Heute also der Flug von Santiago nach Havanna. Abschied von Toni am Flughafen. Der Airport von Santiago de Cuba ist ein Provinzflughafen, wir fliegen mit "Aero Carribean" (nie gehört). Es geht gut. Dirk wird irgendwo zwischen Einchecken und Gepäckausgabe der Koffer aufgebrochen, aber es fehlt wohl nichts. In Havanna erwartet uns ein anderer Bus. Rafael ist der neue Fahrer, wir nennen ihn "Günni", weil er ein CB-Funk- Gerät an Bord hat. Günni läßt es gemächlicher angehen als Toni. Wir fahren die Autobahn Richtung Pinar del Rio und erreichen unser Tagesziel, das wunderschön im Herzen der Sierra del Rosario gelegenen Hotel Moka der Comunidad Las Terrazas.

Das Öko-Tourismus-Projekt liegt abseits der Hauptreiseströme und ist eingebettet in die Hügellandschaft der von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärten Sierra del Rosario. Ein solches Hotel ist in Cuba wohl einmalig: wie eine kanadische Lodge ist alles auf die Bedürfnisse der Gäste abgestimmt. Dazu kommt die herrliche Lage in der Natur. Der Hotelmanager erzählt mir in gebrochenem Deutsch von der Entstehung dieses Hotelprojektes. Er habe sich die deutsche Sprache autodidaktisch mit CDs beigebracht. Merkwürdig, sage ich, das habe uns auch Franlyt über den Erwerb seiner Deutschkenntnissen berichtet. Cubaner seien wohl besonders sprachbegabt. Er meint, Franlyt würde viel erzählen, er kenne ihn gut...

Am Abend kreuzt eine afrokubanische Tanzformation aus der nahen Siedlung in der Lobby auf, in deren Mitte ein uralter Johannisbrotbaum bis durch das Dach des Hotels ragt. Die Combo führt Stammestänze auf, wie wir sie bereits in Cardenas gesehen haben. Allerdings sehr touristisch inszeniert, was uns nicht so recht begeistern kann. Dann erscheint unser neuer Reiseleiter für die letzten 2 Tage: Jesus! Wir verabschieden uns von Franlyt (Reiseleiter Typ "Eddy Murphy" ). Schade, wir hatten viel Spaß miteinander. Jesus macht sich rar, hat aber direkt seinen Spitznamen weg: "Brian". Einige von uns - ich auch - essen heute abend hier im Hotel- Restaurant (viel zu teuer für die Qualität der Gerichte), andere gehen ins nahe Dorf, wo sie für wenige Dollar gut satt werden.

Der nächste Vormittag soll uns die Schönheit der Sierra del Rosario erschließen. Günni fährt uns runter ins Dorf. An einer Schautafel erklärt uns ein einheimischer Naturführer die Gegend, auch er spricht Deutsch. Natürlich gibt es dabei einen Cocktail, wahlweise mit oder ohne Rum. Die Comunidad Las Terrazas wurde bereits 1972 gegründet, ein naturnahes Wiederaufforstungs- und Wohnprojekt, das mittlerweile ca. 1.000 beteiligte Einwohner umfaßt. Der Tourismus soll hier zum Schutz der Natur und der Entwicklung der Gemeinde beitragen. Was hier entstanden ist, kann uneingeschränkt als vorbildlich für cubanische Verhältnisse bezeichnet werden. In die Landschaft eingebettete Häuser, Einrichtungen des täglichen Lebens, ein künstlicher kleiner See. Wer hier lebt, muß sich wie im Paradies fühlen.

Der Bus bringt uns auf die 240 m hoch gelegene ehemalige Kaffe- Plantage "Buena Vista". Eine "schöne Aussicht" hat man wirklich von hier auf die umliegenden Berge. Einwanderer aus Haiti haben im 19. Jh. vergeblich versucht, mit Hilfe von Sklaven Kaffee anzubauen. Der Versuch ging daneben, weil das Wasser des Flusses zu weit weg war und die Höhe für Kaffeeanbau nicht ausreichte. Die Terassen der Felder, die Trockenböden, Sklavenunterkünfte und eine Mühle sind noch als Ruinen erhalten oder zwischenzeitlich wieder rekonstruiert. Hier oben wird auch ein beliebtes Restaurant betrieben, das am Morgen aber noch leer ist. Es geht weiter in einen im Wald gelegenen Blumengarten, der von Mitgliedern der Comunidad unterhalten wird. Hier gibt es seltene wie auch gewöhnliche Pflanzen zu sehen - jedoch nichts spektakuläres. Zurück im Dorf besuchen wir auf einen Cubita (cubanischer Kaffee) erst das Cafe Maria, dann eine kleine Siebdruckwerkstatt, in der Bilder einheimischer Künstler ausgestellt sind, u.a. Bilder des Künstlers Lester, der bereits internationale Reputation genießt. Dann fahren wir in den Wald zum San Juan- Fluß, wo die meisten ein erfrischendes Bad nehmen.

Mittagessen gibts im Gemeinderestaurant bei Mercedes. Mercedes ist berühmt für ihre schmackhaft geschmorten Pollos (Hühnchen). Die Beilagen sind die üblichen. Jetzt blüht plötzlich Jesus, unser neuer Reiseleiter, auf, der sich bisher auffällig zurückgehalten hat. Er referiert über die wirtschaftliche Situation Cubas im Würgegriff der USA. Er diskutiert bzw. monologisiert über die Begriffe "Freiheit" und "Meinungsfreiheit", meint, daß man sich in Europa den Luxus leisten könne, diese Begriffe wesentlich weiter auszulegen als in der 3. Welt. "Freiheit" bedeute hier, täglich eine Hand voll Reis in den Mund zu bekommen, nicht aber verschiedene Tageszeitungen lesen zu können... Seine Ausführungen stimmen uns nachdenklich. Wie sagte schon Bert Brecht: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral".

Im Hotel nehme ich ein Vollbad. Der atemberaubende Blick aus dem Panoramafenster des Badezimmers geht über Teak- und Mahagonibäume und läßt einen ins Träumen geraten. Heute abend gehen wir runter ins Dorf, essen supergünstig (Käse-Pizza 1,20$) und lassen den Tag auf den Holzterrassen des See- Pavillions ausklingen. Eine Son- Band spielt. Diesmal kaufe ich eine dieser selbstgebrannten CDs von ihrer Musik. Bernhard, unser "Salsa- Professor" (hat nach unserer Rundreise extra noch einen Salsa- Kurs in Havanna besucht ! ), legt Kostproben seiner Tanzkunst mit cubanischen Schönheiten aufs Parkett. Wir anderen kommen mit einem älteren Kanadier aus Toronto ins Gespräch. Er ist mit einer höchstens 16- jährigen, hellhäutigen Mulattin in einem Wohnmobil (Kanadier sind die Holländer des amerikan. Kontinents!) unterwegs und - ganz offensichtlich - nicht ihr Großvater. Das Mädchen ist erkennbar eine Jinetera, die für Kohle mit ihm rumzieht. Die beiden können sich nur schwierig verständigen. Der Typ ist einer dieser widerlichen Sex- Touristen. Wir verlassen den Laden - allerdings ohne ihm unsere Meinung zu sagen. Mit Ausnahme der letzten Begegnung ist es ein sehr schöner Abend.

Cubaner frühstücken so gut wie gar nichts, meist reicht ihnen eine Tasse Kaffee. Für die Touristen beschränkt sich das Angebot im wesentlichen auf Rührei, kleine Pfannkuchen, Weißbrot und Obstsalat. Beim Frühstück am nächsten Morgen taucht plötzlich der Kanadier vom Vorabend auf - allein, setzt sich an unseren Tisch. Bernhard stinkt das gewaltig, fragt ihn jetzt nach dem Alter seiner Freundin. Darüber möchte er nicht reden. Bernhard setzt nach, sagt ihm, das sei strafbar, die kleine Cubanerin würde bei einer Anzeige für 2 Jahre eingelocht, er bekomme lediglich ein Einreiseverbot. Der Typ zieht einen Tischwechsel vor und schaut fortan in eine andere Richtung.

Wir verlassen das Moka Richtung Pinar del Rio und Vinales- Tal.