Karin hat als Ziel einer Städtereise Krakau (poln. Kraków) vorgeschlagen. Das gefällt mir. Wir werden im Juni 2017 ein verlängertes Wochenende in Polens Kulturhauptstadt verbringen. Keine andere polnische Stadt soll so verehrt und bewundert sein wie Krakau, die Hauptstadt der Woiwodschaft Kleinpolen. Neben Prag ist es die einzige mitteleuropäische Großstadt, die fast unversehrt den 2. Weltkrieg überstand. Unnötig zu erwähnen, dass Krakau mit seinen 5.500 denkmalgeschützten Häusern zum UNESCO- Weltkulturerbe gehört. Die Beschreibung der einschlägigen Reiseführer ist blumig und überschwenglich. Doch wie wird die Stadt uns gefallen?

Wir fliegen mit Eurowings nach Krakau. Das zubuchbare Angebot eines größeren Sitzabstands empfinde ich bei dieser Tochter der Lufthansa als sehr angenehm.

Do 15.06.2017 Krakau entdecken

Am frühen Nachmittag landen wir in der alten Krönungsstadt der einstigen polnischen Könige.

Krakau hat keine U-Bahn. Jedoch gibt es Busse und Straßenbahnen, die fast rund um die Uhr fahren - eine preisgünstige Art des Transports. Das "Airport-Taxi" bis zum Hotel kostet 90 zl (= 22 €). Wir meinen, das ist günstig, und entscheiden uns für das Taxi. Polen gehört zwar zur EU, hat aber noch nicht den Euro eingeführt. Die Landeswährung Zloty wird 4:1 umgerechnet, 4 zl entsprechen also etwa 1 €.

Unsere Unterkunft für die nächsten 3 Tage ist das Boutique- Hotel Kossak an der Weichsel. Aus den Fenstern blickt man auf das Panorama der Stadt und auch von der bewirtschafteten Dachterrasse hat man einen herrlichen Ausblick auf das Königsschloss Wawel und die Weichsel.

Heute wird Fronleichnam gefeiert und in Polen, wo 95% der Bevölkerung Katholiken sind, findet natürlich eine beeindruckende Prozession statt - allerdings am Vormittag, weshalb wir sie verpassen.

Also beginnen wir unsere Krakau- Erkundungen mit einem Nachmittags- Spaziergang durch die Stadt. Viele Bürger sind heute bei strahlendem Sonnenschein mit ihren Kindern auf der Weichsel- Promenade unterwegs. Natürlich ist die Drachenstatue vor der Drachenhöhle am Schloß eine Attraktion für die Kids, umsomehr weil der Drache ab und zu Feuer speit. Wie es damals bei Drachen wohl so üblich war, ernährte sich auch dieser von jungen Mädchen, die die Bevölkerung ihm opfern musste. Alle Ritter des Landes kämpften vergeblich gegen das Untier. Doch eines Tages wurde es von einem jungen Schuster namens Dratewka überlistet. Der warf ihm ein mit Schwefel gefülltes totes Lamm zum Fraß vor. Der Drache verschlang den vermeintlichen Leckerbissen. Um seinen bald einsetzenden übergroßen Durst zu stillen, trank der Drache so lange Wasser aus der Weichsel bis er platzte und verendete. Natürlich bekam der arme Schustergeselle zum Dank für seine geniale Idee die Hand der Prinzessin. Und wenn sie nicht gestorben sind...

Wie sollte es anders sein, der Drache wird heute nach allen Regeln der Kunst vermarktet, als Denkmal, als Spielzeugfigur, als Kaffeepott- Emblem und und und...

Unser Weg führt uns an den Rand des alten Judenviertels Kazimierz, wo wir zunächst auf die Paulinerkirche stoßen. Die barocke Kirche ist ein nationales Heiligtum, in der dortigen Krypta ruhen einige der bedeutendsten polnischen Künstler und Dichter. Uns sagen die Namen auf den Sarkophagen leider nichts. Sorry, Polen!

Auf der anderen Seite der Weichsel gegenüber von Kazimierz hatten die Nazis in Podgórze eines ihrer berüchtigten Juden- Ghettos eingerichtet - als Vorstufe zu den Arbeits- und Vernichtungslagern. In den nahegelegenen KZs Plaszów und Ausschwitz wurde der Genozid industrialisiert. Hier begingen die deutschen Besatzer die größten Verbrechen der Menschheit. Wir werden diese Stätten des Massenmords ebensowenig besuchen wie Oskar Schindlers Emaillefabrik. Ich habe mir vorgenommen, dies bei einem weiteren Besuch Krakaus nachzuholen.

Auf unserem heutigen Spaziergang streifen wir das Viertel Kazimierz nur kurz und erreichen über die Grodzka (Fußgängerzone) die historische Altstadt Krakaus, die Stare Miasto. Hier befinden sich zahlreiche Kirchen, von denen die Marienkirche am Hauptmarkt die wohl schönste, ja beeindruckendste, ist. Wir werden sie morgen besichtigen. Heute schauen wir uns die Peter- und- Paul- Kirche an der Grodzka an, wo gerade eine Trauung stattgefunden hat. Zur Straße hin stehen Sandstein- Statuen der zwölf Apostel auf gemauerten Säulen. Es ist die älteste Barockkirche in Krakau, sie wurde Anfang des 17. Jh. erbaut. In der Kuppel wurde ein Foucaultsches Pendel aufgehängt, das fast bis zum Boden reicht und dessen Schwingungen die Erdrotation anzeigt und so das heliozentrische Weltbild von Kopernikus bestätigt. Leider findet während unseres Besuchs keine Demonstration des Pendels statt.

Vor der Kirche, wie auch an vielen anderen Orten, werden Obwarzanki (Sesamkringel) verkauft, die ziemlich sättigend sind. Für den schnellen Hunger sind ferner Zapiekankas sehr beliebt. Es handelt sich um Baguette, belegt mit Zwiebeln, Schnittlauch, Wurst oder Schinken, eigentlich mit fast allem. Käse dazu und scharfe Sauce oder Knoblauchsauce obendrauf, jeder isst sie mit Genuss. Sehr beliebt ist ferner Döner Kebab in allen Variationen. Dafür stehen die Krakauer sogar Schlange. Da wir heute abend in einem sehr guten Restaurant speisen wollen, enthalten wir uns der Versuchung.

Krakau ist die Stadt der Zuckerbäcker, der Chocolatiers und der Gelatieris, der Eismacher. Die Krakauer sind verrückt nach Speiseeis. Deshalb gibt es mindestens alle 50 m eine Eisdiele mit Straßenverkauf, an dem man alle erdenklichen Sorten Eis im Hörnchen erstehen kann.

In den Schokoladenläden kann man alle Arten von selbst produzierten Pralinés und Schokoladen kaufen. Schon der Duft ist sehr verführerisch, die Produkte nebst stilvoller Verpackung lassen einen kaum widerstehen.

Und auch die Zuckerbäcker mit ihrer Spezialität, der Bonbonherstellung, bedienen den süßen Zahn mit ihren bunten Produkten. In einigen Ladenlokalen kann man ihnen sogar bei der Arbeit zusehen.

Den Abschluß unseres Rundgangs bildet ein Bummel über den riesigen Marktplatz.

Heute abend speisen wir hier am Marktplatz im Restaurant Szara Ges ("Graue Gans"), die Empfehlung einer lieben Bekannten. Der reservierte Tisch liegt direkt am Fenster zum Rynek. So können wir das Treiben auf dem Marktplatz beobachten und sitzen gleichzeitig im Schaufenster. Das stört uns nicht. An den Tischen der Außengastronomie verhält es sich ja genauso.

Nach einem Glas Crémant als Aperitif lasse ich mir geräucherte Gänsebrust, eine sehr feine Meerrettichsuppe und ein auf den Punkt gebratenes Dorschfilet mit Krebssauce munden. Die Dessertkreationen wissen besonders zu gefallen. Es sind Kompositionen aus Creme, Frucht und Schokolade, die großen Pralinés ähneln und klangvolle Namen tragen, wie Kopernikus, Grey Goose oder Rocher.

Iss Gutes und rede darüber! - hat das nicht mal ein deutscher Pionier für Öffentlichkeitsarbeit gesagt (oder so ähnlich)? Hiermit folge ich seinem Rat...

Ein schöner erster Tag geht zu Ende und wir nehmen noch einen Drink in der Hotelbar.


Fr 16.06.2017 Wawel und Altstadt

Nach dem Frühstück holt uns Dorota vom Hotel ab. Dorota Surowiak ist eine deutschsprachige Stadtführerin und wird uns den Wawel und die Altstadt zeigen. Es hat sich abgekühlt und wir müssen heute mit Regenschauern rechnen.

Die Wawelburg hat eine über 1.000-jährige Geschichte und wurde im Laufe der Jahrhunderte in den jeweils vorherrschenden Baustilen erweitert. Daher hat die Anlage kein einheitliches Erscheinungsbild. Sie war bis zum 16. Jh. die Residenz der polnischen Könige. Die Innenbesichtigung des Schlosses soll sehr interessant sein, unsere Zeit reicht dafür jedoch nicht. Der imposante Innenhof des Schlosses war früher rundum mit Fresken versehen, einige davon hat man rekonstruiert.

Wir besichtigen die Wawelkathedrale, eines der bedeutendsten Gotteshäuser in Polen. Hier wurden die polnischen Könige gekrönt und viele von ihnen beigesetzt. 19 Kapellen befinden sich im Inneren der Kathedrale, an deren Innengestaltung viele namhafte Künstler ihrer Zeit beteiligt waren. Im Kirchturm hängt die zwölf Tonnen schwere Sigismundglocke, die nur an hohen kirchlichen Feiertagen oder zu ganz besonderen Anlässen geläutet wird. Dorota berichtet, dass die Sigismundglocke auch zu Beginn des Pontifikats von Papst Johannes Paul II geläutet wurde, dessen bürgerlicher Name Karol Wojtyła war. Es sei wie ein Weckruf des Volkes gegen die sowjetischen Besatzer gewesen.

Dorota erzählt uns auch, dass der tief verwurzelte christliche Glaube des polnischen Volkes den Menschen sehr geholfen habe, die kommunistische Zeit zu überleben. Die Sowjets hätten die vollständige Unterdrückung versucht, seien damit aber nicht obsiegt. Das erklärt auch die tiefe Verehrung der Polen für "ihren" Papst, der ja inzwischen sogar heilig gesprochen wurde.

Nun geht es in die Altstadt, Stare Miasto, die vornehmlich durch den 200 mal 200 m großen Hauptmarkt geprägt ist. Der Rynek Glówny ist der größte mittelalterliche Marktplatz Europas. Wir stoßen auf das Denkmal des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz, den Dorota als den polnischen Goethe bezeichnet. Das Denkmal ist ein beliebter Treffpunkt, auch für die zahlreichen Tauben, die angeblich verzauberte Ritter sind. Ungewöhnlich ist ein großes Gebäude, das man mitten auf den Hauptmarkt gebaut hat, die Tuchhallen. Ihre Entstehung geht bis ins 13. Jh zurück, hier wurden Tücher verkauft. Den bis heute erhaltenen Renaissance- Stil der Arkaden und Fassaden bekamen die Hallen erst im 16. Jh nach einem vorherigen Brand. Im Erdgeschoss wird heute allerlei Tand und Souvenirs verkauft, im oberen Stockwerk befindet sich eine Kunstgalerie.

Am Rande des Rynek liegt die Marienkirche bzw. Marienbasilika. Dieses Gotteshaus, dessen baulicher Ursprung ebenfalls im 13. Jh. liegt, ist wirklich einmalig. Es handelt sich um ein gotisches Bauwerk, dessen Inneres mit zahlreichen Kunstwerken aus Gotik, Renaissance und Barock ausgestattet ist. Die blau gestrichene Decke mit ihren funkelnden Sternen und die bunten Kirchenfenster von Stanislaw Wyspianski vermitteln eine ganz besondere Atmosphäre.

Weltberühmt und von höchstem künstlerischen Wert ist der von dem Nürnberger Veit Stoß über einen Zeitraum von zwölf Jahren geschnitzte Altar aus dem 15. Jh. Seine Abmessungen betragen 11 x 13 m. Er zeigt Szenen aus dem Leben der Gottesmutter Maria - von der Verkündigung bis zur Himmelfahrt.

Eine weitere Besonderheit ist wohl der Trompeter, der zu jeder vollen Stunde vom höchsten Turm der Marienkirche in alle 4 Himmelsrichtungen eine kurze Turmmusik, Hejnal genannt, bläst. Beim letzten Fenster bricht er unvermittelt ab. Das soll an den Angriff der Tartaren im 13. Jh. erinnern, vor dem der Trompeter die Bürger der Stadt warnte bis ihn ein Pfeil im Hals traf und der Ton erstarb.

Wir möchten gern einen kleinen Mittagsimbiss zu uns nehmen, möglichst etwas typisch polnisches. Dorota kennt ein Lokal, das direkt gegenüber dem Theater liegt und Hausmannskost anbietet, sie nennt es "Omas Lokal". Es ist das Kuchnia U Babci Maliny, ein sehr bodenständiges und rustikales Selbstbedienungsrestaurant. Dort machen wir Bekanntschaft mit Piroggen (Pierogi), der polnischen Version von Maultaschen. Sie sind wahlweise gefüllt mit Sauerkraut, Hack oder Käse. Darüber werden angebratene Speckwürfel gestreut. Es gibt sie gekocht oder gebraten. Aus dem gewollten kleinen Imbiss wird ungewollt eine große Portion. Liegt es an einem Missverständnis bei Dorota oder an den eben anderen Portionsgrößen in einfachen polnischen Speiselokalen?

Verabschieden wir uns also von unserer Stadtführerin und machen uns auf den Weg zur nächsten Entdeckung. Es hat sich zugezogen und ein Gewitter droht.

Im Vorfeld unseres Krakau- Besuchs habe ich von der hiesigen Glaskunst der Art Nouveau gelesen und möchte daher gern das Buntglasmuseum (Muzeum Witrażu) besuchen. Also machen wir uns auf den Weg dorthin. Google Maps auf dem Smartphone ist immer wieder der beste Führer durch eine fremde Stadt.

Das Museum läßt sich zu jeder vollen Stunde im Rahmen einer englischsprachigen Führung besichtigen.

Dieses Museum ist eine Kombination aus Kunstmuseum und einer Buntglaswerkstatt aus dem Jahr 1902. Seit Jahrhunderten ist der Herstellungsprozess gleich geblieben und Besucher können dabei zusehen. In der Werkstatt wurde die Originalausstattung erhalten.

Im Ausstellungsbereich zeigt das Museum Beispiele sowohl historischer als auch zeitgenössischer Buntglasstücke, die von den bekanntesten Künstlern der polnischen Jugendstilperiode stammen. Unsere junge Führerin erzählt interessante Geschichten über die ausgestellten Stücke.

Das Wetter hat sich verschlechtert, es regnet. Deshalb bleiben wir zum Dinner im Hotel, das auf der Dachterasse ein sehr schönes Restaurant anbietet, das Cafe Oranżeria. Der Service ist verbesserungswürdig, dafür stimmt die Qualität der Küche. Ich genieße eine Tom Kha Gai- Suppe und Fisch nach Thai Art. Ohne Abstriche perfekt!

Mir tun die Füße weh, der Abend wird kurz.


Sa 17.06.2017 Nowa Huta und Kasimierz

Für heute morgen habe ich uns eine besondere Tour bei den Crazy Guides, Krakau, gebucht. Der Name der Tour ist "Communism Deluxe" (40 € p.P.), es ist keine Geschichtsstunde, sondern eher eine Mischung aus Erzählungen, Anekdoten und Ortskenntnis. 

"Alle unsere Gäste sind gleich, aber einige Gäste sind gleicher als die anderen. Wenn Sie wissen wollen, wie sich das Leben der Parteibonzen von dem der sozialistischen Arbeiter unterschieden hat, dann buchen Sie unsere Deluxe- Version der Tour." Mit seiner Ankündigung hat der Veranstalter eine Anleihe bei George Orwell gemacht. Er verspricht eine 4- stündige Erlebnisfahrt mit einem alten Trabbi nach und durch Nowa Huta.

Amerikanische Touristen haben vor Jahren den heutigen Firmeninhaber gebeten, ihnen mal etwas anderes von Krakau zu zeigen. Er packte sie kurzerhand in seinen alten Trabant und fuhr mit ihnen nach Nowa Huta, dem sozialistischen Arbeiterstadtteil, der in den 50er Jahren auf die grüne Wiese gesetzt wurde... Eine neue Geschäftsidee war geboren.

Wie bestellt, werden wir um 9:30 vor unserem Hotel abgeholt. Mit dem stinkenden DDR-Zweitakter Marke "Trabbi" geht es nach Nowa Huta. In diesem Gefährt sitzt man wie in einer Seifenkiste für Kinder. Ich komme mir vor wie bei einem Guinness- Weltrekord. In Wilmore, Kentucky, haben sich 20 Menschen in einem 1964er VW-Käfer gequetscht, dessen Türen und Hauben geschlossen waren. Okay, etwas mehr Platz haben wir schon im Trabbi, dessen Karosserie aus Plaste besteht und der mit einer Handschaltung gefahren wird.

"Comrade Veronika" ist unsere Fahrerin und unser Guide. Die bildhübsche junge Polin lebt in China, spricht Chinesisch und unterrichtet dort Englisch. Und sie stammt aus Krakau, verbringt hier ihren Urlaub und fährt Touris nach Nowa Huta - ein spannendes Leben.

Wir erreichen Nowa Huta am Plac Centralny, dem Anfang der Rosenallee. So hieß sie zu sozialistischen Zeiten. Die Erinnerung daran hat die Einwohner veranlasst, alle Rosen (Symbol des Sozialismus) zu entfernen und durch andere Blumen zu ersetzen. Das alte Lenindenkmal hat man nach einigen erfolglosen Zerstörungsversuchen nach Skandinavien verkauft. Dort steht die stählerne Statue des Diktators nun in einem Freizeitpark namens "High Chapparal".

Den Hauptplatz hat man in "Ronald Reagan Platz" umbenannt. Da gibts wohl nichts mehr hinzuzufügen...

Während der sozialistischen Zeit in Polen war es für den einfachen Bürger das Größte, einen Polski Fiat sein Eigen zu nennen. Der Polski Fiat 126p wurde in Polen auch "Maluch" (Kleiner) genannt. Er war das Sinnbild für die Motorisierung breiter Bevölkerungsschichten, für die andere Modelle nicht verfügbar gewesen wären, und er ist in dieser Hinsicht vergleichbar mit dem VW Käfer in der BRD oder dem Trabbi in der DDR.

Vor dem Museum des bewaffneten Widerstands steht ein russischer Panzer vom Typ  IS-2 - als Spielgerät für die Kinder und Fotomotiv für die Touristen. Wir haben keinen Bedarf.

Veronika fährt mit uns zu einer typisch im Stil der 50er Jahre eingerichteten Arbeiterwohnung. Auf 50 qm lebten in einer 3 1/2 Zimmer- Wohnung meist 4 Personen. Diese beengten Wohnverhältnisse kannte man auch in den Ruhrgebietsstädten im Nachkriegsdeutschland und sie gibt es bis heute. Wir schauen uns einen alten Propagandafilm über die Vorzüge und die damals hohen Standards des Lebens in Nowa Huta an. Die neu gebauten Wohnungen hatten Parkettböden und Zentralheizung. Neben allen notwendigen Geschäften gab es auch ausreichend Kinderhorts, Schulen, Krankenhäuser, ein Kino, ein Theater, Sportstätten - einfach alles, wovon die Menschen vom Lande träumten, die man für die Arbeit im hiesigen Stahlwerk rekrutieren wollte.

Dieses Stahlwerk gab der Trabantenstadt Krakaus auch den Namen "Nowa Huta" - Neue (Eisen-) Hütte. Im Rekordjahr 1977 fertigten hier 38.000 Arbeiter fast sieben Millionen Tonnen Stahl. Der gesamte Industriekomplex liegt heute brach, eine Folge der sozialistischen Beschäftigungstheorie. Damals hatten alle einen Job, der Erste hob einen Ziegelstein auf, der Zweite reichte ihn weiter und der Dritte setzte ihn auf die Mauer. Und alle bekamen den gleichen Lohn, die Putzfrau, der Arzt und der Werksdirektor. Das konnte natürlich nur im Hurra- Sozialismus, nicht aber auf Dauer funktionieren, erst recht nicht nach den Regeln der westlichen Ökonomie. Besichtigungen der riesigen Werksanlagen sind heute so gut wie gar nicht möglich.

Veronika serviert uns einen Wodka, traditionell mit einer halben Essiggurke. Polen ist ja das vermeintliche Ursprungsland dieses Schnapses, der aus Roggen, Weizen oder Kartoffeln gebrannt wird.

Dann geht es weiter zu einem Kult- Restaurant namens "Stylowa". Hier hat der Kapitalismus die heile Welt der alten Volksrepublik noch nicht zerstört. Die Inneneinrichtung entspricht immer noch dem Ursprungszustand und serviert wird immer noch von gestandenen Frauen in rot- weißen Kellnerinnen- Kostümen.

Wir sind jetzt auf dem Food- Abschnitt unserer Nowa Huta Tour. Es gibt Mittagessen in einer Milchbar. Gute Hausmannskost zu kleinen Preisen bekommt man in den aus sozialistischen Zeiten übriggebliebenen Milchbars (bary mleczene). Sie werden bis heute staatlich subventioniert und können so vollständige Mahlzeiten zu Preisen zwischen 3 und 12 zl anbieten. Es handelt sich um einen einfachen Kantinenbetrieb, in dem die ärmeren Leute, vornehmlich Senioren, aber auch eilige Berufstätige, wie z.B. Kraftfahrer, eine warme Mahlzeit einnehmen. Das Ganze kommt uns vor wie die Armenspeisung der Heilsarmee in unseren Hauptbahnhöfen, weshalb wir auch ein ungutes Gefühl beim Verspeisen der schmackhaften Mahlzeit haben.

Irgendwie gehören wir hier nicht hin und ich glaube, so denken auch die anderen Gäste. Ich bin erleichtert als wir die Milchbar wieder verlassen. Veronika meint, unser Unbehagen sei unbegründet. Sie selbst esse auch sehr oft in einer dieser Milchbars. Ich fotografiere hier nicht.

Konkurrenz gibt es inzwischen von den einfache Piroggen- Bars (pierogarnie), wo es vor allem gefüllte Teigtaschen gibt.

Dann bringt uns Comrade Veronika zurück in die Stadt.

Nun wollen wir Kazimierz erkunden. Einst eigenständige Stadt wurde Kasimierz erst im 19. Jh. nach Krakau eingemeindet und in der Folge dessen Judenviertel. Schon zuvor war Kasimierz bekannt für seine liberale, ja freiheitliche Judenpolitik, weshalb viele Krakauer Juden nach Kasimierz umsiedelten. Dessen blühende Kultur wurde erst von den Nazis jäh zerstört.

Wir beginnen unseren Rundgang am Plac Nowy, dem "jüdischen Platz", auf dessen Mitte sich ein gemauertes Rondell befindet, wo viele Verkaufstände traditionelles Streetfood aller Art anbieten. Rund um das Rondell stehen mobile Marktstände, an denen Obst und Gemüse und Trödelware angeboten werden.

Im engeren Kreis um den Plac Nowy gibt es zahlreiche Synagogen, die aber alle am Samstag für Besucher geschlossen sind. Es ist Sabbat, der Ruhetag der Juden. Da haben wir Pech, wir haben das nicht bedacht. Einzig die älteste noch erhaltene Synagoge Polens, die Synagoga Stara ("alte Synagoge") können wir heute besichtigen. In ihr ist die jüdische Abteilung des Krakauer Historischen Museums untergebracht.

Was ich bei uns in Deutschland bisher noch nicht gesehen habe: Einen Eis- Teppanyaki Straßenstand als Frontcooking- Event. Diese Art der individuellen Speiseeisproduktion stammt ursprünglich aus Thailand und erobert inzwischen den Westen. Eismasse und Früchte nach Wahl werden dünn auf eine -30° kalte Metallplatte aufgetragen und gefrieren innerhalb weniger Sekunden, dann schabt man die gefrorene Masse als Eisröllchen mit einem Spachtel ab und serviert sie den wartenden Schleckermäulern.

Feine, traditionelle Küche serviert das Restaurant Pod Baranem, ca 1 km Fussweg vom Hotel direkt hinter der Burg gelegen. Hier habe ich für heute abend einen Tisch reservieren lassen. Doch zunächst verirren wir uns in das nebenan liegende Pod Wawelem, ein zünftiges großes Brauhaus, das vor allem von Gruppen frequentiert wird. Entsprechend ist die Lärmkulisse. Ich schiebe mich mit Karin an der Schlange der auf einen Platz wartenden vorbei und reklamiere unsere vermeintliche Reservierung. Der Kellner findet meinen Namen nicht auf der Reservierungsliste, ist aber von meinem nachdrücklichen Einfordern eines Tisches wohl so beeindruckt, dass er uns gerade einen Tisch geben will. In diesem Moment hole ich die Reservierungsbestätigung auf mein Smartphone- Display und die Verwechslung wird aufgeklärt.

Da haben wir wirklich großes Glück, denn das eigentlich reservierte Pod Baranem bietet eine ungleich gemütlichere Atmosphäre und eine tolle Küche. Zudem spricht unser dortiger Tischkellner Deutsch und ist BvB- Fan. Das macht ihn außerordentlich sympathisch.

Ich genieße ein Heringsfilet nach Krakauer Art und ein Lammkarree vom Feinsten, Karin eine klare Barszcz  (Rote-Beete-Suppe) und eine Rindsroulade. Suppen aller Art sind in der polnischen Küche übrigens sehr beliebt.


So 18.06.2017 Museum unter der Erde

Das Frühstücksbuffet im Hotel ist reichhaltig und bietet von allem und für alle etwas. So für die letzten Stunden in Krakau gestärkt checken wir im Hotel aus, deponieren dort unsere Koffer und spazieren zum unterirdischen Museum der mittelalterlichen Geschichte Krakaus. Das liegt unter dem großen Marktplatz, dem Rynek Glowny, und wurde erst vor wenigen Jahren angelegt um die Fundstücke der ergiebigen Ausgrabungen an dieser Stelle der Allgemeinheit zugängig zu machen. Das mit vielen Multimedia- Elementen aufwartende Museum genießt große Beliebtheit. Da man die Besucherströme kontingentieren musste, empfiehlt sich die rechtzeitige Reservierung einer Startzeit. Wir haben eine Reservierung für 10:15. Mir gefallen besonders die Videoelemente. Dem Besucher wird so das mittelalterliche Leben fast hautnah vermittelt. Die alten Mauerreste schweigen hingegen.

Polnischer WodkaEs bleibt noch Zeit für ein Verweilen im Außenbereich der Chocolaterie Wawel am Marktplatz. Karin kostet die leckeren Pralinen bei einem Espresso und ich genieße einen Eisbecher. Die Schokoladen- und Süßwarenmanufakturen haben eine lange Tradition in der Stadt und ihre Verkaufslokale sind wohl genauso zahlreich wie die Eisdielen, an denen man ein Eis auf die Hand kaufen kann.

Was jetzt noch fehlt ist der Einkauf von Wodka, denn den gibt es hier in bester Qualität zu niedrigen Preisen zu erstehen. Ich verproviantiere mich im Duty Free Shop.

Do widzenia Krakow! Auf Wiedersehen Krakau! Krakau ist eine sehenswerte Stadt, die auch einen zweiten Besuch wert ist.

Am frühen Nachmittag fliegen wir zurück in die Heimat.
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Das ist meine Reiseliteratur- Empfehlung für ein Wochenende in Krakau:

Ich empfehle den praktischen Reiseführer

Reise Know-How CityTrip Krakau: Reiseführer mit Faltplan und kostenloser Web-App

Die darin gelieferten Informationen reichen völlig aus für einen Kurztrip.


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