Karin und ich haben uns als vorweihnachtliches Ziel für ein verlängertes Wochenende
Prag
(tschech. Praha) ausgesucht. Tschechiens Hauptstadt ist bis heute eine der größten und reichsten Städte Europas. Libusa, die Seherin, hat die Pracht und die ganze Schönheit von Prag prophezeit lange bevor die Stadt gegründet wurde. Das fast 2.000 Jahre alte Prag an der Moldau (tschech. Vltava) hatte seine Blütezeit im Mittelalter und im Barockzeitalter.

Aber warum eigentlich "goldene Stadt"? Weil Karl IV., böhmischer König und deutscher Kaiser, die Türme der Prager Burg und der Kirchen vergolden ließ - so eine der Erklärungen für den schmückenden Namen. Die pompöse Burg auf dem Hradschin machte er zu seiner Residenz und damit zum Zentrum des Heiligen Römischen Reiches. Die historische Altstadt Prags ist von der UNESCO als Welterbestätte anerkannt.

Wieder einmal fliegen wir mit Eurowings. Auf der Kurzstrecke haben wir bisher nur gute Erfahrungen mit der Lufthansa- Tochter gemacht. Doch momentan gibt es Tarifkämpfe, die schon mit kurzen Streiks begleitet wurden. Aber für unseren Städtetrip soll es bis auf kleine Verspätungen mit dem Hin- und Rückflug klappen.


Do 29.11.2018 Dobrý večer, Praha! Guten Abend, Prag!

Am Spätnachmittag landen wir auf dem Václav-Havel-Flughafen in Prag, wo wir vom Fahrer unseres vorbestellten Taxis von Prague Airport Transfers erwartet werden. Diese Taxi- Organisation ist wirklich empfehlenswert, sie garantieren einen seriösen Fahrpreis, was in Prag nicht selbstverständlich ist. Wir zahlen im Skoda Superb oneway 625 CZK ( "Koruna ceska"), ca. 25 € plus Trinkgeld.

Unsere Unterkunft für die nächsten Tage ist das Design- Hotel Josef am Rande des jüdischen Viertels in der Prager Altstadt. Von hier aus sind alle historischen Sehenswürdigkeiten der Stadt gut fußläufig zu erreichen. Gegen 16:00 ist die Sonne untergegangen, es ist also schon dunkel geworden.

Und es ist saukalt in Prag, völlig normal zu dieser Jahreszeit. Wir haben uns mit dicken Winterjacken gerüstet.

Die tschechische Sprache hat für uns Deutsche ein recht schwieriges Lautsystem. Eine langjährige Freundin von mir, die mit einem Berufsmusiker verheiratet ist, kann bis heute den Namen des tschechischen Komponisten Antonin Dvořák nicht richtig aussprechen (etwa Dworja:k) ohne sich die Zunge zu brechen. Fast jeder kennt Dvořáks 9. Synfonie "Aus der Neuen Welt", aber kennen Sie den Song "Telefonbuchpolka" von Georg Kreisler (dem bösen Kreisler...)? Herrlich, sag ich Ihnen, das müssen Sie sich mal anhören! Für Wiener ist die böhmisch-tschechische Phonetik nämlich kein Problem.

Nach einem kleinen Abendspaziergang speisen wir heute abend im Pot au Feu, das nahe am Hotel liegt. Ich habe uns schon Wochen vorher einen Tisch in dem kleinen Restaurant reservieren lassen. Hier kocht Jan Kracík, einer der besten tschechischen Köche, der schon mehrfach ausgezeichnet wurde, für bis zu 35 Gäste. Seine cuisine française legt einen Schwerpunkt auf die natürlichen Aromen frischer Zutaten. Chef de Rang ist Zuzka Bratánková, die uns den begleitenden Wein zu unserer Speisenwahl empfiehlt. Ich entscheide mich als Hauptgericht für ein Flanksteak vom Black Angus, das auf Empfehlung des Kellners von einer Foie gras gekrönt ist. Letzteres ist und wird auch nicht mein Favorit. Die Prager hingegen lechzen förmlich nach dieser vermeintlichen Delikatesse. Wir verleben insgesamt einen genussvollen, wenn auch nicht preiswerten Abend.

Gelbe Straßenlaternen geben dem nächtlichen Prag eine besonders heimelige, manche sagen auch unheimliche Atmosphäre. Die Bar im Hotel Josef lädt noch zu einem kleinen Absacker ein.


Fr 30.11.2018 Josephstadt, Prager Burg und JazzBoat

Uns erwartet ein fantastisches Frühstück. Das Hotel hat eine eigene Bäckerei und verwöhnt seine Gäste mit einem kulinarischen Tagesbeginn, wie ich ihn anderenorts selten erlebt habe. Tolle Croissants, Eiergerichte aller Art (unbedingt probieren: Rührei mit Kräutern), Smoothies nach eigenen Wünschen (Tipp: Karotten- Apfel- Ingwer) und viel frisches Obst... Schon allein deshalb ist das Josef eine ganz, ganz dicke Empfehlung!

Und noch etwas unterscheidet das Hotel Josef von anderen. Hier können Hotelgäste eine Čezeta 506 Electric kostenfrei für 3 Stunden ausleihen. Čezeta (Aussprache: Tschesetta) war eine ab 1957 gebaute tschechoslowakische Motorroller-Serie. Besonderes Kennzeichen: die torpedoförmige vordere Verkleidung mit dem Gepäckträger auf dem Tank, der über dem Vorderrad montiert war. Bis auf den Tank ist das auch bei dem aktuellen Elektroscooter so geblieben, der in kleiner Serie gebaut wird und ab 9.000 € kostet. The legend is back! Bei der momentanen Wetterlage stehen die Leihscooter ungenutzt im Foyer, bei stabilem Wetter aber muss das Fahren damit ein tolles Erlebnis sein...

Den heutigen Tag verbringen wir mit Franz, der private Führungen in Prag anbietet. Ursprünglich hatten wir Pavlina gebucht, die aber wg. plötzlicher Erkrankung heute ausfällt. Franz vertritt sie bestens und zeigt uns die von uns vorgewählten Sehenswürdigkeiten.

Er holt uns um 9:00 im Hotel ab und führt uns durch das alte jüdische Viertel, auch Josephstadt oder Josefov genannt. Hitlers SS wollte hier in nicht zu überbietender Perversion das "Dokumentationszentrum einer ausgestorbenen Rasse" errichten und ließ viele Schätze des jüdischen Brauchtums aus den Synagogen in Böhmen und Mähren zusammentragen. Sie sind heute zum Teil in vier Synagogen der Josefov zu sehen, die als "Jüdisches Museum" einen Verbund bilden. Daneben gibt es noch das älteste jüdische Gebetshaus, die Altneu-Synagoge. Zusammen bilden sie neben der Burg heute wohl eine der größten Touristenattraktionen Prags.

Als man den Prager Juden 1848 volle Bürgerrechte gewährte, zogen viele von ihnen aus dem Ghetto weg und die Gebäude verfielen. Die "Verslumung" nahm ihren Lauf und um die Jahrhundertwende zum 20. Jh. riss man bis auf die vorerwähnten Synagogen die meisten Gebäude des Viertels ab und baute neue prachtvolle Jugendstil-Gebäude nach Pariser Vorbild. Die zentrale Achse und zugleich prächtigste Straße der neuen Josefstadt wurde die Pariser Straße, die Pařížská. Luxus-Boutiquen weltbekannter Marken und Geschäfte mit Waren des Premium-Segments reihen sich heute hier aneinander. Vor ihren Fenstern parken Luxusautos und Sportwagen.

Aber zurück zum historischen Prag, das einst der esoterische Mittelpunkt Europas war. Hier gaben sich Alchemisten, Sterndeuter, Okkultisten und Geheimgesellschafter zu allen Zeiten die Ehre. Astrologie und Kabbala prägten das Stadtbild. Prag war im Mittelalter auch ein Zentrum der Alchemisten und Magiere. Oft wird angenommen, die "Herstellung" von Gold sei ihr einziges Ziel gewesen. Das ist aber nicht so, sie waren die Vorgänger unserer Chemiker, Pharmazeuten und Metallurgen. Zahlreiche Mythen und Spekulationen ranken sich um die Alchemisten.

Inbegriff des Mystischen war das weltberühmte jüdische Viertel, Schauplatz der Golem-Legende aus dem 16. Jh. Der Prager Oberrabbiner Judah Löw, der sich auch als Philosoph, Talmudist und Kabbalist hervortat, soll die Sagengestalt als Diener der Prager Juden erschaffen haben - so die Legende. Wie der biblische Adam soll auch der Golem aus Lehm geformt worden sein, allerdings mit dem Unterschied, dass er nicht sprechen konnte. Als der Golem außer Kontrolle geriet, soll Rabbi Löw ihn zerstört haben und seine Überreste aus Lehm auf den Dachstuhl der Altneu-Synagoge verbracht haben. Es gibt nicht den geringsten Beweis für diese Legende...

Die Altneu-Synagoge aus dem 13. Jh. ist die älteste unzerstört erhaltene Synagoge in Europa. Sie ist bis heute das religiöse Zentrum der Prager Juden. Wir haben Glück, für die Besichtigung der Gebetshäuser den Freitagmorgen gewählt zu haben. Mit Beginn des Schabbat am Freitagabend sind bis zum folgenden Sonntag keine Besichtigungen der Synagogen mehr möglich.

Unseren Rundgang beginnen wir mit der Maisel- Synagoge, einem Neubau des Privat-Bethauses von Mordechai Maisel, einem der reichsten Juden Europas, der Kaiser Rudolf II. mit Krediten die Kriege gegen die Türken finanzierte. Hier wird in ständiger Ausstellung die rechtliche und soziale Stellung der Juden im Mittelalter und die Errungenschaften ihrer Gelehrten um 1600 thematisiert. In dem sakralen Bauwerk gibt es zudem eine faszinierende Sammlung von Metallarbeiten, Thorakronen und Thoraknäufen, Leuchtern und Kerzenhaltern.

Franz und ich müssen wie alle Männer beim Betreten einer Synagoge eine Kippa tragen. Für Besucher stehen am Eingang Kippas aus Pappe zur Verfügung. Die Kippa signalisiert Gottesfurcht und Bescheidenheit vor Gott.

Weiter geht es zur barocken Klausensynagoge, wo in Vitrinen die Traditionen des Alltags und die jüdischen Feste im Jahres- und Lebensverlauf dargestellt werden. Das gilt auch für die daneben liegende Zeremonienhalle der Prager Beerdigungsbruderschaft.

Direkt dahinter liegt der wohl berühmteste jüdische Friedhof der Welt, der Alte Jüdische Friedhof von Prag. Hier beerdigten die Juden bis Ende des 18. Jh. ihre Toten - ca. 200.000 Gräber in 12 Schichten übereinander, denn der ein ha große Stadtfriedhof konnte nicht erweitert werden. Alte Gräber dürfen nach jüdischem Glauben nicht eingeebnet werden, so dass bei weiteren Beerdigungen Erde aufgeschüttet wurde. Die alten Grabmale und -steine blieben erhalten und stehen jetzt kreuz und quer auf dem Areal. Nach jüdischer Begräbnissitte werden die Toten nur in Leichentüchern, also ohne Sarg beerdigt - wie bei den Moslems. Man trägt den Leichnam auf einem Beerdigungsbrett bis ins Grab. Ein besonderer Anziehungspunkt auf dem Friedhof ist das Grabmal von Rabbi Löw, das mit zahlreichen Steinchen und Wunschzetteln geschmückt ist.

In der Pinkas Synagoge hat man eine Gedenkstätte für die fast 80.000 jüdischen Tschechen eingerichtet, die von den Nazis vernichtet wurden. Die Namen der Ermordeten sind auf den Wänden zu lesen. Auch der Name des kleinen Jan, der seinen 2. Geburtstag nicht erleben durfte, ist hier namentlich verewigt. Mich beschleicht ein bedrückendes Gefühl beim Gedanken daran, dass Deutsche diesen ungeheuerlichen Genozid verbrochen haben.

Wir kommen zur Spanischen Synagoge. Diesen Namen gab man ihr wegen der kunstvollen maurischen Gewöbe und Stuckarbeiten, die - so sagt man - an die Alhambra in Granada erinnern. Ich meine, das ist sehr übertrieben, auch wenn die Verzierungen spanischen Charakter haben. Es handelt sich um das jüngste Gotteshaus auf dem Gebiet der ehemaligen Prager Judenstadt. Hier stand früher die älteste Prager Synagoge, die Altschul. Eine ständige Ausstellung zeigt die neuere jüdische Geschichte in Böhmen und Mähren. Auch Konzerte und die Feiern jüdischer Feste finden hier statt.

Neben der Spanischen Synagoge findet sich das Franz- Kafka- Denkmal von Jaroslav Róna, bei dem der Dichter auf den Schultern einer kopflosen Bronzefigur sitzt, eine Reminiszenz an Kafkas Kurzgeschichte "Beschreibung eines Kampfes".

Unser Franz führt uns nun zum Lunch ins Krcma, ein unauffälliges Kellerrestaurant, nichts besonderes, aber bei den Bewohnern vor allem wegen seines preiswerten Mittagstisches beliebt. Franz und ich wählen Schnitzel mit Kartoffelpüree, Karin ein Risotto ohne Fleischbeilage, beides keine kulinarische Offenbarung, aber ausreichend sättigend.

Dann gehts weiter zur Prager Burg, der Prager Akropolis auf dem Bergrücken des Hradschin. 3 Burghöfe, der Veitsdom und der königliche Palast bilden das größte geschlossene Burgareal der Welt - 40.000 qm Macht. Wir nehmen die Tram Linie 22 bis Prazsky hrad. Die Linie 22 befährt mit alten Straßenbahnwaggons eine touristisch sehr sehenswerte Strecke (Tipp!).

Von der Tram- Haltestelle geht es vorbei am Präsidentenpalast über die Pulverbrücke direkt in den 2. Vorhof der Prager Burg. Heute abend gibt der Tschechische Präsident Miloš Zeman einen Dinner- Empfang für ausgewählte Vertreter der 100 größten Firmen der Welt. Auch unser Altbundeskanzler Gerd Schröder ist als AR- Mitglied von Gazprom geladen. Präsident Zeman polarisiert seit seiner Amtsübernahme 2013 die Bevölkerung. Er ist - wie auch Donald Trump - berühmt-berüchtigt für seine teils ausfallenden und bösartigen Bemerkungen. Die Security Mitarbeiter sind bis in die Zehenspitzen angespannt.

Neben dem Königspalast, wo auch der berühmte Prager Fensterstutz stattfand, ist die prachtvolle Kathedrale, der St.-Veits-Dom, das zentrale Gebäude auf dem Burgberg.

Den Dom kann man kostenlos im hinteren, westlichen Teil betreten und hat von dort eine gute Sicht ins Kirchenschiff. Wir begnügen uns mit diesem Blickwinkel und der Sicht auf die prächtig bemalten Jugendstil- Glasfenster. Das wohl bekannteste ist jenes von Alfons Mucha. Es zeigt Szenen aus dem Leben der Hl. Kyrill und Methodius, die im 9. Jh. die christliche Missionierung slawischer Völker betrieben.

Bei dem naß-kalten Wetter, das einem sogar unter die Wintersachen kriecht, wollen wir etwas Heißes trinken. Aber zunächst heißt es, den abschüssigen Fußweg vom Burgberg runter zur Moldau nehmen. Ich stelle mir vor, die Temperatur würde noch ein wenig mehr fallen. Dann wäre dieser Weg mit seinenen 208 Stufen und dem Pflaster aus kleinen Kopfsteinen sicher eine gefährliche Eisbahn. Franz hat wieder einen Geheimtipp. Er schlägt ein unscheinbares, preiswertes Cafe in der Nähe der Karlsbrücke vor, welches von Touristen meist übersehen wird, das Kavárna ČAS. Dort wärmen wir uns erstmal bei Tee, Kakao und Glühwein auf. Anschließend trennen wir uns von Franz, der uns viele interessante Dinge über Prag erzählt hat. "Ahoj, Franz!" - wie man hier zum Abschied als auch zur Begrüßung zu sagen pflegt. Wir kennen das ja als norddeutschen Seemannsgruß, aber hier...

Die Karlsbrücke aus dem 14. Jh. war zunächst eine schmucklose Steinbrücke über die Moldau, die wesentlich dazu beitrug, dass Prag ein Handelszentrum auf der Ost-West-Achse wurde. Ihren heutigen Namen bekam sie nach vielen Umbauten erst 1870. Die berühmten 30 Skulpturen (heute meist Kopien) an ihren Seiten entstanden zwischen 1600 und 1800. Die nach Karl IV. benannte Brücke ist sicher eine der schönsten Steinbrücken weltweit und ein absoluter Touristenmagnet in Prag.

Auf dem Rückweg zum Hotel kommen wir vorbei an der schmalsten Gasse der Stadt, für deren Betreten man extra eine Fußgängerampel installiert hat. Die Gasse ist nämlich so schmal, dass zwei Erwachsene bei einer Begegnung nicht aneinander vorbeikommen. Karin hat "grün", aber es gibt Gegenverkehr, eine entgegenkommende Dame hat die Ampel auf der anderen Seite nicht beachtet.

Für den Abend habe ich im web etwas Besonderes für uns organisiert, eine nächtliche Bootsfahrt mit dem JazzBoat, einer mobilen Jazzbühne auf einem Moldauschiff mit Dinner + Live Jazz Concert + Cruise. Das Schiff liegt neben der Cechuv Brücke. Ich habe einen Tisch reservieren lassen und los gehts mit einem erstaunlich guten Dinner mit begleitender Live- Musik während das Schiff gemütlich eine Runde auf der Moldau dreht. Der Spaß dauert 2 1/2 Stunden.

Die Moldau, der legendäre Fluss, der meisterhaft von den beiden Quellen bis zur Mündung in der Elbe mit der gleichnamigen sinfonischen Dichtung des tschechischen Komponisten Bedřich Smetana "vertont" wurde... Diese Komposition liebe ich wegen ihrer eingängigen Melodie. Vom Fluss sehen wir in der Dunkelheit nicht viel, auch nicht von einem der neuen Wahrzeichen der Stadt, dem ineinander verbogenen "Tanzenden Haus" (nach Ginger Rogers und Fred Astaire auch "Ginger und Fred" genannt) von Frank Gehry, der u.a. die markanten Gebäude im Düsseldorfer Medienhafen entwarf.

Heute abend performt auf dem JazzBoat Adéla Zejfartová und das Sunny Swing Trio mit Evergreens aus dem goldenen Jazz- Zeitalter und der Swing Ära im Amerika der 20er und 30er Jahre. "Bei Mir Bistu Shein" von den Andrew Sisters, "The Charleston" bekannt von Josefine Baker - und viele weitere Titel aus dieser Zeit lassen die Atmosphäre der Swingära aufleben. Ein toller Abschluss unseres ersten Abends in Prag!

Inzwischen hat es angefangen zu schneien und über leicht vereiste und verschneite Bürgersteige machen wir uns auf den Rückweg ins Hotel. Dabei queren wir den Altstädter Markt, dessen Weihnachtsmarktbuden schneebedeckt richtig romantisch aussehen. Eröffnet wird der Markt aber erst morgen. Langsam kommt Adventsstimmung auf.


Sa 01.12.2018 Kunst und Kultur

Der Ablauf des heutigen Tages ist von mir nicht verplant. Ich überlasse Karin die Wahl unseres ersten Besichtigungsziels. Da sie eine Liebhaberin Moderner Kunst ist, entscheidet sie sich für das DOX-Zentrum für zeitgenössische Kunst im etwas außerhalb gelegenen Stadtteil Holešovice. Wir nehmen die Tram Linie 12. Das DOX zählt zu den fortschrittlichsten künstlerischen Institutionen in der Tschechischen Republik und soll sich großer Beliebtheit in der Öffentlichkeit erfreuen. Dank einer privaten Initiative wurde es in einer ehemaligen Fabrik eingerichtet. In Ausstellungen zeitgenössischer, internationaler und tschechischer Kunst erforscht DOX aktuelle Themen und entwickelt die Diskussion durch verschiedene Begleitprogramme weiter.

Die wenigen Besucher verlieren sich heute morgen in den großen, weiß gestrichenen Räumen und Hallen, in denen bewusst nur wenige Exponate und Installationen ausgestellt sind. Besondere Aufmerksamkeit zieht ein "Luftschiff" aus Stahl und Holz auf sich, das auf dem Dach zwischen zwei Gebäuden verankert ist. Der 42 m lange und 12 m breite Zeppelin namens Gulliver ist begehbar und dient als Plattform zum Lesen und Diskutieren.

Mit der U-Bahn fahren wir nach unserem DOX- Besuch zum Wenzelsplatz in der Neustadt, der eigentlich gar kein Platz im eigentlichen Sinne ist, sondern ein 750 m langer und 60 m breiter Boulevard. An seinem oberen Ende liegt das Nationalmuseum. Davor steht die Reiterstatue des Hl. Wenzel, wo sich 1969 der Student Jan Parlach aus Protest gegen die "brüderlichen" sowjetischen Besatzer mit Benzin übergoß und anzündete. Er starb kurz danach im Krankenhaus an seinen Brandverletzungen. Seiner Beerdigung folgten 400.000 Bürger.

Am Wenzelsplatz stoßen wir auf den ersten geöffneten Weihnachtsmarkt, der aber nur aus Fressbuden besteht. Karin probiert das legendäre Trdelnik - ein Muss in Prag!

Trdelnik ist eine tschechische Gebäck- Spezialität. Sie gibt es gefühlt an jeder Ecke - so wie Eisdielen in Florenz. Teigstreifen werden um einen dicken Spieß gewickelt und anschließend unter ständigem Drehen auf einem Holzkohlefeuer gebacken. Das Ergebnis ist eine zimtig, warme Teigröhre bzw. ein Teigbecher, den man pur ißt, der aber auch auf unterschiedlichste Art gefüllt werden kann - mit Erdbeeren und Sahne, Eiscreme und Obst, Schokolade, Karamel usw. Wichtig ist, dass man einen frischen, warmen Tredelnik bekommt.

Eine weitere lokale Spezialität ist der Prager Schinken, ein berühmter Kochschinken der böhmischen Küche, der auf Buchenholz heiß geräuchert wird.

Doch das Wetter macht einen längeren Aufenthalt im Freien nicht zum Vergnügen. Deshalb suchen wir die Lucerna Passage auf - Jugendstil at its best. Hier hängt unter einer Kuppel der von David Cerny geschaffene Ritter auf seinem an allen Vieren aufgehängten Pferd, eine Persiflage auf das Wenzeldenkmal.

Daß die Tschechen einen Sinn für Humor haben, wissen wir spätestens seit dem braven Soldaten Schwejk von Jaroslav Hašek, einem typischen Prager Charakter der Vorkriegszeit, der sich mit List und Witz durchs Leben schlägt. Stets schaffte es Schwejk neue Freunde zu gewinnen oder er brachte lächerliche Autoritäten, die weder sich selbst noch andere ausstehen konnten, zur Weißglut. Unvergessen bleibt Schwejks Untertänigkeits- Floskel "Melde gehorsamst".

Im Café Lucerna genehmigen wir uns ein Heißgetränk. Anschließend verkosten wir in einem Weingeschäft in der Passage noch einen guten tschechischen Wein. Der Hauswein auf dem JazzBoat war leider keine Empfehlung für hiesigen Wein. Aber es geht auch anders - quod erat demonstrandum!

Langsam machen wir uns auf den Weg Richtung Altstädter Markt. Dabei kommen wir auch am berühmten Prager Gemeindehaus oder Repräsentationshaus vorbei, dem wunderschönen Jugendstilbau aus dem frühen 20. Jh., der heute ein Ort für Veranstaltungen, Ausstellungen und Konzerte ist. Das Kaffeehaus, das französische und Pilsner Restaurant und die amerikanische Bar, genauso wie der Oberbürgermeister-Salon oder der Smetana-Konzertsaal sind perfekte Jugendstil- Interieurs. Wir werfen nur einen kurzen Blick hinein.

Als wir hinter dem Pulverturm, einem der Befestigungstürme der Altstadt, die Zelezna erreichen, kommt uns ein nicht enden wollender Menschenstrom entgegen. Kurz vor dem alten Marktplatz werden wir von Polizisten in eine Umleitungsstrecke gewiesen, so dass es nicht zum Chaos bei den aufeinander zuströmenden Menschenmengen kommt. Das klappt sehr gut. Offensichtlich hat es eine bei den Pragern sehr beliebte Eröffnungsfeier des Weihnachtsmarktes gegeben, zu der Tausende gekommen waren, die sich jetzt wieder auf den Heimweg machen.

Wir erreichen den Altstädter Markt mit seinem nun geöffneten Weihnachtsmarkt. Auch hier finden sich fast ausschließlich Buden mit typisch vorweihnachtlichem Essen und Getränken im Angebot.

In der Prager Altstadt gibt es die urigen, alten Bierstuben, die hier Pivnice heißen. Pivo, Bier, ist in Tschechien ein unverzichtbares Lebensmittel und mit 160 getrunkenen Litern Bier pro Jahr und Kopf hält man hier den Weltrekord. Das berühmteste dürfte Pilsner Urquell sein, die Mutter aller Lagerbiere. Mit 4,4 % Alkoholgehalt ist es etwas leichter als die bei uns bekannten Pilssorten. Daneben ist noch Budweiser aus Budva (nicht das gleichnamige US-amerikanische Gesöff) weltbekannt. Aber in Prag gibt es viele weitere Bier- Spezialitäten.

Natürlich verkosten wir das köstliche Prager Bier - auch wenn ich es aus gesundheitlichen Gründen nur wohl dosiert probieren darf.

Auch die Kaffeekultur erlebt neben den Bierlokalen zurzeit eine beachtliche Renaissance. In Prag finden sich wunderbare traditionelle Kaffeehäuser und Konditorien u.a. das Grand Cafe Orient, wovon ich später noch berichte.

Was kann man in der Stadt kaufen, das berühmt für seine Herkunft ist? Kristallglas (Moser und Egermann), Porzellan (Český porcelán, Thun), Keramikartikel, Schmuck (Belda, Granat) und vieles mehr. Mann/Frau muss die opulente Art Tschechisch- Böhmischer Handwerkskunst mögen, wie so oft ist alles Geschmackssache.

Wir haben zwar erst für 19:00 eine Reservierung im Restaurant Nuance, Malé námésti 138/4, das nasskalte Wetter treibt uns aber schon vorzeitig dorthin. Kein Problem für den Oberkellner.

Bei der Adresse Malé námésti 138/4 handelt es sich nicht um Haus- und Türnummer. 138 ist die sogenannte Konskriptionsnummer (rotes Schild), die 4 bezeichnet die Orientierungsnummer (blaues Schild). Während die Orientierungsnummern, also Hausnummern der Grundstücke, sich aneinanderreihen, die geraden rechts, die ungeraden links, verweisen die Konskriptionsnummern lediglich auf die Grundbucheinträge in einem Bezirk. Das Haus Malé námésti 138/4 ist demnach verzeichnet im Grundbuch von Prag- Altstadt, Blatt 138. Für die Orientierung in der Straße ist hingegen die Hausnr. 4 unerlässlich.

Von unserem Fensterplatz im Restaurant Nuance können wir beobachten, wie sich die Menschenmenge rund um den Markt allmählich zerstreut, meinen wir zumindest. Aber die Auflösung erfolgt nur spärlich. Das Dinner im Nuance mundet uns sehr gut und ist zudem wesentlich preiswerter als im Pot au Feu am Donnerstag.

Vor dem Altstädter Rathaus mit der Astronomischen Uhr aus dem Jahre 1410 hat sich wie zu jeder vollen Stunde eine Menschenmenge gebildet, die darauf wartet, dass sich oben im Turm die Figuren der 12 Apostel zeigen, die an der Uhr vorbeigeführt werden. Die erscheinen dann auch, sind aber bei weitem nicht so spektakulär wie sie angepriesen werden. Sie erinnern mich an das Glockenspiel auf der Kettwiger Str. in Essen. Die Uhr mit den 2 aufwendigen Zifferblättern zeigt oben die Zeit und astronomische Angaben während das untere als Kalendarium konzipiert ist und die Monate und Tage angibt. Das ist wirklich ein Kunstwerk für Uhrenfreaks und man muss sich schon sehr intensiv mit seiner Lesart beschäftigen um die Uhr vollständig lesen zu können.

So 02.12.2018 Kommunismus und Weihnachtsmarkt

Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg zum Foltermuseum. Karin möchte sich das nicht antun - eine weise Entscheidung, wie sich herausstellt, denn das "Museum of Torture", Celetná 12, ist ein schäbiges Gruselkabinett, das den Eintritt nicht wert ist. Dann doch lieber mal nebenan im Schokoladenmuseum vorbeischauen, wo die Geschichte und Herstellung von (belgischer) Schokolade gezeigt wird. Ferner lässt sich im Geschäft die Bonbonherstellung hinter einer Glasscheibe beobachten.

Ich befinde mich unmittelbar am Marktplatz. Und hier stehen auch die - neben dem Veitsdom - größten Kirchen der Stadt, die spätbarocke St.-Nikolaus-Kirche und die gotische Teyn-Kirche, in der damals Hussiten ihre Messen feierten. Die Teyn-Kirche verdankt ihren Namen dem sie umgebenden alten Handelshof, der in mehreren Gebäuden den reisenden Kaufleuten Unterkunft bot. Ich kann einen Blick in das düstere Innere der Teyn-Kirche werfen, sie wirkt auf mich eher bedrückend. Leider ist die Zeit zu kurz um auch die St.-Nikolaus-Kirche zu besichtigen.

Gemeinsam mit Karin geht es dann zum Kommunismus- Museum, das ganz in der Nähe am Platz der Republik liegt. Es behandelt die Nachkriegszeit, die bekanntlich bis zur Wende 1989 von den Kommunisten geprägt war. Das Museum ist sehr textlastig. Auf vielen Schauwänden wird die Zeit des Kalten Krieges unter verschiedenen Blickwinkeln erläutert. Fotos ergänzen die Texttafeln. Mit dem Haus der Geschichte der BRD auf der Museumsmeile in Bonn haben wir ein vergleichbares Nachkriegsmuseum, das aber viel mehr Exponate aus der Nachkriegszeit ausstellt - und mir deshalb viel attraktiver, publikumswirksamer erscheint. Die Nachbildung eines Lebensmittelladens aus der Zeit des Kommunismus ist im Prager Museum eine der wenigen Visualisierungen des Mangels und der Repressionen.

Es hat angefangen zu regnen, wir laufen wieder einmal hinunter zum Altstädter Markt, dem zentrale Marktplatz und Herz der Prager Altstadt, der eine Fläche von mehr als 9.000 m² einnimmt. In seiner Mitte steht das Jan-Hus-Denkmal.

Jan Hus war der Reformator und Nationalheilige, der im 15. Jh. gegen die Verkommenheit des Klerus predigte und deshalb auf dem Konstanzer Konzil zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt und verbrannt wurde.

Eine Prager Spezialität war es seinerzeit auch, missliebige Zeitgenossen von Brücken zu werfen oder sie aus dem Fenster zu stürzen. So warfen 1618 Vertreter der protestantischen Stände von Böhmen drei Statthalter des katholischen Königs Ferdinand aus einem Fenster der Prager Burg weil der Habsburger Ferdinand aktiv eine Rekatholisierung Böhmens versuchte. Kaiser Rudolf II hatte zuvor ein Dekret erlassen, das dazu im krassen Gegensatz stand. Er hatte Religionsfreiheit zugesichert und untersagte den Glaubenszwang durch Landesherren. Der Prager Fenstersturz von 1618 gilt als Kriegserklärung der Protestanten an den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, zwischenzeitlich war es Kaiser Matthias, und markiert den Beginn des Dreißigjährigen Krieges.

Heute Mittag folgen wir einer Empfehlung von Franz. Wir essen im Restaurant Sedm Konselu. Ich bestelle ein Traditionsgericht, Entenbraten mit Rotkohl und Kartoffelknödeln, 149 CZK /6 € - spottbillig. Das Lokal wird überwiegend von Einheimischen besucht und bietet solide Qualität für wenig Geld.

Ein weiteres Nationalgericht ist Svíčková na Smetaně, ein Rinderlendenbraten mit einer sämigen Soße aus passiertem Gemüse und Sahne. Dazu gibt es Böhmische Knödeln und Preiselbeerkonfitüre. Sehr lecker! Und dann wäre da noch Vepřo- Knedlo- Zelo, Schweinekrustenbraten mit Knödeln und Sauerkraut. Sie merken schon, die böhmische Küche eignet sich nicht zum Abnehmen.

Apropos Böhmen und Mähren. Wussten Sie, dass der englische Begriff "Bohemian" sowohl für böhmisch als auch für bohemehaft steht - und "Moravian" für mährisch?

Bis zu unserem Abflug am Abend ist noch Zeit, im Haus zur Schwarzen Madonna, dem berühmten kubistischen Bau in der Prager Altstadt, Kaffee und Kuchen zu bestellen. Wir glauben im Grand Café Orient zu sitzen, aber das liegt im ersten Stock. Wir hingegen sitzen im Erdgeschoss im Restaurant Černá Madona. Ich hatte mich schon über die Einrichtung gewundert, die man keineswegs kubistisch nennen kann. Dumm gelaufen...

"Dieses Mütterchen hat Krallen" warnte Franz Kafka, der ungeliebte Sohn der Stadt, vor Prag. Er meinte das Düstere und Schwere der Stadt. Wir haben nur die heitere Seite und damit wohl das Eigenbild der Prager erlebt. Auch von der hohen Alltagskriminalität in der Stadt (Taschendiebe, betrügerische Kellner und Taxifahrer...) sind wir verschont geblieben.

Sicher lohnt sich ein Wiedersehen mit Prag in der wärmeren Jahreszeit. Es gibt noch viel zu entdecken. Die 3 Tage haben einfach nicht ausgereicht.


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Das ist meine Reiseliteratur- Empfehlung für ein Wochenende in Prag:

Ich empfehle den praktischen Reiseführer PRAG aus der Dumont direkt- Reihe. Die darin gelieferten Informationen reichen völlig aus für einen Kurztrip.

Mehr Informationen bietet u.a. der Band PRAG aus der Vis-à-Vis- Reihe von Dorling Kindersley.


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