"We fly with the Germans" - bemerkt verschreckt einer der beiden englischen Flugpassagiere im aktuellen Werbespot der Lufthansa. Dann wird die Kabine mit Blasmusik, Bier, Bratwurst und Sauerkraut geflutet - ein Alptraum für die Engländer, insbesondere in Verbindung mit Gary Lineker`s Fußballweisheit "Football is a simple game. 22 men chase a ball for 90 minutes and at the end, the Germans win." Ob es diesmal auch so kommen wird? Im Juni 2016 findet die Fußball- Europameisterschaft im Nachbarland Frankreich statt. Natürlich gibt es bei uns auch wieder die Fähnchen-bewehrten Pkws und Balkone, die zahlreichen Public Viewings und EM- Grillfeten.

Während dieser emotionsgeladenen Zeit reise ich nach Rumänien und Bulgarien... Die beiden Balkanländer sind nicht das Ende der Welt - obwohl man es bei Regionsnamen wie Karpaten, Walachei und Transsylvanien meinen könnte. Doch Rumäniens Fußball-Nationalmannschaft nimmt ebenfalls am Turnier in Frankreich teil.

Sa, 18.06.2016: Anreise nach Sibiu 

Mittags fliege ich von München nach Sibiu. Nicht Bukarest ist das Ziel, sondern Sibiu, das ehemalige Hermannstadt im ehemaligen Siebenbürgen.

Vermutlich geht diese alte Gebietsbezeichnung auf sieben von deutschen Siedlern gegründete Städte zurück, zu denen auch Hermannstadt gehört. Es waren deutsche Siedler, die im 12. Jh. vom ungarischen König Geisa II. im Rhein-/Moselgebiet angeworben wurden um die Wirtschaft zu beleben und die Grenzen im Osten zu sichern. Die Städte, die sie bauten, spiegeln den typischen mitteldeutschen Baustil der damaligen Zeit. Bis nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Siebenbürgen zum Königreich Ungarn und seine Bewohner, die "Siebenbürger Sachsen" genossen besondere Privilegien. Die Bezeichnung "Sachsen" (saxones) geht auf den in der ungarischen Kanzleisprache üblichen Namen für die deutschen Siedler zurück.

Obwohl die Deutschen nach 1945 zunehmend in die Minderheit gerieten, stellten sie von 2000 bis 2014 den Bürgermeister von Sibiu, Klaus Johannis, der heute sogar der gewählte Staatspräsident Rumäniens ist. Die Partei der Deutschen Minderheit hat - unglaublich, aber wahr - die absolute Mehrheit im Stadtrat. Letzteres wird damit begründet, dass es hier sehr viele Direktinvestitionen aus Deutschland gibt und zahlreiche große Firmen ihre Produktion hierher outgesourct haben. Das trägt natürlich zum wachsenden Wohlstand der Stadt bei. Auch das Bildungswesen liegt hier traditionell fest in deutschstämmiger Hand. So gibt es deutsche Kindergärten und Schulen. Gleich in mehreren Gymnasien ist Deutsch die Unterrichtssprache und auch an der Uni kann man deutschsprachige Studienfächer belegen. Natürlich gibt es auch eine deutschsprachige Zeitung, die Hermannstädter Zeitung. Das habe ich bisher nirgends erlebt. Wird Cem Özdemir demnächst Bundespräsident von Deutschland? Ich hätte nichts dagegen.

Das Gebiet des ehemaligen Siebenbürgen ist weltweit jedoch besser bekannt unter dem Namen Transsylvanien - terra ultrasilvana, "Land jenseits der Wälder". Hier riechts nach Knoblauch... Dazu später mehr.

Unsere kleine Reisegruppe (Ikarus Tours) besteht aus nur acht Teilnehmern - zwei Ehepaaren, einem älteren Geschwisterpaar und zwei Einzelreisenden. Einer davon bin ich. Wir werden am Flughafen von unserem rumänischen Reiseleiter Ioan ("Johann") empfangen, einem gemütlichen älteren Physiker und Lehrer, der jetzt als Reiseleiter sein Brot verdient. Mit dem Bus geht es in das zentral gelegene Hotel Ramada Sibiu, wo wir die nächsten zwei Nächte bleiben werden.

An diesem Abend wird uns hier ein Dinner aus Krautsalat, butterzarten Schweinesteaks mit Beilagen und Papanasi serviert. Letzteres ist eine rumänische Dessert- und Kuchen- Spezialität, ein "Hüftgold", bestehend aus einem Quarkteigkrapfen, gekrönt mit Sauerrahm und Blaubeerkonfitüre - sehr, sehr lecker!  

In Hermannstadt findet während unseres Aufenthaltes ein Theaterfestival statt, das viele Straßentheater- und Musik- Elemente beinhaltet. Die halbe Stadt ist bis in den späten Abend auf den Beinen. Natürlich sind auch die Kinder dabei. Schließlich werden die Tage jeweils mit einem Feuerwerk gekrönt, das sich Alt und Jung hier nicht entgehen lassen will.

So, 19.06.2016: Sibiu (Hermannstadt) - Sibiel

Nach dem Frühstück erkunden wir Hermannstadt, das erst vor wenigen Jahren Kulturhauptstadt Europas gewesen ist. Wir betreten die Altstadt (Weltkulturerbe) durch eines der alten Stadttore und laufen durch den Großen und Kleinen Ring, beide werden durch die Stadtmauern gebildet, von denen es gleich vier gibt. Und hier lernen wir eine mittelalterliche Besonderheit kennen. In die Verteidigungswälle sind Wehrtürme integriert. Jeder von ihnen musste durch eine der Zünfte und Gilden verteidigt werden. Deswegen heißen sie Schuhmacher-, Seiler-, Töpfer- und Zimmermannsturm...

Am Großen Platz, dem Piata Mare, auf dem im Rahmen des Theaterfestivals Bühnen und ein Menschen- Mobile installiert sind, liegt das Brukenthal Palais, das heute ein Kunstmuseum beherbergt - gestiftet von Samuel von Brukenthal, dem einzigen Siebenbürger Gouverneur unter der Herrschaft Maria Theresias. Den Platz beherrscht jedoch das alte Rathaus mit seiner elegant geschwungenen Fassade.

Auch die barocke katholische Kirche lässt sich hier am Großen Platz bewundern. Wir werden kurz Zeuge einer Messe, die in deutscher Sprache gelesen wird. Johann klärt auf, dass sie auch in rumänischer und ungarischer Sprache fortgesetzt wird. In der Krypta sind Grabplatten der Gräber bedeutender Hermannstädter Kirchenmänner zu sehen, aber auch von Vlad II. Dracul, dem großen Woiwoden, dessen Sohn Vlad III. Temes zu eher zweifelhaftem Ruhm kam.

Es gibt viele erwähnenswerte weitere Gebäude in der Altstadt von Sibius, darunter die Evangelische Stadtpfarrkirche mit dem Rosenauer Altarbild und die sogenannte Lügenbrücke. Johanns Erklärung zum ungewöhnlichen Namen der Brücke lautet, dass sich Landsknechte (!) in der Stadt mit Bürgermädchen für den Abend auf dieser Brücke verabredet hatten, aber von den Mädels zum verabredeten Zeitpunkt versetzt wurden, die Mädels also gelogen hätten. Mir erscheint diese Landsknechte- Erklärung eindeutig Johanns lebhafter Fantasie entsprungen zu sein, da die gußeiserne Brücke aus dem Jahre 1859 stammt. Für wie blöd hält er uns? Aber die anderen Versionen für die Namensgebung klingen auch nicht glaubwürdiger.

Als weitere architektonische Besonderheit sei die Orthodoxe Kathedrale erwähnt. Sie wurde nach dem Vorbild der Hagia Sophia in Istanbul errichtet. Zum Zeitpunkt unseres Besuches wird in der Rumänisch Orthodoxen Kirche das Pfingstfest gefeiert. Viele Gläubige besuchen den Gottesdienst und nehmen geweihte Buchsbaumzweige mit nach Hause.

Nachmittags ist kein Programm vorgesehen, so dass wir die Zeit nach eigenem Gustus wunderbar in den zahlreichen Museen, Cafes und kleinen Geschäften verbringen können. Die Fußgängerzone der Strada Nicolae Balcescu führt bis zum Ramada Hotel, wir können uns also nicht verlaufen.

Sibiu ist in der Rückbetrachtung für mich die schönste Stadt Rumäniens auf unserer Rundreise.

Abends fahren wir gemeinsam zum nahen Dörfchen Sibiel (Budenbach), wo uns ein typisches Abendessen bei einer Hirtenfamilie erwartet. Das Dorf ist bekannt für seine reichhaltigen traditionellen Mahlzeiten, die von den Familien der Bauern und Hirten angeboten werden. Jemand aus der Gruppe fragt, wie lange wir hier bleiben werden. Johann antwortet unabsichtlich mit einem Satz, der zum Running Gag werden soll
"Wir bleiben solange bis es uns gefällt!".

Der alte Hirte erwartet uns im Vorhof seines Anwesens im traditionellen Folklore- Outfit mit einem typischen selbstgebrannten Traubenschnaps. Den verkauft er auch abgefüllt in Plastikflaschen. Diesen Kauf lehne ich dankend ab, will mir meine Sehkraft noch erhalten...

Er bittet uns herein in die gute Stube, die geschmückt ist mit alten Fotos seiner Familie. Es gibt die typische rustikale Salatvorspeise aus Tomaten, Gurken und Schafskäse, danach samale, warme Krautwickel mit Hackfüllung und Polenta als Beilage und als Dessert Kuchen - alles begleitet von dem bereits bekannten Schnaps, der ebenso wie ein selbstgekelterter Roséwein in Krügen auf dem Tisch steht. Na dann Prost - oh besser nicht, "Prost" heißt auf Rumänisch soviel wie "Dummkopf", hier sagt man Noroc ("Glück!").

Der Wein schmeckt Frau H., einer fast 90-jährigen, leicht dementen Mitreisenden, die mit ihrem nur wenig jüngeren Bruder unterwegs ist, besonders gut. Schon bald meint sie, der Rosé habe mehr Alkohol als der Traubenschnaps und wiederholt ihre Einschätzung alle fünf Minuten... Auf der Rückfahrt ins Hotel wird sie auffallend ruhiger und verschwindet dann schnell auf ihr Zimmer.


Mo, 20.06.2016: Sighisoara - Targu Mures

Morgens fahren wir durch das Kokeltal nach Biertan (Bierthälm), wo wir die Kirchenburg besichtigen, eine der schönsten und besterhaltenen Wehranlagen Siebenbürgens und über drei Jahrhunderte Bischofssitz der evangelisch-sächsischen Landeskirche.

Da es auf dem Kirchberg keine natürlichen Wasserquellen gab, sollen die Birthälmer unterirdische Gänge gegraben haben, durch die sie in Belagerungszeiten in die Stadt gelangen konnten, um dort aus den Brunnen zu schöpfen. Gefunden wurden sie nie, so dass diese Geschichte wohl frei erfunden ist. Rumänische Reiseleiter haben sehr viel Fantasie! Der Aufstieg zur Kirche führt über eine lange, überdachte Treppe - zu beschwerlich für Alte und Kranke. Sie mussten und müssen unten bleiben.

Im Inneren der Kirche ist ein Flügelaltar zu bewundern, der den ganzen Chor ausfüllt und auf 28 Tafeln Szenen aus dem Leben Marias darstellt. Schließt man den Altar, finden sich auf seinen Außenseiten Abbildungen vieler Heiliger und Märtyrer.

Biertan liegt in dem traditionellen Weinanbaugebiet Podgoria Târnavelor. Wein und Honig werden in unterschiedlichen Qualitäten und Geschmacksrichtungen an den wenigen Verkaufsständen angeboten.

"Wir verkommen uns gut mit allen Nachbarn", meint Johann zum Verhältnis Rumäniens mit seinen Anrainerstaaten. Er spricht eigentlich gut Deutsch, sorgt aber immer wieder für Heiterkeit mit unbewussten sprachlichen Verdrehern.

Dann liefert Johann uns ein paar statistische Daten zu seinem Land: Das Durchschnittseinkommen liegt bei 500- 600 €, das Mindesteinkommen bei 200 €. Sozialhilfe gibt es auch, aber max. 300 € und nur für einige Monate. Am Ende der Einkommensskala stehen die Lehrer und Uni- Professoren sowie die Ärzte und Krankenschwestern. Das führt dazu, dass die Mehrheit dieser Berufsgruppen besser bezahlte Beschäftigung in den anderen EU-Ländern sucht. Im letzten Jahr, also 2015, sollen allein 200.000 Rumänen nach Deutschland gekommen sein um hier zu arbeiten. Bisher sind schon 4 Mio. Rumänen ausgewandert, die Restbevölkerung zählt nur noch 18 Mio. Menschen. Die teilen sich in 10 % reiche und 90 % arme Rumänen. Es gibt keine Mittelschicht. Wie soll das gutgehen?

Auf der Weiterfahrt erreichen wir Sighisoara (Schäßburg), bekannt als das Rothenburg Rumäniens. Mitten in der Unterstadt liegt auf einem Hügel eine mittelalterliche Zitadelle, die von einer 8 m hohen Mauer umgeben ist. Den Burgberg erreichen wir über die steile Turmstrasse und den Uhrturm, der auch das mächtige Haupttor zur Oberstadt bildet. Wie in Hermannstadt gibt es auch in Schäßburg Verteidigungstürme der Zünfte. Hier waren es ursprünglich sogar 14 Wehrtürme, von denen bis heute noch 9 erhalten sind, einer imposanter als der andere.

Während eines kurzen Stadtrundgang laufen wir bis zum Burgplatz, dem früheren Marktplatz mit dem Casa cu Cerb, dem alten Wirtshaus mit dem Hirschgeweih an der Außenfassade. Vor langer Zeit hatte der Wirt das Geweih als Erkennungszeichen für Verabredungen angebracht.

Etwas weiter treffen wir auf das angebliche Geburtshaus von Vlad Tepes Draculea. Im Erdgeschoß dieses mehrgeschossigen Hauses befindet sich eine Kneipe, von der aus man über eine steile Treppe das abgedunkelte OG erreicht. Dort wartet "Dracula" in seinem Sarg auf die neugierigen Besucher. Ab und zu erhebt er sich und erschrickt die Touris. Das kehre ich gleich mal um und erschrecke Dracula... Passiert ihm wohl auch nicht sehr oft. Johann hat sich inzwischen abgeseilt und ein schattiges Plätzchen in einer nahen Kneipe aufgesucht.

Eine rumänische Schulklasse - oder ist es ein Waisenheim? - macht einen Ausflug nach Schäßburg und gibt auf der Strasse ein Chorkonzert mit fröhlichen rumänischen Volksweisen.

Einige Zigeuner und Obdachlose fallen im Straßenbild auf. Johann hat die Gruppe gewarnt, "nicht offen mit der Geldbörse herumzuhantieren".

Wir setzen die Fahrt fort nach Targu Mures, dem Hauptort des "ungarischen Rumäniens", wo wir die Nacht im Hotel Continental verbringen.  


Di, 21.06.2016: Bistrita - Bukovina

Nach dem Frühstück wollen wir uns noch ein wenig die Altstadt von Targu Mures ansehen. Aber Johann hat offenbar keine große Lust Siegesplatz mit Palast der Präfekturauf eine Führung am Morgen. Er lässt den Busfahrer am Siegesplatz anhalten und deutet auf den repräsentativen Kulturpalast, der Anfang des 20. Jh. erbaut wurde. Etwa zur gleichen Zeit wurden auch das Rathaus und der Palast der Präfektur errichtet. Diese drei Gebäude umrahmen den Siegesplatz, auf dessen Mitte ein Denkmal von Romulus und Remus mit der säugenden Wölfin steht - als Zeichen der Verbundenheit mit dem einstigen römischen Imperium.

Weiter gehts nach Bistrita, wo wir die berühmte evangelische Kirche besichtigen. Seit einigen Jahren kann man mit einem Fahrstuhl auf den Glockenturm fahren, was wir natürlich auch machen. Die Liftkabine wird von einem Liftgirl bedient. Hier oben hat man einen spektakulären Blick über die Stadt. Die Kirche wurde im 15. Jh. in gotischem Stil mit dem 75 m hohen Turm errichtet.

Wir fahren über den Tihuta-Pass durch die Ostkarpaten, die im Winter ein beliebtes Skigebiet sind. Die Vermarktung von Dracula treibt hier besondere Blüten. So gibt es im Bargau- Tal das Hotel Castel Dracula, das durch seine Bauweise dem Namen Ehre zu machen versucht. Gruselige Events finden hier aber seit den 1980er Jahren nicht mehr statt, weil damals ein kanadischer Gast vor Aufregung an einem Herzinfarkt verstarb. Dafür hat sich in unmittelbarer Nähe ein Straßenmarkt mit Andenken und jedem denkbaren Kitsch fest eingerichtet. Schließlich halten hier viele, viele Busse und die Touris wollen Geld ausgeben.

Unsere Tagesetappe geht weiter in den nördlichen Teil der Moldau, die Bukovina.

Das heutige Hotel ist das Carmen Silvae in Voronet. Hier ist noch vor wenigen Tagen nach anhaltenden Regenfällen der örtliche Bach wie ein reißender Strom durch den Ort geschossen und hat eine große Verwüstung verursacht. Deren Folgen konnten natürlich noch nicht beseitigt werden. Das in unmittelbarer Nähe zum Bach liegende Hotel war offensichtlich nicht betroffen. Zumindest sehen wir keine Schäden. Wir sind die einzigen Gäste.

Unserer Greisin behagt wieder irgendetwas nicht, so dass sie anfängt, einzelne Mitreisende mit spitzen Bemerkungen zu provozieren. Dabei schießt sie schon mal übers Ziel hinaus. Ich bemühe mich immer, auf Gruppenreisen, bei denen sich die Teilnehmer vorher nicht kennen, weder Konflikte zu provozieren noch sie zu fördern. Schließlich ist man für die Dauer der Reise auf Gedeih und Verderb auch mit dem größten Miesepeter als Reisepartner zwangsliiert. Und ich will mir eine Gruppenreise nicht durch andere verderben lassen. Nur ganz selten funktioniert dieser Vorsatz nicht...

Deutschland steht nach dem Sieg über Nordirland im Achtelfinale der Fussball-EM.


Mi, 22.06.2016: Moldauklöster 

Eigentlich soll es ab 8:00 Uhr Frühstück geben, aber das Küchen- und Servicepersonal ist noch nicht da. Also verzögert sich alles um eine halbe Stunde. Na ja, wir sind halt auf dem Balkan.

Unsere Fahrt geht durchs Moldautal, wo noch viele Bauern mit ihren Pferdefuhrwerken auf den Straßen unterwegs sind. Zu dieser Zeit sind die Wagen ausschließlich mit Heu beladen, das zu den Gehöften gefahren wird. Am Wegesrand werden Steinpilze, Erdbeeren und Himbeeren verkauft. Im Gegensatz zu anderen Karpatenregionen werden hier auf den flacheren Hügeln Kühe statt Schafe gehalten.

Der Tag steht im Zeichen der Moldauklöster. Zunächst besichtigen wir das Nonnenkloster Moldovita (Weltkulturerbe), berühmt für seine Außenwandmalereien. Die Nonne Tatjana spricht recht gut deutsch. Sie erzählt uns vom Alten und Neuen Testament, von Gott, Teufeln und den Heiligen. Und von Himmel, Fegefeuer und Hölle, alles sehr eindrucksvoll auch auf den Außenwänden der Klosterkirche dargestellt. Die Menschen müssen damals in Furcht und Schrecken vor ihrem Ende gelebt haben. Das war wohl ganz im Sinne der Religion, deren unbarmherzigster Teil die Sünde war und ist. Das Kloster wurde 1532 von einem unehelichen Sohn von Ștefan cel Mare, dem hochverehrten Moldaufürsten, gestiftet.

Die vielen Namen rauschen an uns vorbei. Tatjana ist eine resolute Frau Mitte 50. Sie trägt die schwarze orthodoxe Nonnentracht. Schwarzes, gebundenes Kopftuch, darüber eine oben abgeflachte Haube, langer Rock, geknöpfte Jacke über schwarzer Bluse. Und dieses Habit muss sie auch bei der derzeitigen Hitze tragen. Wir haben während der gesamten Rundreise Temperaturen zwischen 32° und 36° C.

Am Eingang der Klosteranlage fällt mir eine junge Nonne auf, die recht gelangweilt Tickets fürs Fotografieren an die Besucher verkauft.

Wir setzen unsere Klostertour fort mit dem Besuch des Klosters Voronet, wegen seiner außergewöhnlichen Fresken auch "Sixtinische Kapelle" Rumäniens genannt. Die Malereien gelten als brilliantes Beispiel byzantinischer Ästhetik, vermischt mit lokaler Volkskunst, Mythologie und biblischen Bezügen, ein Bilderbuch für das Volk. Voronet ist das berühmteste aller Moldauklöster, eine Spende von Stefan del Mare, genannt Stefan der Große. Stefan regierte insgesamt 47 Jahre. Während dieser Zeit stiftete er nach jeder Schlacht eine Kirche oder ein Kloster, nach Niederlagen immerhin noch eine Kapelle.

Mittagessen gibt es laut Johann heute beim "Bauern" in Voronet. Tatsächlich handelt es sich aber nicht um einen Bauernhof, sondern eine parkähnliche Anlage mit überdachter Außenterrasse und großem Gastraum. Wir sind die einzigen Gäste. Es gibt frische Steinpilze, wahlweise mit Knoblauchpürree oder Sahnesauce. Auch diverse Suppen stehen zur Auswahl. Alles sehr wohlschmeckend! Johann haut den nächsten Versprecher raus: "Jeder bestellt was er will und bezahlt was er will". Ja dann...

... geht es weiter zum Kloster Neamt mit einer der ältesten Mönchsgemeinschaften des Landes. Die Marien- Ikone vor der Ikonostase soll Wunder bewirken und wird von den Gläubigen innig geküsst. Der Ikone wird eine große spirituelle Wirkung auf die Gläubigen zugesprochen. Und wirklich, hier ist einer der wenigen Orte auf der Welt, an denen ich die Existenz einer göttlichen Kraft spüre.

Eine Gruppe mehrfach behinderter Kinder wird von ihren Betreuern liebevoll begleitet. Die menschenverachtende Behandlung geisteskranker Patienten in den ehemaligen Ostblockstaaten scheint heute hoffentlich vorbei zu sein.

Wir übernachten in Piatra Neamt.


Do, 23.06.2016: Ostkarpaten - Poiana Brasov

Durch die Ostkarpaten fahren wir über den wildromantischen Gebirgspass Bicaz- Klamm. Verkaufsstand in der KlammDie teilweise nur 6 m breite Schlucht ist faszinierend und lohnenswert. Die Felswände links und rechts sind bis zu 100 m hoch. Hier kommt das Sonnenlicht kaum herunter bis auf die Straße. An einigen Stellen gibt es kleine Verkaufsstände, an denen Snacks und Souvenirs wie Holzmasken oder Spitzendeckchen angeboten werden.

Wir machen einen Stopp am Roten See (Lacu Rosu), der seinen Namen einem Erdrutsch von eisenhaltigem Felsen verdankt. Ich kann aber keine rötliche Verfärbung feststellen. Johann empfiehlt im dortigen Seerestaurant Mici oder Mititei vom Grill zu bestellen. Es sind rumänische Cevapcici, deren Fleischteig Speisesoda zugefügt wurde. Die seien wirklich gut, sagt Johann. Ich bestelle sie und bekomme angekokelte Fleischröllchen serviert. Na ja, sie sind landestypisch und schmecken wirklich gut ...

Am Parkplatz steht ein Büdchen, an dem Kürtöscolacs angeboten werden. Das ist ein auf hözerne Zylinder gerollter und über Holzkohle gegrillter Kuchenteig, der dabei wie ein Spanferkel immer wieder gedreht wird. So gart er gleichmäßig. Das kartuschenähnliche Endprodukt wird mit Nüssen, Zucker, Kokos etc. veredelt und ist besonders bei Kindern heißbegehrt.

Weiter geht es durch die Region Harghita, das Széklerland, wieder zurück nach Siebenbürgen. Die Székler - ich verstehe anfangs immer "Segler" - sind direkte Nachfahren der Hunnen und sprechen auch heute noch ungarisch. Sie fordern Autonomie für ihr Siedlungsgebiet, aber das ist wohl ein schöner Traum für sie.

Auf den bis zu 300 km langen Tagesetappen wird öfter eine Toilettenpause an den wenigen Tankstellen eingelegt. Dort verproviantiert sich unser Reiseleiter Johann immer mit kühlem Dosenbier, das er während der Fahrt trinkt. Seine Erläuterungen zu Land und Leuten in Rumänien sind dagegen eher spärlich. Er beschränkt sich auf das Nötigste und reagiert unwirsch, wenn jemand ihn etwas fragt, von dem er schon mal erzählt hat. Bei Johann hat man nicht den Eindruck, dass ihm sein Job wirklich Spaß macht, sondern eher ein notwendiges Übel für einen Zusatzverdienst ist.

Heute schlägt er gegen eine kleine Gebühr von 20 € p.P. ein Zusatzprogramm vor, einen Abstecher zur Kirchenburg von Harman (Honigberg) sowie morgen die Besichtigung von Schloss Peles. Wir sind einverstanden. Allerdings hätten diese lohnenswerten Abstecher auch Programmbestandteil der Ikarus- Reise sein können.

Der deutschsprachige Burghüter in Honigberg erzählt uns im Zeitraffer die Geschichte der Kirchenburg, eine der am besten erhaltenen Wehranlagen der Siebenbürger Sachsen im Burzenland. Sie konnte von keinem Feind erobert werden. Die Bezeichnung Burzenland kommt übrigens von Wurzel (sinnbildlich für die umliegenden Dörfer, die die Stadt ernährten), Burzen ist eine sächsische Verfremdung.

Die Besichtigung dieser Kirchenburg ist sehr empfehlenswert.

Ursprünglich war sie den Kreuzrittern als Wohnstatt zugewiesen worden, doch als diese sich ausbeuterisch gegenüber der Landbevölkerung aufführten, verwies sie der König kurzerhand des Landes und übergab die Wehrkirche den Zisterziensern. Die Mönche durften nach der Ordensregel nicht heizen, auch im Winter nicht, weshalb sie ersatzweise im Übermaß dem Alkohol zusprachen. Die Folge ihrer Trunkenheits- Exzesse war, dass auch sie ausgewiesen wurden und nun die Leute von den Höfen ringsum die Kirchenburg als Flucht- und Wehrburg in Besitz nahmen.

In Poiana Brasov ist das Hotel Bradul unser heutiges Etappenziel. Es liegt in einem Skigebiet mitten im Wald. Zum Abendessen sitzen wir in einem gemütlichen Kellerlokal des angrenzenden Sporthotels. Uns schmeckt das vorzügliche Bier im nördlichen Balkan - und das Karpatenwasser.


Fr, 24.06.2016: Brasov - Burg Bran

Brasov (Kronstadt), war einst ein Mittelpunkt der deutschen Minderheit in Rumänien. Wir machen einen Rundgang durch die gut restaurierte Altstadt. Hier treffe ich auch auf eine offenbar nach einem Vorfahren von mir benannte Straße "STR" steht hier übrigens für Strada.

Das wichtigste historische Bauwerk der Stadt ist sicher die sogenannte Schwarze Kirche, die Pfarrkirche der Kronstädter Honterus- Gemeinde, ehemals der Heiligen Jungfrau Maria geweiht. Der Reformator und Universalgelehrte Johannes Honterus war wohl der berühmteste Sohn der Stadt. Seine Statue steht vor der Kirche. Er begründete 1541 das vor der Kirche liegende humanistische Gymnasium, das damals zu den fortschrittlichsten in Europa gehörte.

Die Schwarze Kirche erhielt ihren Namen nach einem Stadtbrand 1689, der die Außenmauern der größten gotischen Kathedrale Südosteuropas schwarz färbte. Das starke Feuer - unser Johann spricht von einem "Feuerbrand" - hat damals sogar die Glocken im Turm zum Schmelzen gebracht. Österreichische Truppen hatten den Brand gelegt, der die Stadt in Schutt und Asche legte. Es dauerte fast bis in die heutige Zeit bis man die Kirche wieder aufgebaut und vollständig restauriert hatte. In ihrem Inneren ist eine wertvolle Sammlung anatolischer Teppiche zu bewundern, die die Kronstädter Kaufleute von ihren Reisen auf der Seidenstrasse mitbrachten und der Kirche schenkten.

Auch das alte Rathaus und die orthodoxe Kirche sind sehenswerte Bauwerke in Brasov.

Was ich noch nicht erwähnt habe: Die Siebenbürger Sachsen duldeten in ihren Städten nachts keine Fremden, ob aus Standesdünkel oder aus Sicherheitserwägungen weiß ich nicht. Jedenfalls mussten sich selbst die Rumänen vor den Stadtmauern ansiedeln. Tagsüber durften sie die Stadt betreten und ihre Waren anbieten, abends mußten sie die Stadt verlassen. Verstöße wurden mit dem Zwinger oder Schlimmerem bestraft. Die Siebenbürger Städte hatten nämlich das Recht der Blutgerichtsbarkeit inne, d.h. sie konnten bei schweren Verbrechen die Todesstrafe verhängen. Erkennbar war das an bestimmten Zeichen wie den 4 Türmchen, die die Ecken des Rathauses zierten.

Nun beginnt unser "Draculaprogramm". Wir fahren zur Burg Bran (Törzburg), die wildromantisch auf einem Felsvorsprung thront. Sie wird auch Draculas Schloß genannt, obwohl das historische Vorbild der Romanfigur, Fürst Vlad Tepes, nie in diesen Gemäuern gelebt hat. Die Burg Bran kommt aber der Kulisse von Polanskis Film "Tanz der Vampire" am nächsten. Das Schloß aus dem 14. Jh. sieht schon ein wenig wie ein Vampirschloß aus - oder was man sich so darunter vorstellt. Werden wir wie in der Rocky Horror Picture Show auf die Jahresversammlung der "transsexuellen Transsylvanier" treffen?

Bestimmt nicht, denn hier hat sich vor der Burg eine einzige Kirmes etabliert mit einer großen Zahl von Andenkenbuden und Freßständen. Johann bleibt unten in einem Bierlokal zurück und schickt uns mit festem Rückkehrzeitpunkt hinauf in die Burg.

Rumänien ist die Wiege des Vampirismus. So jedenfalls scheint es. Bram Stokers Dracula hat ein historisches Vorbild, den Fürsten Vlad III Draculae, auch Vlad Tepes genannt. Dessen Spezialität war das Pfählen seiner Feinde, eine der grausamsten Hinrichtungsmethoden seiner Zeit, wodurch er einen ganz üblen Ruf erwarb. Stokers Dracula hingegen war oder ist der berühmteste Vampir der Welt und nicht ein Henker.

Man kennt hier auf dem Land nicht den Begriff "Vampir", dieses nachtaktive Wesen mit auffälligen Eckzähnen, sondern nur den Strigoi, ein Wesen aus der rumänischen Mythologie - ein Untoter, Wanderer zwischen den Welten, Wiedergänger zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich. Der Strigoi erschrickt das Vieh und bringt Krankheit und Unordnung in das Leben seiner Verwandten. Die Bluttrinkgeschichten der Vampire gehören eher zum Horror. Der Strigoi macht sowas nicht. Doch die Furcht vor den Untoten ist groß.

Möglicherweise hängen die vielen Geschichten von den Wiedergängern mit den noch heute gebräuchlichen Beerdigungsriten zusammen. Der Sinn einer Beerdigung ist es nach rumänischem Glauben, dem Verstorbenen zu helfen "sicher auf die andere Seite zu kommen". Insgeheim befürchten viele noch immer, dass sich die Seele in einen Strigoi verwandeln könnte. Deshalb gibt es viele Riten um dies zu verhindern.

Im Prahova- Tal machen wir einen Abstecher nach Sinaia zum Schloß Peleș, der Sommerresidenz König Carol I. Es wurde im späten 19. Jh. errichtet und ist sicher das schönste und zugleich modernste Schloß Rumäniens. Es verfügt über eine Zentralheizung, Aufzüge und Telefon und war schon damals voll elektrifiziert. So konnte z.B. das Glasdach der Ruhmeshalle elektrisch aufgefahren werden - wie heute in der Arena auf Schalke! Selbst ein Kinosaal ist im Schloß vorhanden. Der prunkvolle Innenausbau zeugt von unglaublicher Dekadenz.

Auf dem Rückweg zum Busparkplatz erwischt uns ein ausgiebiger Gewitterschauer, der einzige während unseres 2-wöchigen Aufenthaltes auf dem nördlichen Balkan.

Wir setzen die Fahrt fort nach Bukarest, wo es ein Abendessen in einem "typischen Restaurant mit Folkloreprogramm" gibt. Das Lokal Old Sibiu ist leider nicht klimatisiert und schon bald wird es unangenehm warm. Wieder einmal sind wir die einzigen Gäste.

Ein Akkordeonspieler gibt berühmte rumänische Weisen wie "Rosamunde" oder "Rote Lippen soll man küssen" zum besten und zwei junge Paare in Folkloretracht tanzen dazu vor unseren Tischen. Doch das dauert nicht allzu lange, da sich einer der beiden Männer bei einem Sprung verletzt, was zum Abbruch der Tänze und der Musikbegleitung führt.

In der Hotelbar des Double Tree Unirii Square, das zur Hilton Gruppe gehört, treffe ich einen älteren Engländer. Wir haben 2 Themen, die Fussball-EM und den "Brexit". Das Referendum hat in GB vorgestern stattgefunden und 52 % der Briten haben für den Austritt aus der EU gestimmt. Mein Gesprächspartner an der Bar auch. Seine Gründe erläutert er mir bei einigen Drinks. Er sei die "Bevormundung" durch die EU leid, deren aktuelle Flüchtlingspolitik, und dass GB zu den Nettozahlern der EU gehöre. Boris Johnson's und Nigel Farage's Stimmungsmache haben bei ihm verfangen.

Doch die Protagonisten der Austritts werden kurz nach dem Referendum ihren Rücktritt von allen politischen Ämtern erklären und viele Briten ihr Votum für den EU-Austritt bereuen. So schnell wie er zurücktritt, ist Boris Johnson dann aber unter der neuen Ministerpräsidentin Theresa May als gekorener Außenminister wieder an Bord... Crazy Brits!


Sa, 25.06.2016: Bukarest

Vormittags steht eine Stadtrundfahrt durch Bukarest, einst auch "Paris des Ostens" genannt, auf dem Programm. Wir sehen u.a. den völlig überdimensionierten Parlamentspalast und den Revolutionsplatz.

Nicolae Ceausescu war von 1965 bis 1989 Generalsekretär des ZK der rumänischen Arbeiterpartei und Staatspräsident, selbsternanntes "Genie der Karpaten" und "Führer" des Landes. Er ließ in Rekordzeit das "Haus des Volkes", den größten Parlamentspalast der Welt mit 5.100 Zimmern auf 364.400 qm Nutzfläche errichten. Das Gebäude ist unglaubliche 3 km lang! Sein Volk ließ das Genie hungern um Auslandsschulden zurückzuzahlen. Große Teile der historischen Altstadt wurden für die Monumentalbauten und den "Boulevard der Einheit" abgerissen und deren Bewohner in Plattenbauten zwangsumgesiedelt. Caucesco hatte sich von seinem Diktator- Kollegen Kim Il-Sung in Nordkorea inspirieren lassen, zu welchen Leistungen das Volk in einer Diktatur fähig sein kann - bzw. wozu es gezwungen werden kann.

Er verfolgte Kritiker und Intellektuelle mit der berüchtigten Geheimpolizei Securitate und ließ die meisten von ihnen beseitigen. Seine Diktatur endete 1989 nach einem Volksaufstand, in dessen Folge er und seine Frau Elena ohne Prozeß zum Tode verurteilt und standrechtlich erschossen wurden.

"Mit dem jungen Rumänien geht es aufwärts," meint Johann, "wir werden sehen wie weit."

Wir laufen hoch zur Patriarchenkirche, dem Sitz des orthodoxen Oberhauptes des Landes. Seit 2007 ist das der Patriarch Daniel Ciobotes.

Beeindruckend sind die Fresken vom Jüngsten Gericht und der Hölle. Bis zur Wende gab es in Bukarest schon weit mehr als 300 Kirchen. Danach wurden viele weitere Kirchen gebaut. Die orthodoxe Kirche Rumäniens hat großen Zulauf.

Johann gibt der Gruppe "Freizeit", was nichts anderes heißt, als dass er die Leute sich selbst überläßt während er das berühmte Caru' cu bere ("Bierwagen") aufsucht, eine historische Bierhalle (seit 1879), die für seine Micis berühmt ist. Ich folge ihm. Nach und nach treffen wie von einem Magneten angezogen auch die Mitreisenden hier ein. Leider gibt es kein Hausbräu. Die Micis wären sehr gut, sagt Ioan. Er muss es wissen, denn Micis sind seine Leib- und Magenspeise. Auch an den Nebentischen werden die Hackröllchen mit frittierten Kartoffelschnitzen zahlreich serviert und genossen. Aber es ist erst 11:00 und außer Johann hat keiner von uns schon Hunger. Das soll sich rächen.

Mittags brechen wir auf Richtung Osten über Harsova nach Tulcea, dem "Tor zum Donaudelta." Wir durchfahren die Tiefebene der Walachei, die Kornkammer des Ostens mit ihren endlosen Weizenfeldern. Natürlich werden hier auch andere Feldfrüchte angebaut. Die Walachei geht in die Region Dobrudscha, auch Dobrogea genannt, über. Es ist die östlichste Region Rumäniens, die mit dem Donaudelta am Schwarzen Meer endet.

Die heutige Fahrtetappe ist besonders lang und Johann hat uns nicht darauf hingewiesen, dass wir keine Mittagsrast einlegen werden. Jetzt verstehen wir auch, warum er sich schon am Vormittag an den Micis gelabt hat. Für uns bleiben da nur Kekse und Schokoriegel von der Tanke.

Unser Hotel in Tulcea, das Delta Hotel, ist riesig und liegt direkt am Donau- Ufer. Es hat mehrere große Säle, die auch als Restaurants genutzt werden. Neben unserer kleinen Gruppe sind aber nur noch wenige weitere Gäste im Hotel, so dass man sich - wieder einmal - verloren vorkommt.


So, 26.06.2017: Ausflug Donaudelta

Wir machen einen ganztägigen Ausflug per Schiff ins Donaudelta, einem riesigen Fisch- und Vogelparadies. Ca. 150 Fischarten bevölkern Lagunen und Küstengewässer, darunter bis zu 200 kg schwere Welse. Über 300 Vogelarten nisten in der größten Schilflandschaft der Erde. Es gibt viele Reiher, Kormorane und Pelikane, Enten und Blässhühner. In dem Labyrinth von Kanälen und Seen des Deltas leben auch ca. 13.000 Menschen auf kleinen Inseln. 

Unser Boot wird von Mitarbeitern des Delta Hotels bewirtschaftet. Das einfache Mittagsmenue wiederholt sich leider fast 1:1 am Abend als Dinner im Hotelrestaurant.

Auch drei orthodoxe Nonnen machen den Ausflug mit. Eine von ihnen erkenne ich wieder. Sie hat im Kloster Moldovita die Tickets fürs Fotografieren verkauft. Das Kloster ist einige hundert Kilometer entfernt...

Das langsam dahingleitende Ausflugsschiff wird fortwährend von lauten Schnellbooten überholt, die große Wellen an die unbefestigten Ufer werfen. Zudem sieht man immer wieder Camper an den Kanalufern, die sich mit Grill und Campingmöbeln dort eingerichtet haben. Mir will es nicht recht einleuchten, wie das mit dem erklärten Biosphärenreservat (und UNESCO Weltkulturerbe) harmoniert und warum das nicht rigoros unterbunden wird. Aber vielleicht ist das ja auch nur auf bestimmten Kanälen erlaubt und wir haben das nicht mitbekommen. Reiseleiter Johann hat sich inzwischen mit unserem Busfahrer verbündet, der heute ja einen freien Tag hat. So können die beiden gemeinsam dem guten rumänischen Bier zusprechen... Sei es ihnen gegönnt.

Am späten Nachmittag sind wir wieder zurück in Tulcea. 

Deutschland schlägt die Slowakei mit 3:0 und steht im Viertelfinale der Fussball-EM.


Mo, 27.06.2016: Tulcea - Constanta - Varna

Constanta, die größte rumänische Hafenstadt am Schwarzen Meer, ist unser nächstes und letztes Ziel in Rumänien. Die Temperatur ist schon am Vormittag schnell auf weit über 30° C angestiegen. Wir beschränken die vorgesehene Stadtbesichtigung auf ein kurzes Intermezzo mit den Ruinen der alten Festung, schlendern vorbei an der Orthodoxen Kathedrale und dem Casino an der Hafenpromenade. Höhepunkt des Besuchs in Constanta ist dann das Archäologische Museum mit seiner Schatzkammer. Hier finden sich wertvolle Funde aus der Zeit der Römer als Constanta noch Tomis hieß. Ein besonderes Schmuckstück ist die sog. "Schlange von Glykon", die einen Kopf mit menschlichen Zügen hat. 

Vor dem Museum steht das Denkmal des römischen Dichters Ovid, der wegen seiner staatskritischen Äußerungen nach Tomis verbannt wurde. Und direkt neben dem Museum ist unter einem schützenden Dach das größte erhaltene römische Mosaik der Welt zu bestaunen. Von ursprünglich 2000 qm sind immerhin noch 850 qm erhalten, auf denen geometrische Muster und florale Elemente dargestellt werden. Leider sind die Mosaiksteine schon stark verblasst

Am anderen Ende des Platzes vor dem Museum finden sich zahlreiche Restaurants mit sonnenbeschirmten Außenplätzen. Hier rasten wir heute mittag. Ich entscheide mich für ein ausgezeichnetes Pastagericht mit frischen Meeresfrüchten.

Unsere Rundreise durch Rumänien endet an der nahen Grenze bei Vama Veche. Die Pässe werden eingesammelt und von den Grenzern kontrolliert. Wir wechseln Bus und Reiseleitung für unsere Weiterfahrt nach Bulgarien.

------------------------------------------------------------------------------------------------

Das ist meine Reiseliteratur- Empfehlung für Rumänien:

Während meines Aufenthaltes in Rumänienhabe ich zahlreiche Informationen zu Land und Leuten, Sitten und Gebräuchen, in dem Band "Rumänien" von Joscha Remus aus der Reise-Know-How Reihe gefunden. Er ist mit 750 Seiten recht umfangreich und in dieser Ausführlichkeit konkurrenzlos. Unbedingt empfehlenswert!

Hier gehts zurück zur Startseite: www.travelhomepage.de (falls es mit dem Slide-In-Menü am linken Rand nicht klappen sollte...)