Der König der Krebse, der Hummer, wird auf der Skala der Genüsse bekanntlich ganz oben gelistet. Die Hummerregion der USA sind die Neuenglandstaaten, insbesondere Maine. Im Sommer werden hier so viele Hummer gefangen wie bei uns Matjes gepökelt. Na ja, vielleicht etwas übertrieben, aber der Reihe nach:


Mo, 29. Juli 2013

Freund Rüdiger und ich fliegen nach Boston, Massachusetts. Um 12:10 starten wir in FRA und sind um 1:55 PM in BOS, dazwischen liegen 6 Stunden Zeitverschiebung und fast 8 Stunden Flugzeit. Wir drehen die Uhren zurück.

Wieder mal in den USA und wieder mal diese Einreiseprozedur. Wie ich es liebe! Die ESTA- Genehmigung gegen Zahlung von 14 Dollar rechtzeitig aufgefrischt. Im Einreiseformular beeidet, keine Getreideprodukte im Gepäck zu haben und nicht an AIDS erkrankt zu sein. Willkommen auf dem Schlachtschiff "USS America"! Iris- Scan, Finger- und Daumenabdruck. Der Immigration Officer ist wie ein SEK- Mann ausgerüstet, er beäugt mich wie einen Schwerverbrecher. Ängstliches und aggressives Misstrauen gegenüber Fremden sind Kennzeichen einer tiefen Paranoia. 9/11 und das diesjährige Attentat während des Marathons haben im Land der Freien und Mutigen tiefe Spuren hinterlassen. "You are welcome" hat hier eine andere Bedeutung. God's own country stellt jeden Ausländer erst einmal unter Generalverdacht.

Wir sind in Boston, der wohl europäischsten Stadt der USA, wie man sagt. Hier fing alles an mit den United States of America - Stichwort "Boston Tea Party".

Am frühen Nachmittag erreichen wir nach einer Fahrt mit der U-Bahn, hier "The T" genannt, unser vorgebuchtes Domizil. Wir haben ein CharlieTicket gezogen. Das kostet 18 $, hat 7 Tage Gültigkeit und lohnt sich ab mind. 8 Fahrten. Diesmal haben wir etwas Ungewöhnliches als Unterkunft gewählt - das John Jeffries House, kein Bullenkloster, sondern ein ehemaliges Schwesternwohnheim, heute eine gute Bed & Breakfast Unterkunft, die bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Das JJH liegt direkt am Charles River in unmittelbarer Nähe der U-Bahn Station Charles/MGH im historischen Stadtteil Beacon Hill.

Eine Übernachtung in Boston ist preislich vergleichbar mit New York, also die Geldbörse ganz weit öffnen! Hier bekommt man nichts geschenkt. Da ist der Tagespreis von 150 $ für unsere großen Zimmer incl. Continental Breakfast noch günstig.

Im Sommer kommt einem die Temperatur vor Ort dank der hohen Luftfeuchte wie eine Sauna vor. Das ist bei uns zuhause auch nicht anders. Die besonders heißen Tage, die sogenannten "dog days", fallen eher auf Ende August. Glück gehabt! Wir haben heute 26 °C.

Schaun wir uns mal ein wenig um auf dem Beacon Hill. Der nach einem Leuchtfeuer (engl. „beacon“) auf der Spitze des Hügels benannte Stadtteil soll heute einer der begehrtesten und teuersten der Stadt sein. Auf unseren ersten Schritten erwischt uns ein mittlerer Wolkenbruch, der aber nur kurze Zeit anhält. Die engen Straßen mit Gasbeleuchtung und den Bürgersteigen aus Backsteinen werden von alten Reihenhäusern gesäumt - ein geschichtsträchtiger Ort, den wir uns auf unserem Rundgang erschließen. Wir laufen die Charles St. runter bis zum Boston Common (ehem. Parade-, Hinrichtungs- und Lagerplatz) und dem Boston Public Garden, einem Park mit Schwanen- Tretbooten auf einem Teich. Kitsch mögen die Amis ja. Danach schauen wir uns die Herrenhäuser an der Beacon St. und die Häuser der Dienerschaft in der Acorn St. an. So bekommen wir einen Eindruck vom Leben einiger Bostonians vor ca. 200 Jahren.

Zu den Einwohnern Beacon Hills zählen oder zählten einflussreiche Persönlichkeiten wie der US-Senator Edward Kennedy, der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry, die Schauspielerin Uma Thurman („Kill Bill“) oder der Bestsellerautor Michael Crichton („Jurassic Park“).

Der Tag war lang. Darauf nehmen wir einen Drink in einem Laden ganz in der Nähe unseres B & B! Die Kneipen in Boston sind geschmückt mit Bildern der Red Sox. Das ist keine politische Partei, sondern der hiesige Baseball- Verein.


Di, 30. Juli 2013

Bye-bye, Miss American Pie? Mitnichten! Pies werden alle Gerichte genannt, bei denen eine Mischung aus Fleisch, Käse, Eiern oder Obst unter einer Teigdecke geschmort oder gebacken wird. Und hier in den Neuengland- Staaten sind Pies das A und O der Küche. Pie ist Yankee Food, eine Tradition, die damals die Engländer mit ins Land gebracht haben. Und Pies gibts schon zum Frühstück, vornehmlich Apple Pie.

Im JJH gibts zum Frühstück Bagels, Muffins und Krapfen sowie Kaffee. Das nennt man in den USA Continental Breakfast. Wer diesen Ausdruck geprägt hat, kannte wohl nur die Frühstücksgewohnheiten in Italien und Frankreich, nicht aber die deutschen.

Heute steht der Freedom Trail auf dem Programm, ein 4 km langer Rundgang, der durch einen die Bürgersteige entlangführender roter Strich markiert ist, der zu Stätten der US- amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung führt.

Wir rollen den Trail allerdings von hinten auf und das hat seinen Grund. Am Ende des Trails, in Charlestown, liegt die mehr als 200 Jahre alte USS Constitution, ein Segelkriegsschiff, das man besichtigen darf, sobald man eine Passkontrolle und einen Check mit Metalldetektoren hinter sich gebracht hat. Ab ca. 11 AM bilden sich lange Schlangen vor dem Schiff, was bei der derzeitigen Hitze nicht eben einladend wirkt. Wir sind schon gegen 10 da. Der Eintritt ist kostenlos. Das Navy- Schiff ist das älteste noch immer fahrfähige Kriegsschiff der Welt.

Es ist jetzt schon verdammt heiß und ich hab meine Baseball- Cap im Hotel vergessen. Schauen wir uns die 3 Decks (Oberdeck, Kanonendeck, Mannschaftsdeck) des Schiffes an. Eine Überraschung erwartet uns im Unterdeck vor der Kombüse: Der Smutje hat 5 Sterne. Wer hätte das gedacht? Wieder von Bord geht es auf dem roten Strich Ri. North End. Die USS Constitution liegt auf der anderen Seite des Charles River. Außer der großen Brücke für Kfz und Bahn verbinden schmale bewegliche Fußgänger- Pontons die beiden Ufer. Trotz Verbotsschildern werden diese auch von Touri- Rudeln auf Segways benutzt, so dass einem als Fussgänger nur die Flucht zur Seite bleibt.

Auf dem Freedom Trail passieren wir einen geschichtlich wohl bedeutsamen Friedhof und erreichen die Old North Church. Hier gönnen wir uns in einem kleinen Café einen Eiskaffee als Erfrischung. Weiter gehts es zum Paul Revere Haus. Sein Besitzer wurde durch einen Ritt zum Volkshelden, mit dem er die Revolutionäre Samuel Adams und John Hancock vor der drohenden Festnahme durch die Briten warnte.

Nach so viel Geschichte wenden wir uns etwas kulinarischem zu. Und was eignet sich dafür besser als der Quincy Market, der bis in die 1960er Jahre als Großmarkt für die Stadt diente. Heute ist es ein Food Court, in dem man alle erdenklichen Gerichte und Küchen der Welt entdecken kann. Alles "to go", also auf die Kralle. Im großen Kuppelsaal in der Mitte gibt es ein paar Bänke und Tische, an denen man seine Mahlzeit einnehmen kann - vorausgesetzt man findet einen freien Platz.

Hier gibt es auch eine Filiale der Boston Chowda Company, deren Clam Chowder sensationell schmeckt. Das lassen wir uns nicht entgehen. "Clam Chowder in a Bread Bowl" - ist eine sämige Suppe aus Venusmuscheln ("clams" genannt), Speck, Pökelfleisch, Kartoffeln und Gemüse. Sie wird mit Sahne gebunden und in einer ausgehöhlten Brotkugel serviert.

Wir setzen den Gang über den Freedom Trail bis zum Boston Common fort und nehmen von dort die "T" bis Prudential. Beste Aussichten über Boston bietet die verglaste Aussichtsetage, "Skywalk" genannt, im 52. Stock des Prudential Towers in der Boylston Street. Der Blick über Boston kostet 14$ p.P. Die oberste Plattform des etwas höheren Hancock Towers ist seit 9/11 geschlossen. Vor dem Abmarsch vom Prudential Center lohnt sich ein Blick in die Cheese Cake Factory im Erdgeschoß.

Genug Latscherei, die "T" bringt uns zum Hafen. Dort lassen wir uns im The Landing at Long Wharf nieder, so ne Art Biergarten am Pier nördlich hinter dem Aquarium. Allerdings trinkt man hier statt Weißbier eher Cocktails und Longdrinks. Eine Besonderheit: Es gibt Cocktails aus Fish Bowls - eine Art Bowleglas für gleich mehrere Personen mit Strohhalmen. Arenal lässt grüßen - wohl bekomms`! Wir probieren eine Margarita mit Jalapeño Tequila. Schmeckt wie mit einem ordentlichen Schuß Tabasco veredelt. Nomen est omen!

Für 8 PM haben wir einen Tisch reserviert im Union Oyster House in der Union Street. Es ist das älteste Restaurant in Boston - täglich geöffnet seit 1826. Hier hat J.F.K. gern diniert, dann soll es auch uns recht sein.

Wir wählen den Hot Oyster House Sampler (überbackene Muscheln und Shrimps) as a Starter und als Hauptgang Haddock bzw. Swordfish (Kabeljau, Schwertfisch). Frischer gehts nicht, ein wirklicher Hochgenuß! Dazu gibts ein süffiges Samuel Adams Brick Red Beer.

American Bluepoints sind Austern aus der Region, Herzmuscheln heißen hier Cherrystones und Littlenecks. Die Schalentiere bekommt man roh, halbgar oder gekocht - je nach Geschmack. Miesmuscheln gibts nur gekocht.

In Boston gibt es mehrere typisch irische Pubs, z.B. das Black Rose oder das Kinsale, beide in der Nähe des Quincy Markets und damit um die Ecke des besuchten Restaurants. Hier fließt bei Live Music das Guinness in Strömen. Es bietet sich an, den Abend mit einem Stout zu beschließen. Dublin läßt grüßen.

Mi, 31. Juli 2013

Dieser Tag gehört dem Meer. Um 10 AM startet die vorgebuchte Whale Watching Tour, die von Boston Harbour Cruises angeboten wird. Mit einem großen motorisierten Katamaran fahren wir raus zur Stellwagen Bank, einem Naturschutz- Seegebiet, das offensichtlich ein beliebtes Futterrevier für Wale und Delphine ist. Oberstes Gebot: Sonnenschutzmittel auftragen und Kopfbedeckung. Aber das gilt für alle Schiffsausflüge.

Naturforscher des New England Aquariums begleiten die Schiffe und geben fachkundige Erläuterungen. Der Slang ist aber fast gänzlich unverständlich. So müssen wir selbst zusehen, Buckelwale (hunchback), Finnwale (fin), Zwergwale (minke) und Grindwale (pilot) zu unterscheiden, die schon bald auftauchen. Es sind überwiegend Minkes! Die 3- stündige Tour mit vielen Tierbeobachtungen lohnt sich dennoch.

Mein Nachbar fährt beruflich zur See. Er erzählt, die Wale vor Neuengland seien ein echtes Problem für die Handelsschifffahrt. Man müsse den Herden ständig ausweichen, was Zeit koste. So ist das immer: Wat den een sien Uul, is den anner sien Nachtigaal.

Zum Lunch nach der Tour gehts nach Legal Sea Foods, ein Kettenrestaurant mit guten und preiswerten frischen Fisch- und Muschelgerichten. Wir scherzen mit dem Kellner über den Bierkonsum. Er sagt, er selbst wäre Member of the National Drinkers Team, also in der Nationalmannschaft...

So gestärkt werden wir nun das New England Aquarium besuchen. Schon im Vorfeld haben wir uns ein sogenanntes Combo Ticket für Whale Watching und Aquarium für 57,95 $ besorgt. Man spart immerhin 7 $. Für Familien sind da trotz eingeräumter Rabatte ruck zuck 120- 150 EUR weg! Man kennt das bei uns von den einschlägig bekannten Themenparks. Da müssen viele draussen bleiben.

Das Aquarium ist eine der beliebtesten Attraktionen Bostons. Sehenswert ist insbesondere das Großaquarium mit 900.000 l Fassungsvermögen. Mantas, Rochen, Haie, Riesenschildkröten und viele Hunderte weiterer Fische können darin bestaunt werden. Spiralförmig windet sich eine begehbare Rampe um das zylindrische Großbecken. Auf jeder Ebene gibt es weitere, thematisch sortierte Aquarien.

Die Freiluftgehege für Pinguine und Seelöwen, Seehunde, Seebären und Robben sind weniger nett anzuschauen. Das unvermeidliche IMAX-Kino rundet das Angebot ab. Das New England Aquarium stellt die Lebewesen aber nicht nur aus, es setzt sich auch nachhaltig für den Erhalt der Lebensräume der Meeresbewohner ein.

Bei den derzeitigen Temperaturen ist es wichtig, auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. Also erstmal einen Drink. Wir stellen fest: Bier und Cocktails werden auch auf den Außenplätzen der Lokale getrunken, zumindest am Hafen, das Bier sogar direkt aus der Flasche - auch die Ladies. "Drinking in public" scheint hier nicht verboten zu sein. Besonders beliebt sind die in den USA üblichen Light Beers. Die Büroangestellten nehmen gern einen After Work Drink.

Heute abend speisen wir im Little Lamb, einem Mongolischen Hotpot Restaurant (sehr freundliche und hilfsbereite Bedienung!) auf der Cambridge Street. Der Laden wird vorwiegend von Asiaten frequentiert, was für eine Landesküche erfahrungsgemäß ein gutes Zeichen ist. Zunächst verwechseln wir die Herberge mit einem China- Restaurant, werden aber schnell eines Besseren belehrt. Auf die beheizbare Kochplatte in der Mitte des Tisches wird ein Hotpot mit heißer Brühe plaziert. Dorthinein gibt man dann die bestellten Zutaten: Fleisch, Fisch, Geflügel, Gemüse, Pilze, Nudeln... Je nach Garzeit werden die fertig gegarten Zutaten wieder entnommen und nach vorherigem Eintunken in verschiedene Saucen und Dips genossen. Kenner der asiatischen Küche benutzen dafür natürlich Stäbchen.

"And the lights all went out in Massachusetts" sangen die Bee Gees, doch die Stadt hat natürlich auch ein Nachtleben. Wir schauen noch in einem Pub vorbei und stellen wieder mal fest, dass die Amis kein vernünftiges Bier brauen können. Rüdiger meint, eine Delegation von Sam Adams (größte Brauerei Bostons) hätte mal an einem Seminar bei Weihenstephan teilgenommen - aber wohl nicht aufgepaßt. So wird es gewesen sein!


Do, 1. August 2013

Nach dem Frühstück nehmen wir die U-Bahn zum Airport und übernehmen dort den vorbestellten Mietwagen von National, einen nagelneuen Jeep Grand Cherokee. Dazu buchen wir ein Garmin- Navi, stellen aber unterwegs fest, dass der Jeep auch ein Bordnavi hat. Das ärgert uns, aber es soll sich herausstellen, dass die Zubuchung des Garmin richtig war, denn das Jeep Navi fällt andauernd aus.

Roadmap

Unser heutiges Zwischenziel ist eine der letzten "Covered Bridges" an der Landesgrenze zwischen New Hampshire und Maine. Doch zuvor geht die Fahrt durch endlose Wälder und entlang vieler kleiner Seen, die hier Pond, also Teich genannt werden.

Wir fahren von Portland landeinwärts Richtung White Mountains. Die Hemlock Bridge liegt nahe der Siedlung Fryeburg am Kezar Pond. Sie ist eine von neun noch existierenden überdachten Holzbrücken in Maine. Eine dieser Covered Bridges ist in der wunderschönen Romanze "Die Brücken am Fluß" mit Clint Eastwood und Meryl Streep zu sehen. Diese Art Brücken baute man, weil sie doppelt so lange dem wechselnden Wetter trotzten wie die normalen Brücken. Die Hemlock zu finden erfordert gute Orientierungsfähigkeit, denn Ausschilderungen gibt es nicht. Zudem führt nur eine kleine Schotterstraße dorthin. Da empfiehlt es sich, die Koordinaten des Ziels vorher zu notieren und ins Navi einzugeben.

Maine ist der selbsternannte Pine Tree State, aber im Gegensatz zu den Hinweisen in einschlägigen Reiseführern riechen wir nicht den typischen Pinienduft. Ich meine, dass Maine sich lieber als "Lobster- und Blaubeer- Staat" bezeichnen sollte. Überall an den Strassen verkaufen Einheimische ihre selbstgepflückten Blueberries. Und Lobsters werden ebenfalls überall angeboten, lebend oder bereits zubereitet.

An Maine`s Küste liebt man Hummerfleisch als Lobster Roll verarbeitet. Das ist so eine Art Hot Dog mit Hummer und dort als Imbiss genauso üblich wie bei uns Currywurst oder Döner. Man bekommt die Rolls in jeder noch so kleinen Bude, die dort "Lobster Shacks" heißen. Orientiert man sich an den Buden mit den längsten Warteschlangen davor, kann man nichts falsch machen.

Wir haben Zimmer im Comfort Suites- Motel in Freeport vorgebucht, eine gute Idee, denn jetzt ist hier so gut wie nichts mehr zu bekommen - "no vacancy" allerorten ... Die Lady an der Rezeption lässt uns gelangweilt die Eincheck- Formulare ausfüllen und leiert ihren Standardspruch i.S. Pool- und Frühstückszeiten runter. Bye bye Dienstleistungskultur, hallo Servicewüste! Freeport ist eine künstlich gewachsene Dorfmeile mit Outlet Stores (fast) aller einschlägigen Modemarken und natürlich mit dem größten Laden von L.L. Bean, dem US- Topausrüster für alle Outdoor- Aktivitäten. An der Kasse wird für statistische Zwecke die US- Postleitzahl der Käufer erfragt: "ZIP Code?" "I really don't know!" Bei dieser Antwort schaut mich die Kassiererin an, als hätte sie nach meinem Alter gefragt und ich wüßte es nicht.

"Dine In or Take Out" das ist die Frage zum Dinner. Im Corsican Restaurant lassen wir uns eine traditionelle Clam Chowder mit einer Lobster Roll, Chips and Pickles servieren, zusammen für 18 $. Die Chowder ist hier eher ein Ragout und weniger eine Suppe, aber soweit okay. Das Restaurant wird bei Tripadvisor ganz weit oben gelistet.

Fr., 2. August 2013

Am frühen Morgen regnet es in Strömen an der gesamten Ostküste. Nächste Woche werden die ersten Hurricans erwartet. Unglaublich, wie schnell sich das Wetter geändert hat. In Deutschland steigt die Temperatur am gleichen Tag auf bis zu 40 °C, hier ist bei 22 °C Ende.

"Maine - The Way Life should be" steht auf einem Schild am Straßenrand. Es geht nordwärts. Der Küstenstaat Maine ist ein beliebtes Urlaubsrevier für reiche Familien aus Boston und New York. Wir beschließen, zunächst auf die Pemaquid Peninsula zum Pemaquid Point zu fahren. Dort erwartet uns ein in Dunst und Nebel gehüllter kleiner Leuchtturm und ein Lobsterfischer Museum. Es ist ein Holzhaus mit 4 kleinen Zimmern, die man proppevoll mit allem Fischerei- Krimskrams gestellt hat. Der alte Museumswächter ist mit seinem Dialekt kaum zu verstehen. Von ihm erfahren wir, dass es unter den Lobsters auch mal zu seltenen farblichen Anomalien kommen kann. Er zeigt uns Fotos von blauen und gelben Lobsters. Der Alte freut sich, dass heute zum zweiten mal Besucher aus Deutschland in sein Museum gekommen sind und bittet uns um einen Eintrag in sein Gästebuch. Der Bewacher des Leuchtturms zeigt ebenfalls großes Interesse an uns.

Wenn man in Maine den Coastal Highway No. 1 entlang fährt, geht es keineswegs am Wasser entlang, sondern fast immer durch Pinien- Wälder und mitten durch kleine Siedlungen. Mit der Straßenbezeichnung werden also Erwartungen geschürt, die nicht erfüllt werden. Die Route No. 1 in Kalifornien ist dagegen ein echter Küsten- Highway.

Unser Domizil für die nächsten 3 Übernachtungen ist das B & B Glen Cove Inn & Suites, Rockland, (sehr gepflegt und unbedingt empfehlenswert!) am Eingang zur Penobscot Bay. Hier hat das 66. Maine Lobster Festival bereits vorgestern begonnen. Einheimische sollen Rockland und seinen Nachbarort Camden wegen ihrer angeblich unterschiedlichen Luftqualität wie folgt vergleichen: "Camden am Meer, Rockland am Arsch!" Ich kann das nicht bestätigen.

Wir haben schon Monate vorher 2 Zimmer reserviert, denn jetzt ist hier absolute Hochsaison und alles ist ausgebucht. Das Festival fällt in die Zeit der Schulferien in den USA und die meisten Lobster (Homarus americanus) gibt es nun mal in Maine vorwiegend in der warmen Jahreszeit. So will es die Natur und so gefällt es offensichtlich auch dem US- Schulministerium.

Stürzen wir uns also ins Festgetümmel. Im Hafengelände von Rockland haben sie eine kleine Zeltstadt mit Schaustellergeschäften aufgebaut. Das Maine Lobster Festival kann man durchaus als zweitklassigen Provinz- Jahrmarkt mit dem kulinarischen Aufhänger "Lobster" bezeichnen.

Für den binnen 15 Minuten in heißem Wasser lackrot und servierfertig gekochten 600 g- Hummer, der mit Maiskolben, ausgelassener Butter und Krautsalat auf den Tisch kommt, sind nur 14 $ fällig, also ca. 10 €. Zum Sattwerden ißt ein Erwachsener 2- 3 Lobster. Das proteinreiche Krustentier ist im Vergleich zu Europa hier extrem preiswert. Und das liegt an der andauernden Hummer- Schwemme an der US- Ostküste. Lebende Hummer werden im Einzelhandel für 4 $ pro Pfund verkauft. Im Vorjahr gingen allein in Maine ca. 120.000 Pfund Lobster in die Fallen, was zu immer weiter fallenden Preisen führte. Bisher weiss man nicht, was das enorme Wachstum der Population verursacht, viele schreiben es dem Klimawechsel zu. Die Krustentierfischer, die Lobstermen, sind wegen der fallenden Preise not amused. Der überwiegende Teil des Lobsterfangs wird nach Kanada exportiert, von wo er tiefgefroren in die ganze Welt geht. Bleibt die Frage, warum man dies nicht in Maine direkt praktiziert.

"Das ist ja fürchterlich" werden manche zur Tötung der gefangenen Hummer in kochendem Wasser sagen. Doch die Hummer sind innerhalb weniger Sekunden tot. Zudem verfügen sie nicht über ein Gehirn und haben nur ein sehr schwach entwickeltes Nervensystem. Nach Ansicht von Experten haben die Tiere daher kein Schmerzempfinden. Hummer gehören übrigens zur Familie der Arthropoden - wie auch Spinnen, Insekten und Krabben.

Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace besuchte vor zehn Jahren das Lobster Festival um im Auftrag der Feinschmeckerzeitschrift Gourmet eine lukullische Reportage zu schreiben. Wallace hat stattdessen seine Empörung über die Hummertötungen während des Festivals in dem Essay "Am Beispiel des Hummers" festgehalten und zu einer Betrachtung humanistischer Grundsätze ausgeweitet.

Für uns ist es schon etwas ganz besonderes, denn solche Mengen Hummer gibt es nun mal nicht in Europa - ein bischen Schlaraffenland für Feinschmecker.

How to eat a lobster? Diese Frage stellt sich jedem Lobster- Novizen, der den Hummer im Ganzen essen will. Eigentlich ganz einfach! Zuerst dreht man die beiden Scheren und die 8 Beine vom Körper ab, danach packt man den Körper mit der linken Hand und dreht mit der rechten den Schwanz ab. Das Fleisch läßt sich nun auslösen. Mit einer Hummergabel pult man das Fleisch aus Scheren und Beinchen. Das wars!

Das ausgelöste Fleisch tunkt man in flüssige Butter und ... genießt es - mit corn, also einem Maiskolben, und dem unvermeidlichen cole slaw, Weißkohl- Salat.

Während des Festivals sind im kulinarischen Seafood- Angebot außer diversen Hummerzubereitungen auch noch Venus- und Miesmuscheln, Krabben, Shrimps, Kabeljau, Schellfisch und Calamaris zu finden.

"The Maine Thing is feeding the foodie with a taste of the unexpected" wirbt der Gaststättenverband. Okay, ich bekomme hier genau das, was ich erwarte...

Am Abend sind die Spin Doctors der Top Act auf der Hauptbühne. Die US-Rockband wurde auch bei uns 1993 sehr bekannt durch die Hits "Two Princes" und "Little Miss Can't Be Wrong". Die gealterten Rockhelden lassen eine Stunde auf sich warten um dann bei wieder einsetzendem Regen ein Feuerwerk abzubrennen - vor zunehmend flüchtendem Publikum. Echt schade!

Sa., 3. August 2013

Auch heute morgen erst einmal Regen. Wir wollen in den Acadia N .P. und hoffen auf eine Wetterbesserung.

Der Acadia Nationalpark an der Küste ist bekannt für seine zerklüftete Felsküste und eine raue Landschaft mit Bergen und Seen. Es ist der einzige Nationalpark in Neuengland und er gehört zu den zehn meistbesuchten Parks in den USA. Besonders an den Wochenenden in den Schulferien ist die Hölle los. Zum Glück ist das nicht die Zeit unseres Besuchs ...

Der N.P. liegt auf einer Insel, die über eine Brücke mit dem Festland verbunden ist. Mit dem Pkw fährt man üblicherweise auf die Loop Road zu den Aussichtspunkten, wofür ein Entgelt von 20 $ fällig wird. Also entrichten wir unseren Obolus und folgen den Hunderten von Fahrzeugen, die schon vor uns auf den Rundkurs gefahren sind und nun die Großparkplätze bevölkern. Es sind überwiegend Paare und Familien, die die Parkplätze als Ausgangspunkt einer Wanderung gewählt haben. Amis sind Naturliebhaber. Was mir nicht gefällt: Hier wird ein Naturschutzreservat dem Massentourismus geopfert. Die einzelnen "Viewingpoints" sind nicht spektakulär - mit einer Ausnahme: Der Cadillac Mountain ist mit 466 m der höchste Berg der amerikanischen Ostküste. Wer auf seinem "Gipfel" den Sonnenaufgang erlebt, darf sich rühmen, als erster Amerikaner am Tag die Sonne aufgehen zu sehen.

Wir sehen die Sonne erst am späten Mittag - nachdem der Regen aufgehört hat. So wird es jedenfalls noch eine sonnige Rückfahrt nach Rockland.

Zur Abwechslung gönnen wir uns heute Abend ein Steak zum Dinner. Dafür suchen wir das Peter Ott's Steakhouse in Camden auf - eine gute Wahl. Das Filet Mignon ist exzellent und die Farmer's Sauce zum Salat ebenfalls.

Ich bestelle dazu ein Hefeweizen. So steht es jedenfalls auf der Karte. Bei der Bestellung schaut die Kellnerin aber, als würde ich Kisuaheli sprechen. Sie nennt es hepperweiisn. Okay, dann eben so.

So., 4. August 2013

Heute findet das Lobster Crate Race statt. Startzeit ist 2 PM, so dass wir den Vormittag anderweitig belegen können. Wir entscheiden uns für einen Besuch des Maine Maritime Museum in Bath, eine lohnenswerte Wahl. In den Museumsgebäuden werden Ausstellungsstücke aus Vergangenheit und Gegenwart gezeigt, die einen Eindruck von der US- amerikanischen Seefahrt vermitteln.

Hier in Bath wurden damals große Schoner gebaut, die bis zu 6 Hauptmasten hatten. Die Besegelung bestand ausschließlich aus Schratsegeln, für deren Bedienung vom Deck aus nur eine kleine Mannschaft benötigt wurde.

Als größter hölzerner Schoner lief hier 1909 die Wyoming vom Stapel. Sie war das längste je gebaute Holzschiff der Welt und fuhr im Kohle-Transport. Im Außengelände des Museums ist eine Stahlkonstruktion zu bestaunen, die die Umrisse und Masten der Wyoming 1:1 wiedergibt. Sehr beeindruckend!

Erst Anfang des 19. Jh. erwachte das Interesse am Lobster bei der zahlungskräftigen Kundschaft der Großstädte. Zunächst brachte man die lebenden Hummer mit Smacks, Flachbodenseglern mit einem Meerwasserbecken im Laderaum, zu den Kunden. Das änderte sich als die Konservenfabrik Burnham & Morrill begann, gekochtes Hummerfleisch in Dosen abzufüllen und ins ganze Land zu verschicken. Ab jetzt jagte man die Tiere mit einer äußerst ergiebigen Fangtechnik, mit Hummerfallen, sogenannten crates. Auch diese Zeit ist im Museum in Bath anhand der Ausstellung gut zu erahnen.

Pünktlich zum Beginn des Lobster Crate Race sind wir wieder in Rockland. Die schon zu Beginn des Festivals gewählte Sea Goddess gibt den Startschuss ab. Bei diesem Rennen gilt es, im Hafenbecken eine mit Seilen verbundene, 50 hölzerne Hummerkisten lange Strecke zu überqueren ohne ins Wasser zu fallen. Eine äußerst kippelige Angelegenheit, die idealerweise von durchtrainierten 12 bis 15-jährigen Jungs (Leichtgewichtsklasse) gemeistert werden kann. Sie haben die idealen körperlichen Verhältnisse (Gewicht, Größe, Kraft, Winkel...) für diese Herausforderung. Alle anderen - kleinere Kinder oder Erwachsene - scheitern.

Schafft es ein Bewerber, die Strecke zu bezwingen, muss er sie zurück laufen und wieder von Neuem beginnen. Gezählt werden die überquerten Kisten, die ein Teilnehmer schafft bis er ins Wasser fällt oder aufgibt. Die meisten Bewerber schaffen nicht mal die ersten 50 Kisten. Umso erstaunlicher, dass der Rekord bei 6.000 Kisten liegt, aufgestellt in 2012 von dem 12- jährigen Connor McGonagle, der in diesem Jahr gegen seinen Freund Duncan verliert. Seinen Rekord behält er allerdings.

Am frühen Abend endet das Festival, dessen Durchführung nur aufgrund des selbstlosen Einsatzes von 1.200 Freiwilligen möglich ist. Letzte Gelegenheit zum Lobsteressen! Also gönnen wir uns noch einmal diesen Hochgenuß. Um 6 PM werden die Gates geschlossen.

Hummer war einst ein "Arme Leute Essen", das auch an die Schweine verfüttert wurde. Noch zu Kolonialzeiten wurden in Amerika Strafgefangene mit den Meerestieren abgespeist, der Rest ging als Düngemittel auf den Acker oder als Köder an die Angel.

Wie sich die Zeiten geändert haben, heute gilt das Fleisch des Hummers als ganz besonderer kulinarischer Leckerbissen - knapp hinter echtem Kaviar. Hummerfleisch ist zudem fettfrei, kalorien- und cholesterinarm. Das wird natürlich durch die dazu servierte flüssige Butter konterkariert! Aber es schmeckt soooo gut - nussig, süss und aromatisch.

Der Fachhandel bei uns bietet mittlerweile High Pressure Lobster an. In der Hauptsaison gefangen, wird der Hummer blitzschnell durch Überdruck getötet und im rohen Zustand sofort tiefgefroren – ganz naturbelassen und ohne Zusätze. Aufgetaut befindet er sich in einem fangfrischeren Zustand als der lebend transportierte Hummer. Sein Fleisch lässt sich leicht von der Schale lösen.


Mo., 5. August 2013

Es geht zurück nach Boston.

Wir haben einen Nachtflug gebucht, so dass uns der ganze Tag noch zur Verfügung steht. Meinen wir jedenfalls. Aber man unterschätzt die Fahrzeiten bei größere Entfernungen. Für 300 km auf US- Roads und innerstädtischen Straßen benötigen wir 5 Stunden Fahrzeit. Deutsche Erfahrungswerte eignen sich kaum zur Anwendung auf amerikanische Straßen.

Salem ist eine Zwischenstation unserer Rückfahrt. Der Ort ist bekanntgeworden durch ein historisches Ereignis, das ihn nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Hier gab es im späten 17. Jh. eine Hexenjagd, bei der in den nachfolgenden Hexenprozessen 19 Frauen zum Tod durch den Strick verurteilt wurden. Ein Theaterstück von Arthur Miller unter dem Titel Die Hexen von Salem (auch bekannt unter dem Titel Hexenjagd) hat diese Vorgänge zum Thema.

Natürlich greift man das schaurige historische Ereignis in Salem gern zur kommerziellen Ausschlachtung auf, angefangen vom Salem Witch Museum über das Witch Dungeon Museum bis zu Andenken mit Hexen- Appeal und einem Witch Burger...

Mit dem Lufthansa Airbus gehts via München zurück nach Düsseldorf. Der time lag von West nach Ost, bei dem auf unserer Strecke die Uhr wieder 6 Stunden vorgestellt wird, ist für den Körper schwieriger zu meistern als umgekehrt, weshalb ich froh bin, noch den Rest der Woche Urlaub zu haben.

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Zum Schluß noch meine Reiseliteratur- Empfehlungen: (ein Klick auf den Titel führt zur Direktbestellung bei amazon.de)

Als Reiseführer für einen Boston- Trip eignet sich besonders der Band "Top 10 Boston" aus der bekannten Dorling Kindersley- Reihe. Die eingelegte wasserfeste Extrakarte enthält Stadtpläne und den U-Bahn Plan - perfekt für den Tag in der Stadt und 1 x zusammengefaltet in jeder Hemdentasche unterzubringen.

Zur weitergehenden Erkundung der Neuenglandstaaten Massachusetts, New Hampshire und Maine gefiel uns besonders das DuMont Reise- Taschenbuch "Boston & Neuengland: mit Online-Updates zum Gratis-Download". Es enthält viele brauchbare Tips und gut geschriebene Essays zu relevanten Themen.

Dem interessierten Seafood Fan und Hummer- Liebhaber empfehle ich den (leider derzeit nicht verfügbaren) Bildband "Hummer" aus dem Mosaik Verlag. Natürlich dreht sich darin alles um den Maine Lobster. Vielleicht auch mal in den einschlägigen Gebrauchtbuch- Börsen im web suchen... Es lohnt sich.

Und wer sich existenzphilosophisch mit dem Töten und dem Verzehr von Hummern auseinandersetzen möchte, für den ist bestimmt der 64-seitige Essay "Am Beispiel des Hummers" von David Foster Wallace die richtige Lektüre.

Für diejenigen, die sich gerne ihre eigene Meinung bilden und sich dazu Notizen machen möchten, gibt es nichts praktischeres als ein Moleskine Notizbuch. Ich bevorzuge das Pocketformat mit Softcover.

Hier gehts zurück zur Startseite: www.travelhomepage.de (falls es mit dem Slide-In-Menü am linken Rand nicht klappen sollte...)