulklassen, natürlich streng getrennt nach Mädchen und Jungen. Die Mädchen tragen im Gegensatz zu den Jungs immer eine Schuluniform, meist in Pastellfarben, natürlich immer mit Kopftuch. Sie amüsieren sich köstlich über unser Aussehen und kokettieren mit "Hello"- Rufen und Winken. Der Star in unserer Gruppe ist eine Dame mit weißen Haaren, die sich zudem mit weißem Kopftuch und weißer Kleidung hervortut. Da möchten sich die iranischen Schulmädchen natürlich gerne mit ihr fotografieren lassen und unsere Mitreisende sagt zu ihrer großen Freude gerne zu. Als Belohnung wird sie von den kleinen Mädchen mit Äpfeln, Pistazien und Keksen beschenkt. Das darf sie nicht ablehnen.

Zurück in Shiraz besuchen wir zunächst das Grab von Hafis, auch Hafez genannt, dem berühmten persischen Dichter des 14. Jahrhunderts. Reza liest ein Gedicht von Hafis vor, zunächst in Deutsch, dann in Farsi - wegen des Klangs der Sprache, sagt er. Zugegeben, das Gedicht klingt auf persisch viel melodischer, aber der Inhalt ist auch auf deutsch sehr sinnlich und romantisch. Hafis wurde übrigens auch von Goethe sehr verehrt, der ihn als seelenverwandt betrachtete. Noch heute berühren junge Frauen geradezu zärtlich den Grabstein des Dichters und streuen Blütenblätter darüber. Sie erhoffen, so das Charisma von Hafis in sich aufnehmen zu können, und erbitten an seinem Grab viel Glück in der Liebe. In Shiraz liegt auch Sa´di begraben, ein weiterer großer Dichter des Landes.

Spätestens seit Betty Mahmoodys Tatsachenroman "Nicht ohne meine Tochter" sollte jede Frau im Westen wissen, was sie als Ehefrau eines Iraners in dessen Heimatland erwarten kann. Auch heute, gut 20 Jahre später, passiert immer wieder noch fast das gleiche. So erzählt eine Mitreisende von einer Freundin, die in Deutschland einen Iraner geheirat und zwei Kinder mit ihm habe, dass sie ihm nach Iran gefolgt sei. Schon nach kurzer Zeit dort habe er angefangen sie zu schlagen und wenig später dann verfügt, dass in ihren Reisepass ein Ausreiseverbot für sie und die Kinder eingetragen wurde. Niemand habe ihr helfen können, nicht einmal die Deutsche Botschaft, bis sie schließlich nach zweijährigem Kampf einen verständnisvollen Passbeamten gefunden habe, der ihr die Ausreise mit den Kindern ermöglichte. In Deutschland lebe sie nun unter anonymer Adresse um nicht doch noch von ihrem gewalttätigen Mann entdeckt zu werden.

Reza sieht das anders: "Frauen leben in Iran wie im Paradies". Die Verantwortung für alles trage ausschließlich der Mann, auch bei Ehepaaren, bei denen beide berufstätig seien. Die einseitige Verlagerung der Verantwortlichkeit beginne schon mit der Eheschließung, bei der zwischen den Familien die "Mahr", ein Brautgeld ausgehandelt werde, das der Bräutigam seiner Frau in Goldmünzen zu zahlen habe. Dieser Betrag diene der Versorgung der Braut für den Fall der Scheidung oder des Todes des Ehemannes. Da der Betrag in den Städten mehrere 10.000 € ausmachen könne, würden die jungen Frauen in der Regel zwar auf sofortige Zahlung verzichten, aber sie hätten das Recht, den Betrag jederzeit nachzufordern.

Im Gegensatz zu einem Mann, der die Ehe unkompliziert ohne Begründung beenden kann, muss die Frau sich in einem Prozeß rechtfertigen, der mehrere Jahre dauern kann. Angesichts dieser Ungleichheit setzen immer mehr Iranerinnen den Hebel bei Ihrem Recht auf die Mahr an. Der Verzicht darauf erleichtert ihnen die Scheidung. Etwa jede vierte Ehe in Teheran endet mit einer Scheidung, landesweit ist es jede siebte Ehe. Diese Entwicklung gefällt den Mullahs natürlich überhaupt nicht.

"Der Schleier ist wie eine Muschel für die Perle" lautet ein Propagandaspruch im Straßenbild. Niemand sei gezwungen, den Tschador zu tragen, diesen schwarzen Überwurf, der die Identifizierung des Individuums fast unmöglich macht. Diese Bedeckung des Körpers sei ein Zeichen für besonders tiefe Religiosität der Trägerinnen, sagt Reza - vielleicht aber auch für besonders starken Druck durch die Familie und den Ehemann der Frau, wie ich meine. Jedenfalls ist es für jede Frau, auch für Ausländerinnen, vorgeschrieben, ein Kopftuch zu tragen und eine Oberbekleidung, die die weiblichen Körperformen nicht betont. Dies gilt ausschließlich für die Öffentlichkeit. Zuhause in der Familie kennen Iranerinnen keine Kleidungsvorschriften, was auch das Vorhandensein westlicher Modeboutiquen in Teheran und anderen Großstädten erklärt. Es ist nicht zu übersehen, dass bei den jungen Iranerinnen in den Städten das Kopftuch immer weiter nach hinten rutscht und damit Teile des Haupthaars unbedeckt bleiben, und dass sich die jungen Frauen wesentlich stärker schminken als im Westen. Ganz sicher ist dies ein Zeichen für den Versuch der Iranerinnen, ihre Weiblichkeit über andere Prädikatsunterstreichungen auch in der Öffentlichkeit auszuleben. Zwar sind die Ayatollahs not amused, aber die breite Bevölkerung akzeptiert das. Reza meint, die letzten Jahre seien geprägt gewesen durch Lockern und - seit Ahmadinedschad - wieder Anziehen der Vorschriften.

Reza erzählt auch, dass es üblich sei, 3 Tage vorher in der Nachbarschaft bekanntzugeben, wann ein Mann ein Hausdach besteigen werde um Reparaturen vorzunehmen. So hätten die Frauen genug Zeit, sich seinen Blicken in den privaten Innenhöfen zu entziehen.

Vom Dichtergrab geht es weiter entlang der alten Zitadelle in den Vakil Basar. Dort besuchen wir eine Teestube. Der Wirt bietet auch einen kleinen Mittagsimbiss an, doch Reza meint, das dauere zu lange. Im Eiltempo geht es weiter zu den Naranjestan- Gärten, benannt nach den dort angepflanzten Bitterorangen bzw. Pomeranzen. Die Gärten gehören zum Stadtpalast einer einst sehr einflussreichen Shirazer Familie. Die Gebäude sind im Inneren prachtvoll verziert mit Stuck, Intarsien und Verspiegelungen. Mit uns bewundert eine Schulklasse kleiner Mädchen das Gelände. Wie immer und überall ein Gegacker und Getuschel über das Aussehen der Fremden.

Nächstes Ziel ist das Mausoleum Shah Cheraq, ein shiitisches Heiligengrab, das innen vollständig verspiegelt ist. Beim Betreten des Gebäudes erschließt sich dem Besucher sofort, warum das Grab den Namen "Schah des Lichts" trägt. Niemand kann sich der lichtdurchfluteten Atmosphäre entziehen. Frauen müssen hier grundsätzlich einen Tschador tragen, den sie am Eingang ausleihen können. Die Tücher seien sauber und gewaschen, beruhigt Reza die Frauen in unserer Reisegruppe. Vor zwei Jahren soll sich hier eine italienische Touristengruppe über das Heiligtum lustig gemacht haben. Man hat das als schändliche Respektlosigkeit empfunden und reagierte, indem man bis vor kurzem Ausländern den Zutritt verweigert hat. Wir haben also Glück, dass wir hinein dürfen.

Aber Deutsche sind in Iran sowieso besonders willkommen. Das beruht auf einem historischen Irrtum, dem viele Iraner auch heute noch aufsitzen. Sie meinen, wir seien beide "arische Völker" und damit Verwandte.

Reza gibt der Gruppe nun "Freizeit" oder sollte ich besser sagen "Reza nimmt sich jetzt Freizeit"? Wir Reisenden haben nämlich ein kompaktes Programm gebucht und nicht einen halben Tag Abhängen bis zum Dinner. Sei´s drum, wir wollen uns nicht ärgern und bummeln in kleinen Grüppchen durch die Stadt. Es gibt keine Supermärkte hier, zumindest haben wir keine gesehen, nur Tante-Emma-Läden - oder heißen die hier Onkel-Ali-Läden? Zum Teil haben die Stores nur ein Spartensortiment, einige führen Pflegeartikel, andere ein größeres Angebot an Gemüse, Nüssen oder Gewürzen. Die Verkäufer sind freundlich und aufgeschlossen. Sobald man sich als Deutscher zu erkennen gibt, wird man sofort in ein nettes Gespräch verwickelt. Von Aufdringlichkeit keine Spur!

Ich habe Durst, suche nach einem Getränk. Wie wärs mit einem alkoholfreien Bier? Das gibt es hier in vielen Sorten, "original" und "pure", aber auch mit Pfirsich-, Apfel- oder Limonengeschmack. Diese Getränke, die den deutschen Biergeschmack nicht einmal annähernd treffen, haben Namen wie "Bavaria" oder "Null Komma Franz", wirklich! Lediglich das hier in Lizenz gebraute alkoholfreie "Holsten" kann man trinken. Leider gibt es das nur selten zu kaufen.

Eine Spezialität in Shiraz ist Faludeh, "persisches Eis". Es besteht aus geeisten Reismehlfäden mit Limonenwasser und ist herrlich erfrischend. Mir hat es sehr gut geschmeckt.

Unser Dinner ist für 20:30 Uhr in einem zweistöckigen Restaurant bestellt, das von einheimischen Musikanten beschallt wird. Je näher man zur Kapelle sitzt, desto mehr kann man wegen der Lautstärke ein Tischgespräch vergessen. Zu essen gibt es wieder das übliche Salat-Reis-Kebab- Mahl. Aber es ist okay. Als Besonderheit beim iranischen Duftreis bleibt mir in Erinnerung, dass er in den Restaurants angeblich mit iranischem Safran gewürzt wird. Tatsächlich handelt es sich aber um Saflor, den Röhrenblüten der Färberdistel, die zwar gelb färben, aber keinen Eigengeschmack haben. Daneben wird der Reis vielfach auch mit darüber gestreuten Berberitzen verfeinert. Die getrockneten Beeren haben einen angenehmen, leicht säuerlichen Geschmack und passen gut zum Reis.

14.04.2009: Dienstag

Heute steht uns eine 450 km lange Busfahrt bis Yasd bevor. Das bedeutet 8 Stunden on the road again oder 5 Stunden reine Fahrtzeit. Das hätte der Veranstalter bei der Reisebeschreibung klarer zum Ausdruck bringen müssen, denn damit ist ein kompletter Tag futsch.

Reza erzählt vom Leben in Iran. Der Name des Landes wird übrigens ohne Artikel verwendet, etwa so wie "Italien" und im Gegensatz zu "der Irak".

Verbrauchsgüter des täglichen Lebens werden für die Bevölkerung oftmals subventioniert, auf dem Land Brot, Reis und Öl zum Kochen, in den Städten nur Brot. Khomeini vertrat bei seiner Machtergreifung die Auffassung, dass die Bevölkerung nicht für Benzin zahlen müsse, da die Rohölvorkommen ja Volkseigentum seien. Dabei übersah er die Kosten der Ölförderung, der Raffinerien und der Verteilungslogistik. Zudem mussten schon immer große Mengen aus den Golfstaaten zu Weltmarktpreisen importiert werden, da die eigenen Vorkommen nicht ausreichten. Erst Ahmadinedschad hat eine Kontingentierung des kostenlosen Sprits eingeführt. Seitdem erhalten Taxen 8 l pro Tag, sonstige Pkws und Lkws 3 l. Weiterer Bedarf muss zugekauft werden, aber zu einem moderaten Preis. Iran baut auch ein Auto in Eigenproduktion, den Samand, der auf dem Peugeot 405 basiert. Dieser Pkw kostet ca. 10.000 €. Alternativ kann man den in Lizenz gebauten KIA Pride für 8.000 € erwerben.

Auch Medikamente werden stark subventioniert. Es handelt sich überwiegend um Generika. Ein niedergelassener Apotheker soll in Iran deshalb trotz jahrelangem Studiums gerade soviel verdienen wie ein Bäcker. Die Folge ist eine verstärkte Auswanderung von Akademikern. Die Krankenversorgung im Land ist umsonst, aber nur auf das Nötigste beschränkt. Für komplizierte Behandlungen gibt es nur Privatkliniken, die sehr teuer sind.

Das Studium ist in Iran an den staatlichen Unis frei, jedoch genießt nur die staatliche Universität von Teheran einen guten Ruf. An den privaten Unis kostet das Semester 500- 800 EUR, ein Betrag, den oftmals nur die Großfamilie gemeinschaftlich aufbringen kann. Man legt deshalb zusammen. Ein Akademiker in der Familie hat für alle einen gewissen Prestigewert. Das Studium ist für junge Iraner weniger eine Garantie für einen gutbezahlten Arbeitsplatz, es hat vielmehr mit Bildung im Allgemeinen zu tun. Das erklärt auch den hohen Frauenanteil unter den Studierenden. Mehr als 65% aller Hochschulabsolventen sind Frauen. Wie sagt Reza? "Gebildete Frauen werden ihre Kinder mit Niveau und Anspruch an deren Ausbildung erziehen." Damit mag er Recht haben.

Der hohe Frauenanteil an den Unis trägt neben der Berufstätigkeit vieler Frauen zugleich zu deren ökonomischer Freiheit und Unabhängigkeit von den Männern bei - eine Entwicklung, die konservative Kreise mit Sorge beobachten.

Die Fahrt ist eintönig. Wüstenlandschaft und in saftigem Grün stehende Weizenfelder wechseln sich ab, immer gesäumt von Bergketten. Iran ist schließlich ein Bergland mit ausgeprägten Hochebenen.

Wir erreichen die Ruinenstätte Pasargadae mit dem Grab von Kyros. Die weitläufige Anlage von Pasargadae, einst die erste Residenz des Perserreichs unter den Achämeniden, liegt in 1.900 m Höhe auf einem Plateau des Zagrosgebirges. Es ist windig und kühl. Damals muss das Plateau eine prächtige Gartenlandschaft gewesen sein, die von Bergflüssen bewässert wurde, heute findet man nur noch eine Geröll- und Graswüste mit einigen wenigen Mauern und Säulen, die sich in der Weitläufigkeit der Ebene verlieren. Aus der Zeit der Gärten stammt übrigens das Wort "Paradies" oder "Paradeis". Es ist altpersischen Ursprungs.

Das gut erhaltene Grabmal von Kyros dem Großen ist eine Pilgerstätte für die Einwohner der Umgebung und für viele Durchreisende. An den Wochenenden stellen manche sogar Blumen in die Mauerfugen. Eine persische Inschrift zierte das Grab: "Oh Mensch, ich bin Kyros, der die Herrschaft der Perser begründete, Asiens König! Neide mir nicht dieses Denkmal!“ Kyros herrschte vor ca. 2.500 Jahren über das erste Weltreich des Globus. Es erstreckte sich vom Bosporus bis zum Hindukusch.

Der Perserkönig hatte seinem Reich eine Art Verfassung gegeben, die in Stein gemeisselt der Nachwelt erhalten geblieben ist (British Museum, London). Sie ist eine der frühesten Quellen des Völkerrechts und gilt als die älteste Menschenrechtserklärung der Geschichte. 1971 wurde sie von der Uno als "1. Charta der Menschenrechte" gewürdigt.

Das alles führte dazu, dass Kyros als idealer König legendenhaft verklärt wurde. Der gute König wäre sicher ein prima Ratgeber der derzeitigen Regierung von Iran wie auch vieler anderer Politiker in der Welt gewesen.

Die Busfahrt geht weiter - nach Abarkuh, berühmt für seine riesige, uralte Zypresse. Der Baum war wenige Wochen vor unserem Besuch noch 4.000 Jahre alt, jetzt spricht man von einem Alter von 6.000 Jahren, womit die Zypresse das älteste Lebewesen der Welt wäre.

Hier wie an vielen Straßen im Land sind Parkuhren aufgestellt, das heißt, so sehen sie jedenfalls aus. Bei näherer Betrachtung fallen die offen nach oben gerichteten Hände auf. Sie gehören Fatima, der Tochter Mohammeds. Und in diesen Spendenboxen wird für die Fatima- Foundation gesammelt, die sich um die Ärmsten der Armen im Lande kümmert.

Eine Besonderheit im Ort ist ein sehr gut erhaltenes "Eishaus". Dabei handelt es sich um eine konisch überbaute 4 m tiefe Grube, die man im Winter abwechselnd mit Stroh und Wasser füllte und gefrieren ließ. Das Eishaus ist außen mit Lehm und Stroh verputzt, ein Material, das die Sonnenwärme weniger speicherte als Ziegel. So konnte man im Sommer, kühles Schmelzwasser trinken und im Inneren verderbliche Speisen aufbewahren.

Nahe bei der alten Zypresse gibt es öffentliche Toiletten, auf denen man sich erleichtern kann. Dazu muss man aber die Benutzung eines orientalischen Hockklos beherrschen, für Nordeuropäer nicht ganz einfach! Man benutzt anschließend - sofern nicht mitgebracht - kein Klopapier, sondern die linke Hand und einen Schlauch, der griffbereit an der Wand hängt. Auf den Grad der Sauberkeit solcher Bedürfnisanstalten will ich hier nicht näher eingehen.

Wieder rein in den Bus und den Erzählungen von Reza gelauscht. Das erfordert Konzentration, denn erstens ist sein Deutsch nicht perfekt und zweitens nuschelt er oft oder flüstert ins Mikro. Meist beendet er seine thematischen Ausführungen mit dem nur rhetorisch gemeinten "Noch Fragen?". Stellt jemand nämlich eine Frage, versteht er diese nicht oder er verweist auf eine Antwort zu einem späteren Zeitpunkt. Na ja, da müssen wir wohl in dieser Woche mit leben.

Reza berichtet, das iranische Rechtssystem beruhe einerseits auf dem Code Napoléon, dem "französischen BGB", und andererseits auf der Scharia. Ich frage, ob es öffentliche Hinrichtungen gebe? Reza verbindet meine Frage sofort mit öffentlichen Steinigungen, über die ja die westliche Presse angeblich soviel schreibe. Eine Steinigung gebe es aber nur für eine ehebrecherische Frau und auch nur dann, wenn sie von mindestens 6 Frauen oder 3 Männern beim Sex mit einem verheirateten Mann erwischt worden sei. Der Mann hingegen würde nicht bestraft, da der Sexualtrieb ja seiner Natur entspreche. Ansonsten würde die Todesstrafe nur bei Wiederholungstätern verhängt, also für Mehrfachmörder, Mehrfachvergewaltiger oder Drogendealer. Reza selbst kann sich an keine öffentliche Hinrichtung erinnern, sagt er. Dagegen habe ich von einem Geschäftsreisenden gehört, dass er abseits der touristischen Straßen schon Aufgeknüpfte an Laternen oder eigens errichteten Galgen am Straßenrand gesehen habe.

Die in Iran überwiegend (ca. 90 % der Bevölkerung) praktizierte islamische Glaubensrichtung ist die Schia. Deren Anhänger, die Schiiten, grenzen sich gegenüber den Sunniten ab. Die größte schiitische Strömung stellen die Imamiten, die einer Reihe von zwölf Imamen folgen. Man spricht auch von "Zwölfer-Schiiten". Die 12 Imame sind die direkten Nachfolger des Propheten Mohammed, beginnend mit Ali, seinem Sohn, und vorläufig endend mit Muhammad al-Mahdi, dem sogenannten "Verborgenen Imam". Er gilt den Imamiten als ihr eigentliches Oberhaupt unter Allah und soll einst zurückkehren und die Welt retten.

Mit den Bezeichnungen für islamische Geistliche komme ich immer wieder durcheinander. Reza klärt auf:

Mullah ist heute der gebräuchliche Titel für alle schiitischen Geistlichen, ursprünglich ein alter Name für jemanden, der "weiß", d.h. lesen und schreiben kann,
Imam (nicht Iman!) ist a) einer der 12 Imame der Zwölfer-Schiiten bzw. ein legitimer Nachfolger Mohammeds, b) ein Vorbeter und c) ein Ehrentitel für einen hervorragenden Muslim,
Ayatollah ("Gotteszeichen") ist ein hoher zwölfer-shiitischer Ehrentitel für Absolventen der Koranschulen, besonders anerkannte Ayatollahs werden Großayattolah genannt.

Unsere Fahrt geht vorbei an Pistazienbäumen, die hier am Straßenrand wachsen. Sie brauchen salzreiches Grundwasser, das natürlich nicht überall verfügbar ist. Ein Pistazienbäumchen wird bis zu 80 kg schwer und kann zweimal im Jahr abgeerntet werden. Die besten iranischen Pistazien sollen aus Rafsandjan kommen, der Heimat des ehemaligen Staatspräsidenten Rafsandjani. Dessen Familie verdankt ihren Reichtum dem Pistazienanbau. Ich habe wiederhoilt Pistazien in den Basaren verkostet, aber irgendwie schmecken mir die ungesalzenen Kerne nicht. Wahrscheinlich bin ich geschmacklich zu sehr auf salzige Pistazien fixiert.

Endlich erreichen wir Yazd. Doch bevor wir unser heutiges Hotel aufsuchen, machen wir noch einen Zug durch die Altstadt von Yasd. Die ist berühmt für ihre Lehmhäuser. Im Eilschritt geht es durch die engen Gassen, ab und zu gibt es kurze Hinweise von Reza. Vor einer der Haustüren erklärt er die Bedeutung der zwei Türklopfer: Rechts ein Türklopfer in Form eines offenen Quadrats für Männer und links ein ringförmiger für Frauen. Die Bewohner könnten so am Klang des Klopfers feststellen, ob ein Mann oder eine Frau Einlass begehre.

Eine Mitreisende meint, das finde sie komisch. Daraufhin rastet Reza fast aus: Die Türklopfer seien keineswegs "komisch", vielmehr gehörten sie zur Tradition und Religion seines Volkes. Vermutlich hat er (wieder mal) die Bedeutung eines Wortes falsch verstanden. Wir schauen uns ob seiner Reaktion verwundert an. Ich meine, dass dieses Beispiel die oftmaligen Missverständnisse zwischen islamischer und westlicher Welt sehr gut verdeutlicht. Niemand wollte im aktuellen Fall ihn oder sein Volk beleidigen und doch hat er es so empfunden. In dem Zusammenhang fallen mir auch die Mohammed- Karikaturen ein.

Unser 23-jähriger Reiseleiter meint, der Gruppe (Durchschnittsalter ca 50 Jahre) die Welt erklären zu können, und zwar nicht nur seine, sondern auch die westliche Welt - die er nie kennengelernt hat. Reza erklärt uns, was der Unterschied zwischen Islam, Judentum und Christen sei, dass den Heiligtümern der Schiiten jeder mit großem Respekt zu begegnen habe, der letzte Schah der größte Versager aller Zeiten gewesen sei und Alexander der Große den Zusatznamen nicht verdiene, weil er Persepolis zerstört habe. Auf die Dauer ganz schön nervig, dieser Schnösel... Beim Thema Alexander übersieht unser junger Freund - wohl mangels ausreichender Geschichtskenntnis - dass einige Jahrzehnte vor dem Makedonen Xerxes I. die Akropolis von Athen weitgehend in Schutt und Asche gelegt hatte.

Wir übernachten im Moshir-al-Mamalek Garden-Hotel und dieses Hotel ist wirklich gut. Die Zimmer sind klein, aber sehr geschmackvoll eingerichtet Die Hotelanlage selbst liegt am Rande der Altstadt von Yasd und umschließt mit ihren Gebäuden einen als Granatapfelgarten angelegten Innenhof mit in gekachelten Kanälen fließendem Wasser, Brunnen und Blumen- Beeten. Darin sind Diwane für die Gäste aufgestellt - zum Entspannen und Träumen. Genau so hatte ich mir das zum alten Persien verklärte Iran vorgestellt. Auch das Abendessen ist von wirklich guter Qualität. Die Lamm- Kebabs sind exzellent und zur Abwechslung gibt es hier mal Farfalle mit einer Sauce Bolognese.

15.04.2009: Mittwoch

Yazd ist eine sehr alte Stadt am Rande der Kavir Wüste. Die 1200 m hoch gelegene Stadt ist, im Gegensatz zu der ansonsten trockenen Umgebung, durch ihre günstige Lage am Rande eines Gebirgsmassivs sehr fruchtbar. Yasd ist der Hauptsitz der Zoroastrier, der Anhänger der uralten Religion des Predigers Zarathustra. Die Bewohner der Stadt gelten vielen Iranern als besonders aufrichtig und verlässlich.

Die historische Altstadt ist geprägt von den unzähligen Lehmhäusern und vielen Windtürmen. Letztere sind mit langen vertikalen Spalten versehenen und können als Vorläufer unserer Kühlschränke bezeichnet werden. Sie dienen nur dazu, den ständigen Wüstenwind aufzufangen und in den Keller zum Wohnbereich zu abzuleiten. Die Luftttemperatur kann noch zusätzlich gekühlt werden, indem die Luft auf die Oberfläche eines Wasserbeckens geblasen wird. Alternativ werden feuchte Tücher außen an die Windtürme gehängt. Auch die Innentemperatur der Zisterne am Rande der Altstadt wird durch vier Windtürme gekühlt.

Wir wollen uns der Religion der Zoroastrier nähern und besuchen dazu die in der Nähe liegenden "Türme des Schweigens". Es sind Begräbnistürme, in deren Innerem die Leichen Verstorbener den Geiern zum Fraß aufgebahrt wurden. Dieser Brauch ist auf den Glauben der Zoroastrier zurückzuführen, dass ihre Leichen die Erde, eines der vier heiligen Elemente, verunreinigen würden. Nachdem die Geier die Knochen abgenagt hatten, wurden diese in speziellen Begräbniskisten beigesetzt. Diese Form der Beerdigung, auch Luftbestattung genannt, ist seit der Zeit des letzten Schah verboten, weshalb die verbliebenen Zoroastrier Ihre Toten seitdem in Betonsärgen beisetzen. Da war die historische Begräbnisform wohl umweltfreundlicher!

Als nächstes besuchen wir Ateshkadeh, den Feuertempel der Zoroastrier. Der Tempel ist erst neueren Datums. Fotografierverbot! Hinter einer Glasscheibe im Innenraum brennt ein ewiges Feuer. Es wird ausschließlich von Aprikosenholz genährt und soll schon seit 470 n.Chr. brennen, aber erst auf Umwegen nach Yazd gekommen sein. Das Feuer wird als Symbol für Gott verehrt, da es das Sauberste ist, was es auf Erden gibt und durch nichts verunreinigt werden kann. Es bedeutet aber keineswegs, dass die Zoroastrier Feueranbeter sind, was man ihnen bisweilen unterstellt.

Im Inneren des Tempels erinnert ein Gemälde, das Zarathustra darstellen soill, an den Religionsgründer. Auch einige seiner Schriften, die Gataha, sind hier in Vitrinen ausgestellt. Die Zoroastrier verehren den monotheistischen Gott Ahura Mazda, die Hauptprinzipien ihrer Religion sind "Gut Denken, Gut Reden und Gut Handeln". Das Zeichen der zoroastrischen Religion ist die geflügelte Sonnenscheibe.

Auch in Yazd darf natürlich nicht der Besuch einer Moschee fehlen. Das Eingangsportal der Freitagsmoschee mit dem Doppelminarett ist das Wahrzeichen der Stadt. Die Fassade und die Fliesenornamentik gehören mit zum Schönsten, was die persische Baukunst des 14. Jh. hinterlassen hat. Ein kurzer Schlenker folgt zum sogenannten Alexander- Gefängnis, eigentlich nichts besonderes, aber hier soll Alexander einen Feldherrn seiner Feinde gefangen gehalten haben.

Dann stehen wir auf dem Meydan-e Mir Chaqmaq, einem Platz, der von einem riesigen Portalbau und Arkaden beherrscht wird. Vor dem Portal steht ein Naql, ein sauschweres Holzgestell, das zur jährlichen Trauerprozession am Todestag des Imams Hossein mit schwarzen Tüchern und Bannern geschmückt und von vielen Männern getragen wurde. Da es bei diesen Prozessionen immer wieder schwere Unfälle unter den Trägern und Teilnehmern gegeben hat, wurden sie vor einiger Zeit verboten. An diesem Platz liegt der Eingang zum örtlichen Basar, der besonders für einen Bereich, den Goldbasar, berühmt ist. Hier liegt auch die berühmteste Konditorei Irans, Hadjj Khalife. Alle nur erdenklichen süßen Kuchen, Küchlein und Plätzchen werden hier in bester orientalischer Qualität angeboten. Natürlich decken sich viele aus unserer Gruppe ein. Proviant bunkern, insbesondere Wasser oder andere Erfrischungsgetränke, heißt es auch angesichts der bevorstehenden weiteren Busfahrt über 300 km nach Isfahan. Das bedeutet nämlich wieder 4- 5 Stunden unterwegs zu sein...

Einförmig und eintönig zieht sich die Wüstenlandschaft entlang der Straße hin. Wieder ein halber Tag auf der Piste - und kein vorheriger Hinweis vom Veranstalter. Angesichts der endlosen Wüstenlandschaft kommt selbst ein Tankstopp als Abwechslung sehr gelegen.

So kann uns Reza wieder ein wenig mehr von seinem Heimatland erzählen. Er berichtet, dass es in Iran 3 Armeen gebe. Da sei zum einen die reguläre Armee, das Militär des ehemaligen Schahs. Denen traue der oberste Revolutions- Wächter aber nicht so recht über den Weg, weshalb die Revolutionären Garden, die Pasdaran, gegründet wurden. Als zusätzliche Absicherung gibt es dann noch eine Art paramilitärische Miliz, die Basidsch oder Basij, bestehend aus einfachen Leute, die als eine Art "Moralpolizei" die Einhaltung der religiösen Vorschriften überwachen und im Falle eines Putsches zu den Waffen greifen. Das Mullah- Regime hat sich also weitgehend gegen Konterrevolutionäre abgesichert. Na ja, so erklärt uns Reza das natürlich nicht.

Auf der Strecke nach Isfahan liegt der Wüstenort Na'in. Pause! Die dortige Freitagsmoschee stammt aus dem 10. Jh. und ist damit eine der ältesten Moscheen der arabischen Welt. Alles an diesem Gebetshaus ist aus Ziegeln gebaut. Im Gebetssaal sind die Unterseiten der Bögen mit Weinranken- und Trauben- Motiven geschmückt. Eine Besonderheit stellt die Beleuchtungstechnik im Wintergebetssaal im Keller dar. Die Gewölbe werden durch lichtdurchlässige Alabastersteine, die als obere Kopfsteine gesetzt wurden, schwach erhellt. Die alten Lehmbauten in der Umgebung sind zerstört oder eingefallen. Es sieht hier aus wie nach einem schweren Erdbeben.

Endlich erreichen wir Isfahan, die Stadt von der ihre Einwohner sagen "Esfahan – nesf-e jahan“ – "Isfahan ist die Hälfte der Welt“. Vor 400 Jahren war sie die Hauptstadt von Persien und sollte zum Paradies auf Erden werden. Die prächtigen Bauten, schattigen Lauben, grünen Gärten und pompösen Brunnenanlagen versetzen heute jeden Besucher zurück in die Zeit der Safawiden und in vorbehaltloses Staunen!

Wir beziehen unsere Zimmer im Aseman Hotel. Ich bekomme ein großräumiges, ruhiges Zimmer und genieße die angenehme Atmosphäre des Hotels. Aber es gibt auch gegenteilige Erfahrungen unter den Mitreisenden. Das Problem: Dieses und alle anderen Hotels von Isfahan sind angeblich völlig ausgebucht, kein Zimmertausch möglich. Reza belehrt eine reklamierende Mitreisende, die ein fensterloses Zimmer erwischt hat, dies sei schließlich keine Luxusreise und sie solle doch lieber den Urlaub genießen statt sich aufzuregen. Das nenne ich eine Super- Reaktion eines Reiseleiters... Die einwöchige Reise hat übrigens fast 6 Durchschnitts- Monatsverdienste eines Iraners gekostet.

Reza hat uns schon während der Anreise gewarnt. In Isfahan müsse alles beantragt werden, was ausländische Gruppen dort machen dürften. Ein nächtlicher Ausgang nach 22:30 Uhr sei grundsätzlich untersagt. "Diese Stadt hat eigene Regeln. Es ist viel passiert", deutet Reza vielsagend an. Mehr will er uns nicht verraten. Wegen der besonderen Regeln müsse jeder Tourist in den Hotels seinen Pass abgeben und erhalte für die Zeit seines Aufenthaltes in der Stadt eine Hotelkarte als Legitimationspapier. Aha!

Auch heute abend kehren wir wieder in einem hiesigen Spezialitätenrestaurant ein. Für mich steht jetzt schon fest, dass die persische (Restaurant-) Küche nicht zu meinen Welt- Lieblingsküchen gehören wird. Von diesem Eindruck werde ich auch heute abend bei gesäuerter Graupensuppe und furztrockenem Reisauflauf mit Berberitzen und Zitronenbier nicht abgebracht. Die typischen persischen Schmortopfgerichte, die eine lange Zubereitungszeit erfordern, haben wir leider nicht kennengelernt. Schade, denn sie sollen sehr wohlschmeckend sein.

16.04.2009: Donnerstag

Schah Abbas I. wählte Isfahan 1598 zu seiner Hauptstadt und ließ den Naghsch-e Dschahan ("Entwurf der Welt") anlegen, später Meydan-e Schah ("Königsplatz") genannt. Das von doppelten Arkaden gesäumte Rechteck ist mit 524 m Länge bis heute einer der größten öffentlichen Plätze der Welt. Der Platz wurde gleichermaßen als Marktplatz, Hinrichtungsstätte, Polo- Spielfeld und Paradeplatz genutzt und ist von vier monumentalen Bauwerken umgeben. Im Westen der "Palast der Hohen Pforte", ein Empfangsbalkon für Gäste des Schahs und Aussichtsplattform, gegenüber die private Lotfollah- Moschee des Schahs und im Norden das Eingangsportal des königlichen Basars. Gegenüber des Basars zieht im Süden die gewaltige Königsmoschee die Blicke auf sich, die Abbas zu Ehren Gottes errichten ließ. Der Meydan gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Wir beginnen die Besichtigung dieses monumentalen Platzes mit einem Besuch der Königsmoschee, auch Freitagsmoschee genannt. Vorgestern hatte ich Reza gefragt, warum eigentlich manche Moscheen im Land "Freitagsmoschee" heißen? Heute beantwortet er meine Frage. Es handele sich um Moscheen in größeren Orten, in der Muslime das Freitagsgebet gemeinschaftlich verrichten und der Imam vor dem eigentlichen Gebet eine Freitagspredigt hält.

Die Königsmoschee ist ein gigantischer Bau mit vier Minaretten, in deren Mitte sich ein weiter Innenhof mitsamt Becken erstreckt. Die vier monumentalen Iwane (halboffene Hallenkuppeln) stehen für die vier Flüsse des Paradieses. In zwei Höfen sind die Koranschulen ("Madrasa" genannt) untergebracht, weitere Räume ergänzen die Moscheeanlage, u.a. ein Turm, der als Sternwarte diente. Der Gebäudekomplex ist nach Mekka gerichtet. Die Himmelsrichtung wird durch eine Wand angezeigt, in die der sogenannte Mirhab, die Gebetsnische, eingelassen ist. Der reich mit bunten Mosaiken und Kalligraphien geschmückte Bau verkörpert den Garten Eden, erbaut nach den Beschreibungen im Koran. Intarsienarbeiten und bemalte Fliesen von unglaublicher Farbenpracht faszinieren uns wie jeden anderen Betrachter auch.

Wer den Roman "Der Medicus" von Noah Gordon kennt, kann sich auf dem Meydan, dem großen Platz, gedanklich zurückbeamen in die Zeit von Ibn Sina, dem berühmten persischen Arzt, dem "grössten Medicus der Welt".

Doch wir besichtigen erst einmal den Schahpalast Ali Qapu und bestaunen auf dem großen Balkon stehend die Weite des Platzes. Danach steigen wir über eine Wendeltreppe zu den Privatgemächern in den oberen Stockwerken hoch. Das sechste Geschoß bildet eine innenarchitektonische Besonderheit. Hier sind die Wände mit Stuckelementen in Form von Krügen und Vasen gearbeitet. Die so entstandenen Hohlräume verleihen dem Raum nahezu ideale akustische Eigenschaften, weshalb man ihn heute "das Musikzimmer" nennt.

Wieder zurück auf dem Meydan treffen wir auf eine Mädchenklasse, die mit ihrer Lehrerin einen Tagesausflug hierher unternommen hat. Auch hier sind eher wir für die kleinen Mädchen die Exoten als umgekehrt. Die Fröhlichkeit der Kinder ist ansteckend.

Nachdem wir auch noch die ebenfalls sehr kunstvolle Lotfallah- Moschee besichtigt haben, geht es weiter zum in der Nähe liegenden Chehel Sotun, dem "40-Säulen-Palast", einem der beiden letzten erhaltenen Gartenpaläste der Safaviden. Vor dem Palast teilt ein langgezogenes Wasserbecken den Garten. Auf seiner Oberfläche spiegeln sich die 20 Säulen des Vorbaus - vermutlich die Erklärung für den Namen des Palastes, dessen Inneres von großen Wandmalereien und Verspiegelungen geschmückt ist. Insgesamt ein wirklich sehenswertes Bauwerk.

Es ist Mittagszeit und Reza führt uns zu ausgewählten Händlern und Handwerkern in den Basar. Die Verkaufsveranstaltungs- Tour beginnt mit dem Besuch eines Teppichgeschäftes. Der Händler sei der größte und beste Teppichhändler Irans, er mache nur feste, nicht verhandelbare Preise, weil er "überwiegend an Europäer verkaufe" sagt Reza. Das leuchtet jedem ein, nicht wahr? Der Händler hat zwar augenscheinlich sehr schöne Teppiche, aber niemand kauft eines der guten Stücke.

Also geht es weiter zu einem Miniaturenmaler - laut Reza der berühmteste Künstler seines Faches in Iran. Sein Werkzeug ist ein mit feinstem Katzenhaar bestückter Pinsel, seine Leinwand sind kleine polierte Scheiben aus Kamelknochen. Sogleich gibt er uns ein Beispiel seiner Malkunst und zeichnet mit dem Pinsel ein Porträt von Hafis, dem Nationaldichter, auf ein fingernagelgroßes Knochenstück. Der Maler räumt uns einen Freundschaftsrabatt von 15% auf die ausgezeichneten Preise seiner Bilder ein - und verkauft auch gleich einige Gemälde. Eine Mitreisende hat sich in eine prachtvolle mittelgroße Miniatur verliebt und kann den ursprünglich über 1.000 € liegenden Preis auf die Hälfte runterhandeln.

Als nächstes folgt der Besuch eines Geschäftes, in dem mit Naturfarben handgestempelte Decken angeboten werden. Natürlich ist auch dieser Künstler wieder der Beste seiner Zunft... Den beeindruckenden Produkten kann ich nicht wiederstehen und erwerbe eine besonders schöne Tischdecke. Danach erwartet uns ein Emaillespezialist ("der beste..."), der in dieser speziellen Technik hergestellte Gefäße und Teller anbietet. Zu guter Letzt versucht uns Reza noch zu einem Silberziselierer zu bugsieren, was aber am endgültigen Widerstand der Gruppe scheitert. Unser begnadeter Führer hat wohl jetzt schon reichlich Provision von den Verkäufern abkassiert.

Wir wollen den Basar auf eigene Faust erkunden. So kann jeder nach seinem persönlichen Gustus die Basargassen durchstreifen und Andenken oder Köstlichkeiten zum Mitnehmen erwerben. Besonders beliebt sind die Produkte aus Nüssen und süßem Gebäck. An einem Eisgeschäft versorgen sich viele Einheimische mit Speiseeis zum Mitnehmen. Dem Beispiel folge ich - und werde am nächsten Tag mit einer verstärkten Darmtätigkeit belohnt. Aber wozu habe ich Immodium mitgebracht?

Die Gruppe trifft sich gegen 17 Uhr wieder. Mit dem Bus geht es runter zum Zayandeh Rud- Fluß, wo eine Wanderung zu den historischen Brücken Isfahans beginnt. An der Brücke Pol-e Khadjou aus dem 17. Jh., die auch als Staudamm und Schleuse diente, treffen sich am Abend viele Stadtbewohner zum Klönen und "Singen". Diese Art gesellschaftlicher Begegnung kennt man bei uns gar nicht mehr. Einige Männer verkaufen an die Eltern kleiner Kinder gefärbte lebendige Küken. Das hat nichts mit dem gerade zu Ende gegangenen Osterfest zu tun, es ist wohl mehr so ne Art "Teletubbies"- Ersatz für die lieben Kleinen. Zu Fuß geht es am Fluss entlang über zwei weitere Brücken Richtung Si-o Se Pol- Brücke mit ihren 33 Bögen. Der heutige Tag war für die meisten von uns sehr anstrengend und wir sind die Latscherei leid. Zudem haben wir sowieso den Eindruck, dass Reza dies als Beschäftigungstherapie mit uns veranstaltet um die Zeit bis zum bestellten Dinner zu überbrücken. Er hat nämlich beschlossen, dass wir nicht mehr zum Frischmachen ins Hotel fahren, sondern staubig und verschwitzt wie wir sind das Abendessen einnehmen. Dafür hat er den Restaurant- Keller eines Hotels ausgesucht, wo wir die einzigen Gäste sind. Das Essen ist bis auf die gebratene Forelle mies und paßt damit haargenau zu Rezas heutiger Performance. Ich probiere als Getränk diesmal Dugh, den iranischen Ayran, und muss mich beim Geschmack des angegorenen Joghurtgetränks schütteln. Nein danke!

Endlich im Hotel angekommen, genehmigen wir uns in der Coffee-Bar einen Gute-Nacht-Tee. Aber um kurz nach 22 Uhr wird schon um die "last order" gebeten. Trotz aller Schönheiten Irans freuen wir uns zunehmend auf unser Zuhause in Deutschland.

17.04.2009: Freitag

Heute morgen fahren wir in das Armenier- Viertel Jolfa, wo Reza uns zur Abwechslung mal eine christliche Kirche präsentiert. Es ist die aus dem 17. Jh. stammende Erlöserkirche, eine Kathedrale, die innen mit zahlreichen Szenen aus dem Neuen Testament und der armenischen Kirchengeschichte ausgemalt ist. Leider besteht ein totales Film- und Fotografierverbot. "Die Darstellungen kennen Sie ja", meint Reza und spart sich weitere Erklärungen. Das gilt auch für das angrenzende Museum zur Geschichte der Armenier in Iran. "Schauen Sie selbst!" Die Armenier gelten hier als reiche Minderheit.

In Isfahan hat wenige Tagen vor unserer Ankunft Staatspräsident Ahmadinedschad eine Anlage zur Anreicherung von Uran "für die zivile Nutzung" eröffnet. Westliche Länder äußerten wiederholt die Befürchtung, Iran könne die benutzten Brennstäbe aus einem solchen Schwerwasserreaktor zur Herstellung von Plutonium für Atomwaffensprengköpfe verwenden. Das wird hier heftig bestritten. Offiziell begründet Teheran das Atomprogramm mit dem wachsenden Strombedarf, es steckt aber vielleicht auch das Streben dahinter, zur regionalen Supermacht am Golf aufzusteigen, die sich gegen mögliche Angriffe der Israelis oder der US-Amerikaner gleichwertig verteidigen kann.

Wie sollte es auch anders sein - heute erwarten uns weitere 430 km Fahrt auf der Autobahn nach Teheran. Und dieser Umstand bietet Reza die Gelegenheit, über das iranische Atomprogramm zu philosophieren. Es sei der Wunsch aller Iraner, die Atomenergie zu zivilen Zwecken nutzbar zu machen. Man habe mehrere Jahrzehnte geforscht und könne nun die Früchte dieser Arbeit ernten. Kein Moslem wolle ernsthaft die Atombombe. Auf meine Frage, warum man nicht auf alternative Energien setze, z.B. Sonnenenergie, meint Reza, zunächst wolle man die Ergebnisse der langwierigen Atomforschung nutzen. Später könne man sich dann immer noch anderer Energiequellen bedienen. Schließlich gebe es ja im Lande schon erste Photovoltaik- und Windkraftanlagen.

Übrigens sei auch die Vernichtung Israels nicht der Wille der Moslems, man wolle lediglich freie Wahlen für Israelis und Palästinenser. Ahmadinedschad habe eine Dummheit begangen mit seiner Bemerkung, Israel müsse von der Landkarte getilgt werden. Da sei er sich nicht bewußt gewesen, dass er es nicht in einer Teestube gesagt habe, sondern vor der Weltöffentlichkeit. Er habe es auch gar nicht so gemeint, wie die westlichen Medien es dargestellt hätten. "Glauben Sie nicht alles, was sie dort lesen!" gibt uns Reza als Rat mit auf den Weg.

In der Stadt Kashan legen wir einen Stop ein und besichtigen das Khan-ye Boroudjerdiah, ein Kaufmannshaus aus dem 19. Jh.. Um den Innenhof mit Wasserbecken und kleinem Garten gruppieren sich die teils offenen Gebäudetrakte, die nach Ihrer Sonnenausrichtung entweder im Winter oder im Sommer genutzt wurden. Im Hauptempfangssaal sorgt zusätzlich ein Windturm für angenehmes Klima.

Von hier laufen wir zur Aqa Bozorg Moschee aus dem 19. Jh. Sie ist eine der schönsten aus der Qadjarenzeit. Das Farbspiel zwischen den naturfarbenen Ziegeln und den sparsamen Fliesenpartien in rot, blau und gelb ist geradezu perfekt.

Etwa 7 km vom Stadtzentrum entfernt liegt ein Vorort, der in prähistorischer Zeit offensichtlich große Bedeutung hatte: Tepe Sialk. In den dortigen Ausgrabungshügeln hat man Artefakte aus dem 5. Jtsd. v. Chr. gefunden! Wir schauen uns hingegen den als Baq-e Shah bezeichneten Garten an, den Shah Abbas nach dem Vorbild eines persischen Paradiesgartens anlegen ließ. Er wird von zahlreichen gefließten Kanälen durchzogen, in denen das Wasser einer äußerst ergiebigen Quelle fließt. Auch ein zentral angeordneter zweistöckiger Pavillion wird von den Kanälen gekreuzt.

Heute ist Freitag, also der "Sonntag" der Moslems, und viele Einwohner nutzen den Tag für einen Besuch der schattigen Gartenanlage. Es kommt zu zahlreichen Begegnungen zwischen uns und den iranischen Besuchern. Junge Männer, die ein wenig Englisch sprechen, sind stolz darauf, 2-3 Fußballmannschaften der Bundesliga zu kennen. Das liegt vielleicht auch daran, dass ein paar iranische Spitzenfußballer in deutschen Mannschaften spielen. Auch an die Teilnahme der iranischen Mannschaft an der Fußball-WM in Deutschland denkt man hier gerne zurück. Die Frauen haben andere Gesprächsthemen. Alle sind regelrecht versessen darauf, sich mit eigenen Kameras mit uns fotografieren zu lassen.

Draußen vor der Gartenanlage wird in vielen Läden Rosenwasser angeboten, für dessen Produktion Kashan bekannt ist. Die Verkäufer besprühen uns Touristen mit dem duftenden Wasser. Das Rosenwasser wird in dünnwandigen 1 l- Plastikflaschen angeboten. Einen Transport im Koffer würden diese Behältnisse leider nicht überleben, weshalb wir vom Kauf Abstand nehmen müssen. Alternativ kann man aber Rosenmarmelade oder Süßigkeiten mit Rosenessenz erwerben.

Wir genießen den Aufenthalt in Kashan sehr bevor es wieder in den Bus und weiter Richtung Teheran geht. Wir erreichen die Hauptstadt aus Süden kommend vorbei am Imam Khomeini Airport. Nahe beim Airport steht das neu errichtete Mausoleum des 1989 verstorbenen Revolutionsführers. Das Mausoleum mit goldener Kuppel wird eingeschlossen von 4 ebenfalls vergoldeten Minaretten. Wir machen zwar einen Halt auf dem riesigen Parkplatz der Anlage, betreten aber nicht das Innere des Grabbaus. Reza hält uns davon ab. Es lohne sich nicht, meint er. Zudem seien viele Taschendiebe unterwegs. Wie man hört, soll der Innenraum des Khomeini- Grabes tatsächlich sehr kalt wirken, fast wie eine Flughafenhalle.

Bei der Ankunft am Mausoleum ist uns aufgefallen, dass am Straßenrand Festtribünen und Absperrgitter aufgebaut stehen. Sie sind mit "Märtyrer- Bildern" geschmückt. Reza erklärt dazu, morgen sei der "Tag der Armee" und hier finde eine Parade statt.

Wir beziehen für die letzte Übernachtung wieder ein Zimmer im Esteghlal Hotel. Zum Dinner geht es in ein auch bei den Teheranern sehr beliebtes Restaurant. Das besondere ist dort nicht das abendliche Buffet, sondern die aserbeidschanischen Musiker, die schnell registriert haben, dass unsere Gruppe aus Deutschland kommt. Und da liegt es ja auf der Hand, uns einen besonderen Gefallen mit einem deutschen Lied zu tun. Sie spielen "Ja, ja, der Chianti- Wein, der läd´ uns alle ein...", der Sänger singt dazu den deutschen Text. Unglaublich, aber wahr, Ball paradox!

Reza hält eine Abschiedsrede, in der er nochmals seine Sicht der Dinge zusammenfaßt und an die Einsicht des Westens zur Völkerverständigung appelliert. Dann verkündet er, dass unser für morgen früh um 9:00 Uhr vorgesehener Flug auf 7:40 Uhr vorverlegt worden sei. Das bedeute Wecken um 3:30 Uhr, also eine verdammt kurze Nacht.

18.04.2009: Samstag

Um kurz vor 5:00 Uhr sind wir am Airport. Tschüs Reza! Ich vermute, das für ihn gesammelte Trinkgeld hält sich in Grenzen. Er muss noch viel lernen, vor allem die Toleranz und den Respekt gegenüber anderen aufzubringen, den er für sich und seine Welt reklamiert.

Das Einchecken läuft problemlos, das Boarding ebenfalls. Der Jumbo der Iran Air ist startklar, wir warten. Dann eine Borddurchsage: "Alle Passagiere werden gebeten, die Maschine zu verlassen. Der Start verzögert sich leider." Also wieder zurück zum Gate. Dort werden Getränke an die Wartenden verteilt. Was ist passiert? Der "Tag der Armee" fordert seine Opfer. Die Militärs haben wegen der beginnenden Parade kurzerhand den gesamten zivilen Flugverkehr gesperrt. Wir wollen es nicht glauben, müssen uns aber in unser Schicksal ergeben. Nachdem es erst heißt, wir müßten von 5 Stunden Wartezeit ausgehen, sind wir schließlich froh, dass der Jet um kurz nach 10 Uhr starten kann.

An Bord entledigen sich alle Frauen erst einmal ihrer Kopftücher und begrüßen sich gegenseitig wieder in der westlichen Gesellschaft. Eine junge Mitreisende ist in Deutschland mit einem Iraner liiert. Für sie steht fest, dass sie ihm niemals in sein Heimatland folgen wird solange hier die Hardliner regieren und es keine persönliche Freiheit gibt..

Iran? Nicht noch einmal unter den derzeitigen politischen Verhältnissen! Obwohl es ein faszinierendes Land mit einem großen Kulturerbe ist und wir viele liebe nette Menschen getroffen haben. Man spürt hier, dass es unter der Oberfläche brodelt - unterdrückte Menschen in einem geknechjteten Land.

Nachsatz: Genau das sollte sich bei den Präsidentschaftswahlen und den damit im Zusammenhang stehenden Ereignissen im Juni/Juli 2009 bewahrheiten.

 

Hier gibt es den Reisebericht als PDF zum Ausdrucken.

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Und hier meine Literatur Empfehlungen: (ein Klick auf den Buchtitel führt Euch zu weiteren Infos und zur Direktbestellung bei amazon.de):

Zunächst ein "Reisehandbuch". Es ist in der Reise Know-How- Reihe erschienen und beinhaltet auf 672 Seiten alles was man für eine Reise durch Iran wissen muss oder will. Die Informationen sind umfassend. Ich habe auch während unserer organisierten Reise gerne darauf zurückgegriffen. Was uns Reza nicht erklären wollte oder konnte - hier habe ich es gefunden.

Das Leben in Iran ist soviel anders als in Europa! Da hilft es weiter, den Aufpralll von iranischer Tradition, Moderne und islamischen Fundamentalismus von einem Exil- Iraner erklärt zu bekommen. Kader Abdolah, übrigens ein Pseudonym des Autors, hat den bemerkenswerten Roman "Das Haus an der Moschee" geschrieben, dessen Handlung zur Zeit der Revolution und in den Jahren des Iran-Irak-Krieges spielt und die Geschichte einer Familie erzählt.

Ein weiteres lesenswertes Buch ist "Persien - Gottes vergessener Garten: Meine Reise durch den Iran" von Jason Elliot. Zwischen 2002 und 2005 hat der preisgekrönte Schriftsteller den Iran durchquert und legt darüber einen grandiosen Bericht vor. Auch die Lektüre dieses Buches bringt dem Leser das Leben in Iran näher.

Zum Schluss ein besonderer Tipp: "Mein Iran: Ein Leben zwischen Revolution und Hoffnung" die Autobiografie von Shirin Ebada, der Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2003. Die iranische Rechtsanwältin und Hochschullehrerin erzählt uns viel über das Land, seine jüngste Geschichte und den Geist der fundamentalistischen Hardliner, aber auch über den anderen Iran und vor allem von den Frauen.

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