1. Tag, Donnerstag, 21.04.2022

Sardinien, historisch betrachtet die Insel der Banditen, Bauern und Hirten, ist mein Reiseziel. Banditen deshalb, weil damalige Invasoren ihre Gesetzesbrecher hier entsorgt haben und es bis vor kurzem das Brigantentum in den Bergen gab. Bauern, weil die Menschen schon immer dem Inselboden schmackhaftes Obst und Gemüse entlockt haben, und Hirten, weil die Schaf- und Ziegenhaltung einen wesentlichen Ernährungsbeitrag lieferte. Die italienische Insel Sardinien liegt näher an Afrika als an Europa - wenn man einmal vom 12 km entfernten Korsika absieht, das zu Frankreich gehört. Beide Inseln liegen geologisch auf derselben Bodenplatte, der korsisch-sardischen, die sich im Tertiär vom nördlichen Festland gelöst hat und südwärts gedriftet ist.

Ich habe bei Studiosus die Gruppenreise "Sardinien kulinarisch" gebucht. Diesmal also keine Politik, sondern wieder mal was für Foodies! Nomen est omen? Ob die Reise wohl hält, was der Titel verspricht? Um 10:15 startet der Flug von Frankfurt via München nach Olbia. Null Wartezeiten bei Check-In und Security! Perfekte Organisation! Wohl eher Zufall...

Sardinien begrüßt uns mit Schietwetter, einem Regentag.

Unsere Reiseleiterin ist Daniela Piras, Vater Sarde, Mutter Deutsche. Sie hat Archäologie und Alte Geschichte studiert und schon zahlreiche Gruppen kenntnisreich durch Sardinien geführt. Buona sera signora! "Guten Abend!" sagt man auf Sardinien bereits nach dem Mittagessen. Na ja, in Norddeutschland sagt man ganztägig "Moin!".

Das Hotel für die erste Nacht ist das Airone in Arzachena bei Baia Sardinia. Im Hotel- Restaurant gibt es ein Kennenlern- Dinner von wenig begeisternder Qualität (eine Enttäuschung!) für die Gruppe, bei dem Daniela einen sardischen Toast ausbringt:
"A kent' annos!" Auf hundert Jahre! ... "A una lunga vita!" Auf ein langes Leben!... und auf unsere Tage auf der jetzt, Ende April, grünen und blühenden Insel Sardinien.

2. Tag, Freitag, 22.04.2022

Smaragdküste und Korkeichen

Tagestemperaturen um die 20° C erwarten uns an den nächsten Tagen, Sonne und nur einmal noch ein kleiner Schauer. Unsere Rundreise über die Insel beginnt in Porto Cervo, dem bescheidenen Design- Domizil der Reichen und Schönen an der Smaragdküste. Hier bin ich völlig falsch - als hätte mein inneres Navi mich in ein Hafenbecken gelotst. Zu viel Luxus macht blind, selbst oder gerade mit der teuersten Sonnenbrille, die es hier zu kaufen gibt. Die Multimillionäre und Oligarchen dieser Welt geben sich in Porto Cervo ein Stelldichein. Letztere zumindest bis zum Beginn des Putinschen Vernichtungskrieges gegen die Ukraine. Italien hat deren Villen und Yachten an die Leine gelegt, gut so! Ich werde hier jedenfalls nicht wie ein Kind mit großen Augen durch die Spielzeugabteilung laufen.

Am Coddu Vecchiu, dem alten Hügel, wachsen die Reben eines kostbaren DOCG- Weißweins, des Vermentino di Gallura. Höchste Qualitätsstufe!

Und hier, in bester Weinreben- Erde, ruhen auch die Ahnen der bronzezeitlichen Nuraghier (17.-9. Jh. v.Chr.). Wir besuchen die Grabanlage von Su Monte de s’Ape, ein Gigantengrab. Das Großsteinkammergrab der Nuraghen- Kultur in Sardinien zählt europaweit zu den spätesten Megalithanlagen. Vor der Grabkammer steht eine Granitstele mit einer kleinen Öffnung am Boden, dem Zugang zur Kammer. Diese Stele und weitere Steine des halbkreisförmigen Vorhofs hat man rekonstruiert während die Kammer und ihre Umbauten nahezu komplett erhalten sind.

In der einfachen Vorstellungswelt unserer Vorfahren waren solche Grabanlagen die Gräber von Riesen, also Giganten. Daher der Name. Die Archäölogen haben den alten Volksglauben jedoch widerlegt. Es sind Gemeinschafts- Grabkammern, die ihren Namen allein ihrer Größe zu verdanken haben, in deren Längsausdehnung die Toten aber "quer" bestattet wurden. Okay, Erich von Däniken und Konsorten haben sich geschäftstüchtig den Altvorderen angeschlossen und ihren Glauben noch um ein paar Aliens angereichert. Auf Sardinien hat man bisher 300 solcher Grabanlagen entdeckt. Auch bei uns gibt es die sogenannten "Hünengräber" aus der Spätsteinzeit, vor allem in Norddeutschland.

Weiter geht es durch die schroffen Granitberge der Gallura, vorbei an Steinbrüchen und Wäldern. Wir durchqueren den Norden der Insel, "Terra di Cork". Aus der Rinde der hiesigen Korkeichen entstehen bei Tempio Pausania nicht nur Weinkorken, sondern auch modische Kleidungsstücke. Kein Witz! Die schicken Kleider von Anna Grindi in ihrer Boutique Suberis sind jedoch m.E. nicht alltagstauglich, also kein Prêt-à-porter. Obwohl - das von Anna erfundene, ebenfalls Suberis genannte, extrem dünne Kork-Vlies ist von einer dünnen textilen Schicht unterlegt, antibakteriell, schmutzabweisend, waschbar, leicht, weich, und und ... Frau Grindi hat ein europäisches Patent darauf angemeldet. Das Material fühlt sich an wie ein weiches Fensterleder oder Alcantara.

Die Korkeichen werden übrigens alle 8-10 Jahre geschält um die wertvolle Korkrinde zu gewinnen. Man darf den Kork aber nur bis zu einer bestimmten Höhe schälen, sonst stirbt der Baum.

Die Fassade der romanischen Landkirche SS. Trinità di Saccargia ist abwechselnd schwarz und weiß mit Granit und Sandstein verkleidet. Sie erinnert damit an die Kathedralen von Florenz und Sienna. Im Inneren überraschen Fresken der Orthodoxen Kirche Konstantinopels. Hier kommt die 360°- Action- Cam von Hans zum Einsatz. Hans ist ein begnadeter Fotograf, der sich durch Luftbildaufnahmen aus seinem Motorsegler über viele Jahre hinweg einen Namen gemacht hat, ein sympathischer Typ, genau auf meiner Wellenlänge.

Unser heutiges Ziel ist Alghero, wo wir uns am Abend ein Fischmenü in der gemütlichen Trattoria Maristella schmecken lassen. Ein üppiges Mahl mit vielen Meeresspezialitäten erwartet uns, fürwahr ein kulinarischer Höhepunkt.

Die ursprüngliche sardische Küche unterscheidet sich stark von der italienischen. Die Küche der Hirten und Bauern ist deftig und von Fleisch und Gemüse geprägt. Brot ist eine wichtige Beilage. Das typische Hirtenbrot, Pane Carasatu, ist ein hauchdünnes, trockenes Fladenbrot, das sich lange hält. Als Pane Frattau mit Tomatensoße und Ei stellt es eine vollwertige Mahlzeit dar.

An der Küste gibt es natürlich viel Fisch und Meeresfrüchte. Saisonal beliebt sind aber auch Grillgerichte mit Fleisch, zum Beispiel Spanferkel (Su Porceddu) oder Zicklein (Agnello). Typische sardische Pasta sind Malloreddus, eine Art mit Safran bereitete Gnocchi aus Hartweizengrieß.

Und zum Nachtisch kommen der berühmte Schafskäse Pecorino Sardo und Sebadas, mit Frischkäse gefüllte Pfannkuchen, die mit bitterem Honig übergossen werden, auf den Teller.

Als Gott einst den Menschen spezielle Fähigkeiten gegeben hat, hat er beim Thema "Kochen" wohl die Italiener bevorteilt. Kurz danach kamen die Franzosen dran und dann erst mal niemand. Für den Rest Europas blieben nur noch Grund- Kochkenntnisse zu verteilen - für Eintopf, Brei und Suppe. Okay, inzwischen haben wir aufgeholt...

Unsere Herberge für die nächsten 3 Tage ist das Hotel Carlos V. ***** (ein sehr schönes Hotel mit gutem Komfort, aber sehr kleiner Bar).


3. Tag, Samstag, 23.04.2022

Alghero - Stadt des Olivenöls

In Alghero bietet sich ein Spaziergang durch die kopfsteingepflasterte Altstadt zur Kirche San Francesco und den Bastionen am Meer an. Katalanisch- italienische Straßenschilder, sandsteinfarbene Palazzi, Korallenschmuck, hier kommt mir vieles spanisch vor. Vielleicht deshalb, weil das Königreich Sardinien lange das Herz der spanisch- habsburgischen Macht im westlichen Mittelmeer war und Alghero eine spanische Enklave. Die Einwohner nennen ihre Stadt auch Klein- Barcelona.

Zum Mittag eine Focaccia Catalana, Fladenbrot mit gerösteter Paprika, spanische Paella oder doch sardische Culurgiones, eine Art Ravioli mit Käsefüllung? Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Italien ist bekanntlich ein Plastikgeld- Paradies. Selbst im Tante Emma- Laden auf dem Dorf kann man mit Karte bezahlen. Da sind wir mit unserer Bargeld- Vorliebe zuhause noch meilenweit hinterm Mond. Doch seit Corona soll es auch bei uns zu einer Trendumkehr kommen, immer mehr Plastik statt Bargeld.

Am Nachmittag spazieren wir mit der Winzerin Anna Maria durch ihre Weinberge und Olivenhaine am Rande der Stadt, das Weingut Ledà d'Ittiri. Anschließend kosten wir Wein und Öl aus ihrem Anbau. Tom gefällt einer der angebotenen Rotweine so gut, dass er direkt ein Sixpack mitnimmt. Den Wein - und später auch noch einen Grappa - bietet er die nächsten Tage zu unserer Freude als Absacker in seinem Hotelzimmer an. Er will die erlesenen Getränke nicht mit nach Deutschland nehmen. Tom ist Journalist, im DJV organisiert, und vor seiner Pensionierung zuletzt vornehmlich für den WDR tätig gewesen. Auch mit Tom verstehe ich mich auf Anhieb.

Olivenöl kann bis 220° C (Rauchpunkt) erhitzt werden, ist also auch zum Frittieren geeignet, dafür sollte man aber heißgepresstes, raffiniertes Olivenöl nehmen. Das wußte ich bisher nicht. Der Rauchpunkt darf aber nicht überschritten werden!

Am Rande von Weinbergen liegen auch die Domus de Janas, die "Feenhäuser" der Nekropole Anghelu Ruju. Hier werfen wir einen Blick in die kleinen Grabkammern der Ozieri- Kultur (3. Jt. v.Chr.). Die Menschen, die hier bestattet wurden, haben 5.000 Jahre vor uns gelebt. Das sind mal eben 250 Generationen retour! Die Länge der Ahnenreihe kann ich mir kaum vorstellen...

Am Abend haben außer mir vier weitere Mitreisende einen Tisch im Fischrestaurant Nautilus am Hafen reservieren lassen. Dieses Essen gehört nicht zum Studiosus- Programm. Allen munden die bestellten hochpreisigen Gerichte. Ich bestelle eine "Zuppa con Cozze" , also Muschelsuppe, nicht das was man vermutet, bekomme aber Miesmuscheln in Tomatensud - und Lammkoteletts. Tom wählt "Aragosta alla Catalana" von der Karte und darf sich den bestellten Hummer im Becken natürlich selbst aussuchen. Er bekommt ihn gekocht und mundgerecht zerlegt serviert. Ich frage Tom, ob ihm aufgefallen sei, dass sein Hummer keine Scheren gehabt habe. War es ihm nicht. Der Hummer entpuppte sich nämlich als Languste... Beide  Krebsarten schmecken in etwa gleich, die Languste ist nur wenig magerer, und beide kosten im Restaurant fast gleichviel. Eine Kellnerin erklärt uns mit ernstem Gesicht, dass die hiesigen Hummer eben so aussehen würden. We are (not) amused...

Wie sagte einst Fussballgott Andy Möller "Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!" Ja, aber die Italiener, namentlich Inter Mailand haben sich von Liverpool aus der laufenden Champions League rauswerfen lassen. Und das tut den Tifosi sehr weh.


4. Tag, Sonntag, 24.04.2022

Ins Land der Hirten und Nuraghen

Heute fahren wir ins grüne Meilogu, wo noch Sardisch, die Sprache der Hirten gesprochen wird. Mitten in der Vulkanlandschaft liegt auf einem Berg die einstige Festung der Genuesen, Monteleone Rocca Doria. Der Standort muss von strategischer Wichtigkeit gewesen sein. Wir fahren vorbei.

Im Tal der Nuraghier besuchen wir den bronzezeitlichen Wehrbau Santu Antine, der aus gewaltigen Basaltquadern errichtet wurde.

Über verwinkelte Wehrgänge und Wendeltreppen kann man die 17 Meter hohe Festung aus dem 12. Jh. v.Chr. hinaufsteigen. Die Sarden nennen sie wegen ihrer imposanten Ausmaße "Haus des Königs". Sie war seinerzeit vermutlich uneinnehmbar.

Die Seele der uralten Nuraghen- Zivilisation, so sagt man, wohne der Insel noch heute inne. Die Insulaner sind bis heute sehr stolz auf Ihre Vorfahren.

Ein deftiges Hirtenessen mit Spanferkel, Su Porceddu, dem sardischen Nationalgericht, und Schafsfleisch erwartet uns anschließend im abseits auf einer Anhöhe gelegenen Restaurant von Maria. Dazu wird ausgiebig Tafelwein ausgeschenkt.

Vom Brot, hauchdünn wie Papier oder kunstvoll verziert, und seiner sakralen Bedeutung erzählt und demonstriert uns danach die Brotmeisterin Marina. Brotbacken bedeutet auf Sardinien viel mehr als das Backen eines Nahrungsmittels, es handelt sich um Brotbackkunst! Die sogenannten Gebildebrote sind Opferbrote. Sie werden traditionell in den Dörfern auch zu bestimmten Anlässen und Festen gebacken. Die kleinen Kunstwerke werden mit Figürchen und Girlanden verziert, die aus dem Brotteig herausziseliert werden. Das kann kein Grobmotoriker, es bedarf jahrelanger Übung bis zur Perfektion.

Ich frage Daniela nach der Mafia auf Sardinien. Doch die gibt es hier nicht, erklärt sie. Dafür gab es bis Ende des letzten Jhdrts. Banditen auf der Insel. Diese Briganten, verarmte oder landlose Bauern, Tagelöhner, Hirten und Handwerker, unterstützten als Unabhängigkeitsbewegung vor allem die Truppen Garibaldis in der Hoffnung, dass sich die sozialen Verhältnisse für sie ändern würden. Orgosolo, ein kleiner Ort im sardischen Bergland in der Nähe von Nuoro, war die Hochburg der Banditen und Graziano Mesina ihr Boss. Liebhaber des gepflegten Nervenkitzels und des vergangenen Brigantentums pilgern bis heute in den Ort, wo es sehr politische Murales und Einschußlöcher in den Straßenschildern zu besichtigen gibt.

Die "Ehrenwerte Gesellschaft" Mafia und ihre Schwesterorganisationen Cosa Nostra, Camorra und Ndrangheta hingegen, erläutert Daniela, durchsetzten die italienische Gesellschaft und wurden so eine wirtschaftliche und politische Macht.

In Sachen Brutalität sollen die sardischen Banditen den Mordbuben vom Festland und aus Sizilien in nichts nachgestanden haben.

Abends begnügen wir uns statt schwerer Kost mit einem Imbiss im Hotelrestaurant. Dazu einen leckeren Rotwein aus dem Süd-Westen der Insel, einen Cannonau, alternativ das lokale Bier, Birra Ichnusa. Nicht zu vergessen, als Digestif einen Mirto, ein aus Pflanzenteilen der Myrte gewonnener Likör, den es als rosso (aus den Beeren) oder als bianco (aus den Blättern und Blüten) gibt. Ich bevorzuge den eher seltenen Mirto bianco.


5. Tag, Montag, 25.04.2022

Bosa - Goldschmuck und Murales

Entlang der traumhaften Küstenstraße erreichen wir Bosa, malerisch am Temo gelegen.


Heute ist ein nationaler italienischer Feiertag, der anläßlich der Befreiung vom Faschismus gefeiert wird. Und in Bosa wird zusätzlich das jährliche Bierfest gefeiert.

Der Juwelier Francesco zeigt uns in seinem kleinen Laden wie man aus ganz dünnen Goldfäden kunstvollen filigranen Goldschmuck herstellt. Eine vergleichbare Technik kenne ich aus Toledo unter dem Begriff "Damascening". Dort legt man Goldfäden in schwarzen Stahl zu dekorativen Mustern ein. In einem anderen Geschäft Bosas wird Schmuck aus roten Korallen angeboten.

Die Bewegungsfans unter uns führt Daniela durch die Altstadt hoch hinauf aufs Kastell, von wo man den Blick zur Flussmündung und zum Meer genießen kann. Der Rest der Truppe genießt das Treiben der Menschen, die das Volksfest an zahlreichen Ständen und in den Lokalen feiern.

Kunstvoll geht es am Nachmittag weiter: Wir treffen
Pina Monne
, die sich einen Namen mit Murales, großformatigen, meistens sozialkritischen Wandfresken, aber auch mit Keramiken gemacht hat.

Die traditionelle Form der Street Art findet sich auch an den Hauswänden der Dörfer im Eisenbergmassiv Montiferru. Solche Wandmalereien (murals) gibt es auch in Belfast und Derry, Nordirland, zu sehen, allerdings ausschließlich mit politischen Inhalten.

Wir fahren weiter durch die Berge bis zur flachen Küste des Sinis´ und checken für die nächsten 2 Nächte ein im Hotel Raffael****, Putzu Idu. Es handelt sich um ein eher laienhaft geführtes Hotel. Das Personal ist jedoch sehr freundlich und zuvorkommend. Man spricht sogar deutsch... Deutsch spricht auch unsere liebe Martina aus Wien, eine Mitreisende, deren Weaner Dialekt von allen gemocht wird. Man fühlt sich sofort an Sacher Torte, Mozart- Kugeln und Kaiserschmarrn erinnert. So lovely!

In Putzu Idu gibt es Flamingos zu sehen. Sie stehen in einer Lagune, in der auch Mückenlarven prächtig heranwachsen. Allerdings nicht jetzt. Im Sommer gibt es auf Sardinien regelmäßig eine Mückenplage. Da kann es passieren, dass man in einigen Orten kein Mückenspray mehr bekommt. Ich habe sicherheitshalber Nobite mitgenommen, benötige es aber nicht. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts war Sardinien ein Malaria- verseuchtes Gebiet. Dem sind die Amerikaner wirksam mit DDT begegnet. Seitdem übertragen die Mücken zwar keine Malaria, aber neuerdings gibt es Fälle von Infektionen mit dem West-Nil-Fieber- und Usutu-Virus. Die Viren verfolgen uns eben überall...


6. Tag, Dienstag, 26.04.2022

Von heiligem Wasser, Messern und Pferden

In Fordongianus am Ufer des Flusses Tirso liegen die Reste römischer Badeanlagen. Es handelt sich um eine eher kleine Therme.

Wir fahren weiter zum Brunnenheiligtum von Santa Cristina, wegen des alten Wasserkultes gern besuchtes Ziel von Esotherikern und eine der spektakulärsten archäologischen Stätten Sardiniens. Das Heiligtum geht auf das 11.- 9. Jh. v.Chr. zurück und ist perfekt erhalten. Vollständig aus Basalt errichtet stellt es den Höhepunkt der religiösen Nuraghen-Architektur dar. Erst vor ca. 60 Jahren hat man die Stätte ausgegraben und damit ans Licht der Öffentlichkeit gebracht. Auf Bodenebene öffnet sich ein dreieckiges, von ovalen geschwungenen Mauern eingefasstes Loch, in dem eine Treppe mit 25 glattgeschliffenen Basalt- Stufen durch einen Gang hinab zum runden Brunnen führt. Über diesem ragt ein flaschenförmiges Gewölbe. Es endet in einem kaminartigen Steinschlauch, durch den Licht auf das Wasser fällt. Manche Beschreibungen vergleichen die Anlage mit einer gigantischen Vagina bzw. Vulva, andere mit einem Schlüsselloch.

Danach geht es hinauf in die Berge, bis wir Santu Lussurgiu erreichen. Das Dorf liegt in der Caldera eines erloschenen Vulkans.

Hier speisen wir im Ristorante Antica dimora del Gruccione (Top!). Wir bekommen in diesem Slow Food- Restaurant ein Lunchmenü aus selbstgebackenen Brotrosen, eine schmackhaften Möhrensuppe mit gehackten Pistazien, ein Risotto mit örtlichem Käse, Hähnchenbrust an eingelegter Artischockenscheibe mit Blumenkohlröschen und als Dessert Orangen- Panacotta - alles ausschließlich von regionalen Erzeugern. Dazu wahlweise einen Rot- oder Weißwein sowie Mineralwasser. Kein Sternemenü, aber von wirklich guter Qualität. Die können zwar noch mehr, das bestellte Essen ist aber preislich limitiert.

Vor der Rückfahrt schauen wir beim örtlichen Messerschmied vorbei, der uns die Schmiedetechnik erklärt und seine Preise nennt. Für ein Hirten- Klappmesser brauche er acht Stunden Herstellungszeit, das Messer soll 200 € kosten. Zuviel für diese Qualität - meint Lutz, unser Jäger und Messerexperte in der Gruppe, und bewahrt mich vor einem voreiligen Kauf. Lutz erinnert mich an den englischen Schauspieler David Niven - very british! Er ist Würdenträger eines christlichen Jagdordens. Ich fühle mich geehrt, seine Bekanntschaft zu machen, wir duzen uns, wie fast alle in der Gruppe. Auch seine Frau Karin ist sehr sympathisch.


7. Tag, Mittwoch, 27.04.2022

Bottarga und Vernaccia

Am Golf von Oristano findet der Besucher Dünen, Salzseen und fischreiche Lagunen mit Flamingos. Um das Land an den Seen kämpften einst Nuraghier, Punier und Römer. An der Spitze der Halbinsel Sinis liegen die Ruinen des punisch-römischen Tharros, das wir ausgiebig besichtigen. Es gibt dort Zeugnisse der kathargischen Kultur zu sehen, so etwa einen Tophet, einen Kinderfriedhof, mit seinen kleinen Grabsteinen zum Andenken an verstorbene Kinder und Darstellungen der Göttin Tanit. Das kenne ich bereits aus dem ca. 400 km Luftlinie entfernten Karthago (Tunis).

In der Nähe der Ruinen von Tharros liegt in einem Dorf die byzantinische Kirche San Giovanni di Sinis, ein sehr schlichtes Kirchlein.

Noch heute fahren Fischer stehend auf ihren Schilfbooten, Fassonis, über die Lagunen. Das sehen wir nicht, erinnert mich aber an die Beinruderer- Fischer vom Inlesee in Myanmar. Es werden vornehmlich Meeräschen gefischt.

Von den weiblichen Meeräschen gewinnt man den Rogen, der getrocknet als Bottarga verkauft wird - nicht gerade preiswert, 150 bis 200 EUR kostet das Kilo. Bottarga wird auch als Kaviar des Mittelmeers bezeichnet. Zusammen mit einer zarten Meeräsche und Schnittlauch sind hauchdünne Bottarga- Scheibchen eine Delikatesse für Fischfreunde. Dazu gibt es natürlich Pasta - Spaghetti, Linguine oder Fregola. Bottarga kann man auch fertig gerieben kaufen. Das ist die gebräuchlichere Form.

Aus der Vernaccia-Rebe wird hier ein ganz besonderer DOC-Weißwein gekeltert, den wir auf dem Weingut Contini probieren.

Tipp:
Eine sehr empfehlenswerte website mit vielen sardischen Rezepten nebst online-shop für sardische Produkte ist www.tiposarda.de


8. Tag, Donnerstag, 28.04.2022

Nuraghen und Honig?

Auf gehts in den Süden der Insel, wo uns in Barumini Su Nuraxi erwartet, die größte je ausgegrabene Nuraghen- Festung aus dem 2. Jt. v.Chr. und UNESCO-Welterbe. Beeindruckend ist der aus Tonnen schweren Basaltblöcken aufgeschichtete Mittelturm, dessen oberste Plattform sich auf 19 m Höhe befand. Seine Besteigung ist aber nur Menschen ohne jede körperliche Einschränkung zu empfehlen.

Zu Mittag essen wir im Cavallino della Giara. Hier gibt es als besondere Spezialität Steaks vom Wildpferd. Einige haben sich über Daniela dieses heute nur noch selten angebotene Fleisch vorbestellen lassen. Sie äußern sich überwiegend positiv über den Geschmack. Das Restaurant hat Platz für mehr als 100 Personen, aber anscheinend nur 2 Speisekarten- Exemplare...

Im Anschluß erklärt uns die Imkerin Marinella in ihrem Laden die Herstellung von bitterem Honig und Abbamele, einer leckeren Zubereitung aus Honig und Orangenschale. Alles darf probiert werden. Ich nehme mir auch gleich ein Döschen Propolis mit, eine von Bienen hergestellte harzartige Masse mit antibiotischer, antiviraler und antimykotischer Wirkung. Es gibt viele Anwendungsmöglichkeiten, ich kenne es zur Behandlung kleinerer Hautverletzungen. Natürlich kann ich auch zu Torrone Sarde aus Honig, Mandeln und Eiweiß nicht Nein sagen - dem Klassiker.

Wir erreichen Cagliari, die Hauptstadt Sardiniens. Für die letzten 2 Übernachtungen hat der Veranstalter das Hotel Regina Margherita **** gebucht, ein wirklich gutes Stadthotel in zentraler Lage.

Abends in Cagliari gehen wir selbst auf kulinarische Erkundungstour.

Es gibt eine weitere sardische Spezialität, die Fregola- Nudelkügelchen, die es naturell, geröstet und/oder mit Bottargapulver versetzt gibt. Geröstet sind sie würziger und nussiger und besonders lecker mit dem fischigen Geschmack von Bottarga. Ein Hochgenuß sind fregola sarda tostada mit Vongole (Herzmuscheln) und einer Prise Bottargapulver. Yummy!

An den Straßen und Gassen um unser Hotel im Marina-Viertel liegen schicke Restaurants und einfache Trattorien. Die Viale Regina Margherita führt direkt hinunter zum Hafen.


9. Tag, Freitag, 29.04.2022

Cagliari – Sardiniens Hauptstadt

Zum Abschluss und Höhepunkt unserer Rundreise besichtigen wir einige Highlights von Sardiniens Hauptstadt, zwischen Kalkfelsen und Salzseen gelegen, vom Kastell gekrönt, von der Hafenpromenade Via Roma gerahmt. Wir laufen hoch zum Dom, der Cattedrale di Santa Maria, errichtet im gotisch-pisanischen Stil und mehrfach umgebaut. Die Pracht des Inneren, der Boden aus Buntmarmor, die kunstvollen Fresken und Skulpturen, die Marmorkanzel aus dem 12. Jh. und die Krypta erschlagen den Besucher, uns auch.

Weiter geht es zum Nationalen Archäologischen Museum. Hier erzählt uns Daniela noch einmal die Geschichte der Nuraghier anhand der ausgestellten Exponate. Stein- und Bronzefiguren, aber auch Keramik und Schmuck geben die Kunstfertigkeit dieses 3.000 Jahre alten Kulturvolkes wider. Besonders beeindruckend ist die Detailtiefe der kleinen bronzenen Statuetten. Sie stellen u.a. Bogenschützen, Ringer, Schafhirten und Musiker dar. Inzwischen sind wir Experten in Sachen Nuraghenkultur geworden.



Nach soviel Kultur wollen wir wieder dem Weltlichen frönen und besuchen die Markthallen des Mercato di San Benedetto. Das lassen wir uns nicht entgehen. Hier kann man die leckeren sardischen, stacheligen Artischocken und den besten Safran Italiens erstehen.

Im Untergeschoß befindet sich die Seafood- Abteilung mit vielen Sorten Fisch, Kopffüßlern, Muscheln, Schnecken, Seeigeln, Krebs- und Krustentieren. Eine Etage höher werden Fleisch, Gemüse, Obst und Milchprodukte verkauft. Ein Paradies für Foodies!

Hier kann man auch das legendäre Mastix-Öl erwerben, allerdings in homöopathischen Dosen. Das Öl soll eine gesundheitsfördernde Wirkung auf Haut und Haar haben. Es wurde früher von der Landbevölkerung auch als Speiseöl verwendet. Das Olivenöl war den Reichen vorbehalten.

Und dann gibt es da noch den kulinarischen Mythos der Insel, den Casu Marzu. Es handelt sich um einen Madenkäse, der seit fast 20 Jahren nicht mehr in der EU verkauft werden darf. Der Grund: um den Pecorino zur vollen Geschmacksentfaltung zu bringen, muss die Käsefliege ihre Eier hineinlegen. Die daraus schlüpfenden Maden verdauen den Käse
teilweise und lassen ihn gären. Allein die Vorstellung bereitet mir Ekelgefühle. Viele Sarden mögen den Casu Marzu, der nur noch privat hergestellt wird und unter der Hand weitergegeben wird, für Fremde also so gut wie gar nicht zu bekommen ist. Ich esse den Pecorino sowieso lieber ohne Maden.

Hunger? Bei Giorgio Borrelli gibt es die besten Panini des Landes. Er wurde zum "Artista del Panino 2016" (Sandwich-Künstler 2016) gewählt. Dem mit sardischen Zutaten zubereiteten "Panino Gourmet" hat Borrelli zu Ehren seiner Frau Valentina den Namen "Tu si que vale" gegeben. Die Hauptzutaten sind: geräucherte Ricotta, Paté von Saubohnen, Zucchini und Schweinebacke. Das wahre Geheimnis seines Panini-Rezeptes sei aber, so betont Borrelli, der bittere sardische Honig vom Erdbeerbaum (miele di corbezzolo). Das Panino gibt es zu genießen im Caffe Valentina, Via Pessina 20 /Ecke Via Palomba. 
(Quelle und Linkempfehlung: https://www.sardinien-auf-den-tisch.eu)

Als Alternative zu den Panini bietet sich für Fastfood die vielfach ausgezeichnete Pizzeria "Framento" des Spitzenkochs Pierluigi Fais an. Hier gibt es Pizza aus Sauerteig (!), alles Bio, nur lokale Zutaten.

Pardulas, sardische Käsetörtchen – sind eine der leckersten sardischen Gebäcksorten. Früher nur zu Ostern gebacken sind sie heute das ganze Jahr über erhältlich. Jedoch gibt es kein Originalrezept, nur Familienrezepte.

Nachmittags bleibt Zeit, sich noch in aller Ruhe umzusehen und Spezialitäten zu erstehen. Ich entdecke ein Schild "Tequila Bum Bum". Hallo? Was ist das denn? Ein Cocktail aus Tequila und Sekt! Wieder was dazugelernt. Am Ende macht alles einen Gin....

Beim Abschiedsessen in einem nahegelegenen Restaurant klingt unser Urlaub aus. Das Menü ist leider nur durchschnittlich, der Wein dagegen wie immer gut. Ich darf die Dankesrede für die Gruppe halten und das Trinkgeld überreichen. "Danke Daniela, wir hatten viel Spaß, es war schön mit Dir als Reiseleiterin!"

Wir genießen ein letztes Mal die berühmten Weine der Insel, die Roten wie Cannonau di Sardegna (DOC), einen milden, aber schweren Rotwein aus der Rebsorte Grenache, und den in unserer Gruppe so beliebten Rotwein, Monica di Sardegna. Für die Weißwein- Liebhaber natürlich den Vermentino di Sardegna. Es wird immer lauter in dem voll besetzten, gewölbeartigen Speiseraum. Eine Konversation ist hier leider fast unmöglich. Auf gehts in die Bar unseres Hotels...


10. Tag, Samstag, 30.04.2022

Arrivederci, Sardegna!

Mein Fazit für diese Rundreise:

Die Reiseleiterin Daniela Piras haben alle Mitreisende als sehr sympathisch und kompetent empfunden, eine wirkliche Bereicherung der Rundreise!

@Studiosus:

Der Veranstalter hätte ins Reiseprogramm mehr Begegnungen mit Hirten, Bauern und/oder Fischern einbauen können und dafür auf einige archäologische Sightseeing Points verzichten sollen. Wenn man eine Reise als "kulinarisch" ausschreibt ("In Sardinien wird man älter, weil man besser isst"), darf man weder eine Wanderreise noch eine Studienreise - oder eine "Steinhaufen- Rallye" veranstalten, wie es ein Teilnehmer ausdrückte.

Unsere Reisegruppe hatte 23 TeilnehmerInnen. Das sind entschieden zu viele. Veranstalter, die Wert auf eine individuelle Betreuung legen, begrenzen die Teilnehmerzahl auf max. 16 Reisende. (Natürlich gibt es auch Low Budget Tours für Reisegruppen mit 40 und mehr Teilnehmern - das will ich nicht weiter kommentieren.)

Overall ist diese Reise jedoch empfehlenswert. "Der Vergleich ist der Dieb der Freude" sagte einst Mark Twain. Recht hat er. Wer auf dieser Reise Haute Cuisine bzw. Sterneküche erwartet, sollte mal über den Reisepreis nachdenken...

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Und das sind meine Reiseliteratur- Empfehlungen für Sardinien:

- Sardinien - ReiseKnowHow Handbuch von Peter Höh
- Sardinien - ADAC Reiseführer mit Maxi-Faltkarte

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