Nach dem ersten Teil unserer Rundreise durch den nördlichen Balkan haben wir nun die Grenze von Rumänien nach Bulgarien überquert und Bus und Reiseleitung gewechselt. Ab jetzt führt uns die sympatisch resolute Bulgarin Viara Mitkova, die auch gleich mit ausgiebigen Erklärungen zu ihrem Heimatland beginnt.

Bulgarien ist das ärmste Land der Europäischen Union, Korruption in der Wirtschaft und korrupte Politiker sind das größte Problem des Landes. Durch Bulgarien zieht sich ein Bergrücken, der einer ganzen Region den Namen gibt - der Balkan. Wir werden noch viele Detailinformationen von Viara bekommen. Sie schlägt vor, dass wir sie Vera nennen. Die Bedeutung beider Namen sei identisch.

Unser Ziel ist die Stadt Varna am Schwarzen Meer.

Ich habe ein gesundheitliches Problem. Das Unterlid meines linken Auges ist angeschwollen. Vera begleitet mich nach dem Einchecken ins Hotel in eine kleine bulgarische Apotheke, deren Inhaberin sie kennt. Das rechne ich ihr hoch an. Vera dolmetscht und ich bekomme ohne ärztliche Verschreibung eine entzündungshemmende Augensalbe. Medikamente sind auf dem Balkan spottbillig.

England verliert sensationell mit 1:2 gegen Island und scheidet im Achtelfinale der Fussball-EM aus.


Di, 28.06.2016: Varna - Nessebar

Das Restaurantpersonal des Golden Tulip Hotels vermittelt noch die alte Ostblock-Mentalität. Genau Punkt 7 Uhr wird der Frühstückssaal freigegeben für die ersten drei Gäste, die schon ein paar Minuten vorher auf den Einlaß warten - sozialistische Planerfüllung oder Gästegängelung durch das Personal?

Der Vormittag beginnt mit einem kleinen Stadtrundgang in Varna. Wir besichtigen die römischen Thermen und die Kathedrale, deren Fresken gerade restauriert werden. In der Mitte der Kuppel ist ein großes Gerüst für die Restauratoren errichtet. Am Anfang einer Reise zündet man eine Kerze an, sagt man in Bulgarien. Also mache ich das auch und hoffe, dass es zu einem tollen Klima in unserer kleinen Reisegruppe beiträgt.

Höhepunkt unseres Rundgangs ist wohl unstrittig der Besuch des Archäologischen Museums mit dem berühmten "ältesten Gold der Welt". Natürlich gilt absolutes Fotografierverbot.

In den 1970er Jahren ist man in der Umgebung auf uralte Gräber gestoßen, die insgesamt mehr als 5 kg Goldschmuck enthielten, Tausende von Ketten, Armreifen, Broschen und Applikationen... Archäologen datieren den Fund zurück in die Jungsteinzeit - 4.500 Jahre v.Chr.. Erst 2.500 Jahre später gibt es erste Lebenszeichen von den Thrakern, den ältesten bekannten Vorfahren der Bulgaren. Damit ist der Goldschatz von Varna das älteste bearbeitete Gold, das man je gefunden hat, älter als das Gold der Inkas und der Azteken.

Mit dem Bus geht es an die Schwarzmeerküste nach Nesebar (UNESCO-Welterbe). Wir passieren den 15 km langen, "Sonnenstrand" genannten Küstenabschnitt zwischen Elenite und Nesebar, der dicht an dicht mit unzähligen Hotels, Apartmenthäusern und Restaurants bebaut wurde. Nördlich von Varna gibt es einen weiteren Hotelstrand dieser Art, den "Goldstrand". Auch an den europäischen Mittelmeerküsten sind ja viele Beispiele für solch hemmungslose Bausünden zu finden. Es ist also keine bulgarische Besonderheit.

Nesebar war in der Antike ein griechischer Handelsplatz. Die Kleinstadt liegt auf einer Halbinsel, die durch eine etwa 400 m lange enge Landzunge mit der Küste verbunden ist. Wir spazieren durch die Altstadt mit ihren unzähligen Kirchen und Kirchenruinen. Von den ehemals 40 Kirchen der kleinen Stadt haben nur zehn die Türkenherrschaft überstanden.

Gegen Abend kehren wir zurück nach Varna. Was Johann in Rumänien aus Bequemlichkeit und Unlust zu wenig erzählt hat, scheint Vera jetzt in Bulgarien sehr detailreich kompensieren zu wollen. Manchmal ist es ein wenig zuviel. Kein Thema scheint ihr fremd zu sein, zu allem hat sie etwas zu berichten. Aber immer auf eine nette Art.

Wussten Sie, dass das Kyrillische Alphabet in Bulgarien entstanden ist? Kyrill von Saloniki, der angebliche Schöpfer dieser Schrift, lebte 100 Jahre früher bevor sie am Hofe des bulgarischen Zaren Mitte des 10. Jh. nachweislich entwickelt wurde. Darauf ist man in Bulgarien stolz und verweigert bis in jüngste Zeit die Übernahme des lateinischen Alphabets für die bulgarische Sprache - eine große Hemmschwelle in der Europäischen Union.

Wir speisen in einem der besten Restaurants der Stadt, das auch für seinen hervorragenden Weinkeller bekannt ist. Leider erfahren wir das erst nach dem Verlassen des Lokals. Wir hätten sonst sicher hier kein Bier, sondern Wein bestellt. Als Dessert zum heutigen Abendessen wird uns ein Eclaire serviert, ein mit Vanillecreme gefülltes und mit Schokolade überzogenes Gebäck aus Brandteig. Sensationell lecker!


Mi, 29.06.2016: Pliska - Arbanassi

Heute morgen geht es weiter Richtung Westen, vorbei an der ersten Hauptstadt Bulgariens - Pliska, ehemals Standort einer mächtigen Zitadelle und von drei Schutzgürteln umgeben, heute nur noch ein Ruinenfeld.

An der Straße nach Shumen steht eine originalgetreue Nachbildung des "Reiters von Madara", des Felsreliefs, auf dem sich ein Khan aus dem 8. Jh. in Lebensgröße auf seinem Pferd und mit Hund verewigen ließ, wie er sich mit einer Lanze eines Löwen erwehrt (seit 1979 Weltkulturerbe). Einen Abstecher zum Original müssen wir aus Zeitmangel auslassen. Nach dem, was man hört und liest, ist das Original aber schon sehr stark verwittert.

Eine Weinprobe auf einem Weingut steht bevor. Nach einer kurzen Führung werden uns die Erzeugnisse des Familienbetriebs kredenzt. Der Wein ist nicht unbedingt mit unserem durch deutsche und mediterrane Erzeugnisse geprägten Geschmack kompatibel. Mir schmeckt allerdings der angebotene Wermut, der hier in großen Mengen erzeugt wird. Ich nehme eine Flasche davon mit nach Hause.

Vera hat von einer Kollegin einen Tipp bekommen, wo wir in einem hübschen Gartenlokal einen Mittagsimbiss zu uns nehmen können. Frau H., die wir ja schon im ersten Teil der Reise durch Rumänien kennengelernt haben, ist gegen diese Fahrtunterbrechung. Sie hat keinen Hunger. "Wegen Ihnen müssen wir jetzt hier essen. Keiner wollte etwas, nur Sie!" gibt die 87-jährige schwerhörige Greisin mir vorwurfsvoll und bösartig zu verstehen. Sie hat die Tatsache, dass alle eine Kleinigkeit essen wollen, nur sie selbst nicht, kurzerhand inhaltlich auf links gezogen. Die Kerze aus der Kathedrale von Varna scheint leider nicht geholfen zu haben...

Auf der Weiterfahrt geraten wir auf einer Umleitungsstrecke in einen Stau. Polizisten haben nach einem Verkehrsunfall bei der neuen Streckenführung übersehen, dass es auf der schmalen Nebenstrecke auch Gegenverkehr gibt. Und nun stehen sich Lkws gegenüber ohne dass es ein Vorbeikommen gibt. Es bleibt nur ein Ausweg aus dem Dilemma, nämlich die großen Fahrzeuge langsam zurückzusetzen, was natürlich recht lange dauert.

Schließlich sind wir dem Stau entronnen und können weiterfahren ins Museumsdorf Arbanassi, wo wir am späten Nachmittag ankommen. Auf den letzten Drücker werden wir in die von außen unscheinbare Christi-Geburt-Kirche hereingelassen. In dieser Kirche sind auf Wandmalereien ca. 5.000 Figuren der biblischen Geschichten aus beiden Testamenten und der Heiligen zu finden, ein besonderes Kleinod alter orthodoxer Kirchen. Auch hier ist es strengstens verboten, zu fotografieren. Es gelingt mir aber, heimlich und ohne Blitz eine Aufnahme zu machen.

Ein weiteres Schmuckstück des Dorfes ist das Konstanzalieva-Haus, ein sehr großzügiges Haus eines Handelsreisenden, der es als Wohnstatt für seine Familie und als Repräsentanz errichten ließ. Das Haus hat sogar ein separates Wöchnerinnenzimmer, in dem die Frau des Hauses die ersten sechs Wochen nach der Geburt eines Kindes verbrachte.

In einem Lokal in Arbanassi essen wir zu abend. Es gibt den landestypischen Shopska Salat als Vorspeise und danach Banska kavyrma, ein Schmorgericht aus Fleisch und Gemüse in einem Keramiktopf. Vera kredenzt uns wie versprochen den mitgebrachten Traubenschnaps, den sie wie jedes Jahr mit ihrer Mutter zum Hausgebrauch gebrannt hat. Er ist erstaunlich mild und schmeckt mir "on the rocks" besonders gut. Vera hat uns erklärt, dass das Bier aus Shumen das beste Bier Bulgariens sei. Nun sind Biersorten ja immer Geschmacksache, aber das Shumen Bier schmeckt wirklich sehr gut. Hier prostet man sich mit "Na zdrave!" zu.

Fr. H. hat immer etwas zu nörgeln, sie weiß auf alles eine Antwort und plaziert pausenlos ihre Ratschläge und Lebensweisheiten. "Im Namen der Gruppe" lobt sie die Reiseleitung und den Busfahrer für ihre "tollen" Tagesleistungen oder erklärt ihr Gefallen über ein Essen, einen Museumsbesuch oder eine Landschaft direkt für alle... "Uns allen hat es sehr gefallen..." Sicher muss man vieles ihrem hohen Alter zuschreiben, aber ihre Impertinenz nervt uns zunehmend.

Nach kurzer Weiterfahrt erreichen wir Veliko Turnovo. Uns erwartet das fast menschenleere Interhotel, eine Bettenburg mit dem Charme eines Geisterhauses. Die Rezeption ist von einer jungen Frau besetzt, die angeblich auch Barkeeper für die Lobbybar ist. Als ich nach dem Einchecken nach einem Bier frage, schickt sie mich in ein Restaurant im gleichen Komplex. Dort gibt es aber weder Gäste noch Servicepersonal - letztere auch auf lautes Rufen von mir nicht. Ich entere die Küche und schrecke eine Spülhilfe auf. Erst jetzt setzt sich eine junge Kellnerin in Bewegung. Sie spricht weder englisch noch deutsch, aber irgendwann hat sie begriffen, was ich will. In diesem Riesenhotel mit 200 Zimmern und Suiten sind sage und schreibe 3 Angestellte zu sehen. Etwas ähnliches kenne ich bisher nur von Aserbaidschan ...


Do, 30.06.2016: Veliko Turnovo - Plovdiv

Das Erlebnis vom Vorabend setzt sich leider beim Frühstück fort. Offenbar sind wir die einzigen Gäste im Hotel. Da lohnt es sich natürlich nicht, ein Frühstücksbuffet aufzubauen. Eine junge Kellnerin bringt eine abgenutzte, laminierte Frühstückskarte an den Tisch und serviert wahlweise einen lieblos zusammengestellten, fertigen Teller Continental, English oder Bulgarian Breakfast. Dazu gibt es abgestandenen lauwarmen Kaffee. Oh jeh, ist das Bulgarische Willkommenskultur?

Wir besichtigen Veliko Turnovo. Die alte Hauptstadt Bulgariens liegt malerisch an den
Steilhängen über dem Fluss Jantra. Drei von uns steigen den Zarevez-Hügel hinauf zur Festung, in der sich der Zarenpalast, die Patriarchenkirche und zahlreiche weitere Kreuzkuppelkirchen befanden, heute sind es nur noch Ruinen. Der Rest der Gruppe - ich auch - genießen ein gutes Kaffeegetränk auf der Terrasse eines Lokals. Wir müssen die Qualität des Hotelfrühstücks kompensieren. Unser rumänischer Reiseleiter Johann hätte sich bestimmt zu den Café- Besuchern gesellt, Vera hingegen begleitet die Hügelbesteiger. Chapeau!

Wir besuchen das ethnografische Freilichtmuseum Etara in Gabrowo. Hier werden in einem idyllischen Tal in Schauwerkstätten Handwerksarten präsentiert, die die Wasserkraft des Gebirgsbachs nutzen oder nutzten. Ganz interessant, aber nicht neu für mich. Etwas Vergleichbares gibt es auch in meiner Heimat: das Westfälische Landesmuseum für Handwerk und Technik in Hagen- Haspe. Zeitgleich mit uns besuchen gleich zwei Busladungen rumänischer Jugendlicher das Museumsdorf Etara. Es herrscht gute Stimmung und die kurzberockten jungen Damen sind eine wahre Augenweide.

Vera lässt uns Kwass probieren, ein altes slawisches Getränk, das durch Gärung aus Brot hergestellt wird. Dieser Brottrunk ist mit Malzbier vergleichbar, aber weniger süß. Ich genieße lieber mit Vera einen Espresso auf heißem Sand, angeblich eine hiesige Spezialität...

Unsere Reise geht weiter ins berühmte Tal der Rosen, wo wir zunächst das thrakische Grabmal von Kazanlak ansteuern. Das Grabmal wurde zum Weltkulturerbe der UNESCO ernannt und in der Nähe originalgetreu rekonstruiert um Touristen die Möglichkeit zur Besichtigung zu geben ohne das Original zu beschädigen. Eine gute Idee. Die ca. 3 m hohe Grabkammer hat einen Durchmesser von 2,65 Meter und ist aus Ziegelsteinen gebaut worden, die nach außen hin mit Felsen abgedeckt wurden. Man sollte sie maximal zu zweit betreten (Klaustrophobie!). Auf den Wandmalereien werden Szenen aus dem Leben des Verstorbenen im 4. Jh. widergegeben. 

Und jetzt zu den Rosen. In Skobelevo erfahren wir etwas über die Rosenölerzeugung. Ich mag Rosen, aber der Duft von Rosenöl ist mir zu intensiv. Hier im Rosental werden die Damaszener- Rosen kultiviert, klein und unscheinbar, ein grüner Strauch mit rosa Tupfen. Wäre nicht dieser Duft, intensiv und fein zugleich, man würde die Rose glatt übersehen. Die Blütenknospen müssen schon sehr früh am Morgen gepflückt werden. Hat die Sonne erst ihre volle Kraft entwickelt, nimmt sie gleich den größten Teil des Ölgehaltes der Rosen mit sich. Die Rosenknospen werden in großen Kupferkesseln mit der vierfachen Menge Quellwasser gekocht und das Rosenöl herausdestilliert. Aus drei Tonnen Blüten wird nur ca. 1 l Rosenöl destilliert. Es ist daher eines der teuersten ätherischen Öle. Im Großhandel kostet 1 kg echtes bulgarisches Rosenöl mehr als 7.000 €. Es ist Bestanddteil von Medikamenten und den teuersten Parfüms der Welt.

In Skobelevo stoßen wir auf einen Komplex typisch touristischer Ausprägung, der die Produktionsbedingungen darstellt, unter denen Rosenöl erzeugt wurde und wird. Es gibt zahlreiche Verköstigungs- und Sitzgelegenheiten und natürlich auch einen Shop mit allen erdenklichen Rosenölerzeugnissen. Hier hat man gelernt, was Touris wollen...

Abends kommen wir in Plovdiv an, der zweitgrößten Stadt Bulgariens. Das Ramada Plovdiv Trimontium ist ein 4 Sterne- Hotel mit Spa, Außenpool und eigenem Spielcasino. Von außen wirkt das Hotel wie eine Kreuzung aus dem Kempinski Taschenberg Palais Dresden und dem Casino de Monaco. Doch leider gilt für das Trimontium "von außen hui, von innen pfui...", zumindest was den Service betrifft.

Heute abend essen wir an einem großen runden Tisch im ebenfalls Sterne- gekrönten Hotelrestaurant - und begegnen dem miesesten Service, den ich bei einem Hotel dieser selbstgekauften Klasse jemals erlebt habe. Der Kellner kennt kein "draught beer". Getränkebestellungen von der Karte werden fehlerhaft aufgenommen oder sind gerade nicht vorrätig. Die Standard-Vorspeise, ein einfacher gemischter Salat, ist bereits angerichtet und wird schon vor den Getränken serviert. Leere Teller werden sofort abgeräumt bzw. gegen Teller mit dem Hauptgericht ausgetauscht. Ich habe den Salat nicht aufgegessen, aber Messer und Gabel erkennbar nebeneinander auf den Teller gelegt - ein bekanntes Zeichen dafür, dass der Gast den Gang oder die Mahlzeit beendet hat. Anstatt den Salatteller abzuräumen, setzt mir die Bedienung den Teller mit dem Hauptgericht fast unerreichbar für mich hinter den Vorspeisenteller und entfernt sich. Ich rufe sie zurück und frage auf Englisch, warum Sie den Salat nicht abräume und wie ich an den Teller mit dem Hauptgericht kommen soll. Sie schaut erschrocken, hat mich verstanden und korrigiert ihren Fehler.

Die Fehlerkette läuft weiter. Alle sind mit dem Verzehr des Hauptgerichtes beschäftigt als die Kellner schon den Desserteller mit einem Stück Kuchen plazieren. Unmittelbar darauf wird ungefragt eine zudem fehlerhafte Gesamtrechnung für die Getränke präsentiert. Einige von uns essen dabei noch ihr Dessert. Wir werden nicht mehr nach Kaffee oder Tee gefragt.

Ganz offensichtlich wird im besten Hotel am Platz aus Kostengründen im Service ungelerntes und ungebildetes Personal eingesetzt. Vera bestätigt diese Einschätzung und ihre eigene Verärgerung über die Personal-Sparpolitik des Hotels. So werden die Anstrengungen vieler Bulgaren konterkariert, die sich bemühen, ihr Land auf Augenhöhe mit anderen EU- Ländern zu präsentieren. Das richtige Verständnis für Marktwirtschaft und Service ist in diesem Hotel jedenfalls noch nicht angekommen.

Weil sie in Bulgarien keine Zukunft sehen, wandern die talentiertesten Fachkräfte aus - seit Jahren schon. Was wird aus Bulgarien werden?


Fr, 01.07.2016: Plovdiv - Rila-Kloster - Sofia

Morgens laufen wir mit Vera durch die absolut sehenswerte Altstadt von Plovdiv mit ihren schönen Bürgerhäusern aus dem 18. und 19. Jh.. Der Rundgang durch die Altstadt ist wegen der Steigungen und des extrem unebenen Kopfsteinpflasters nur Besuchern anzuraten, die gut zu Fuß sind und ein angemessen rustikales Schuhwerk tragen.

Wir besuchen zunächst die Überreste des römischen Theaters, das Marc Aurel 170 n.Chr. errichten ließ. Es fasste damals 30.000 Zuschauer. Heute werden hier manchmal Verdi- Opern inszeniert.

Ein besonders schönes großes Bürgerhaus, das Balabanov-Haus, gehörte einst einem reichen Bankier. Es beeindruckt durch seine auffallend schöne Fassade und seine prächtige Inneneinrichtung. Das Großbürgertum lebte auch vor 200 Jahren hier sehr herrschaftlich.

Das Argir-Kujumdžioglu-Haus ist ein Beispiel des "Plovdiver Barock". Mitte des 19. Jh. von einem reichen Kaufmann errichtet beherbergt es heute das ethnografische Museum.

Der Busfahrer wartet schon auf uns. Unser Tagesziel ist das im Süden gelegene Rila- Kloster, ein Höhepunkt unserer Reise.

Das Kloster, das sich pittoresk an die Berge des Rila-Gebirges anschmiegt, begeistert außer durch die Lage auch durch seine besondere Architektur. Kloster Rila ist das bulgarische Nationalheiligtum und das Zentrum des bulgarisch orthodoxen Glaubens.

Ich sage zu Vera, dass mir die Ikonenmalerei auch aus jüngster Zeit eher als "naive Malerei" erscheine. Schließlich würden bei den Darstellungen Perspektiven und Größenverhältnisse vernachlässigt obwohl die Technik doch seit langem bekannt sei. Damit habe ich wohl ins Fettnäpfchen getreten. Vera wehrt sich gegen die Klassifizierung "naiv", es würde strikt in Fortsetzung alter Traditionen gemalt. Bei der Darstellung der Heiligen käme dem Umfeld gar keine Bedeutung zu, weshalb die Heiligen oftmals größer dargestellt würden als ihre Umgebung. Da kommt Frau H. ihr zu Hilfe. "Das nennt man Bedeutungsperspektive, Bedeutungsperspektive, Bedeutungsperspektive..." Sie kriegt sich gar nicht mehr ein.

Nicht jeder weiss, dass auch der Verhüllungs- Künstler Christo ein gebürtiger Bulgare ist.

Das Tagesziel ist Sofia, wo wir abends im Hotel Festa ankommen.

Wir essen wieder mal im Hotel. Unsere Greisin hat ihren finalen Auf- und Abtritt. Sie meint die Gespräche der abendlichen Runde moderieren zu müssen. Nur treffen ihre Moderationsversuche auf keinerlei Echo. Sie nervt einfach nur noch.


Sa, 02.07.2016: Sofia - Abreise

Am Morgen ist noch eine kurze Stadtrundfahrt in Sofia vorgesehen - mit dem Besuch der Alexander-Nevski-Kathedrale, der größten orthodoxen Kathedrale auf dem Balkan. Auch hier: Fotografier- Verbot. Was ich hier erlebe, ist jedoch eine fast perfekte Überwachung. Sowohl in geistliche Gewänder gehüllte als auch zivil gekleidete Aufpasser beobachten jeden Besucher mit Argusaugen. Schlimmer als an den heimischen Supermarktkassen, wo die Kassiererinnen angehalten sind, jeden Kunden als potenziellen Dieb zu inspizieren!

Sobald jemand nur den Anschein erweckt, mit seinem Handy - auch ohne Blitz - fotografieren zu wollen, stürzt sich ein Aufpasser mit toternstem, bösen Blick auf ihn und ermahnt ihn an das Fotoverbot. Dann sollen sie doch Fotoerlaubnis- Tickets verkaufen, sie können die eine oder andere heimliche Aufnahme ja doch nicht verhindern...

Das Nationaltheater, die russische Kirche Hl. Nikolai, das Parlament und die Universität sehen wir nur von außen bzw. im Vorbeifahren. 

Nach einem kleinen Mittagsimbiss besichtige ich noch mit meiner Mitreisenden Sylke das Archäologische Museum Bulgariens mit dem einmaligen Goldschatz der Thraker. Zu sehen ist u.a. eine goldene Totenmaske. Der Goldschatz wird in einem streng bewachten separaten Tresorraum ausgestellt.

In Bulgarien ist mir an vielen Orten bewusst geworden, dass hier mit Schwarzgeld alles erreicht und gebaut werden kann. Woher das Geld kommt, scheint niemanden zu interessieren, nicht einmal den Fiskus des Landes. Ich bin davon überzeugt, dass es aus illegalen Geschäften resultiert. Und das macht mich wütend, denn Bulgarien hängt wie kein anderes Land am Finanzttropf der EU, Bulgarien ist ein Nehmerland erster Klasse. Langsam verstehe ich den Engländer, mit dem ich in Bukarest gesprochen hatte... Doch nicht Mad Dogs & Englishmen?

Auf dieser Reise gab es wie erwartet keine kulinarischen Höhepunkte, so dass ich mich bei der Erwähnung von Essen und Trinken auf das Wesentliche beschränkt habe. Bulgarien hat viel touristisches Potenzial. Leider konzentriert sich der Urlauberstrom fast ausschließlich auf die Schwarzmeerküsten Goldstrand und Sonnenstrand.

Am Abend fliege ich via München zurück nach Düsseldorf.

Deutschland schlägt am späten Abend erstmals in einem internationalen Fussball- Turnier die Italiener (7:6 i.E.). Ich bekomme zuhause noch gerade eben die letzten beiden Elfmeter mit... Leider verlieren wir dann kurz darauf im Halbfinale gegen die Gastgeber, die Franzosen. Aber nicht Frankreich, sondern Portugal wird Europameister. C´est la vie!

Auf dieser Reise habe ich besonders die Begleitung von Karin und Franz aus dem Odenwald und von Sylke aus Berlin sehr geschätzt. Viele Grüße!

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Das sind meine Reiseliteratur- Empfehlungen für Bulgarien:

Während meiner Reise durch Bulgarien hat mich der Band Rumänien aus der Reise-Know-How Reihe mit zusätzlichen Informationen versorgt. Aufgrund der überaus kompetenten und informativen Reiseleitung durch unsere Reiseleiterin Vera war er aber weitgehend überflüssig. Aber es gibt auch andere Reiseleiter...

Darfs vielleicht Belletristik sein? Dann besorgen Sie sich den Roman "Grandhotel Bulgaria" von Angelika Schrobsdorff. Die Autorin schildert darin die ernsten und teilweise erschütternden Zustände in Bulgarien nach der Wende. Vieles davon hat leider bis heute Bestand.


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